zu finden . Ich folgte ziemlich geschickt den Subtilitäten der Dialektik , welche wie auf dem gespannten Seil der Tänzer seine Schritte , vorsichtig und pünktlich ihre Beweise setzt . Kam nun aber der Augenblick wo der letzte Beweis dem fraglichen Punkt die Krone aufsetzen oder ihn zu Boden schmettern sollte , so faßte ich ihn gelassen ins Auge und sprach zu mir selbst : Also die sogenannte Wahrheit dieses Lehrsatzes ist bewiesen ; nun gut ! was man mir bewiesen hat glaub ' ich aber nicht , und mir thut Glaube noth ! - - Das war höchst richtig ; nur bedachte ich nicht daß man aus Büchern freilich Ueberzeugungen , aber nimmermehr Glauben schöpfen kann . Glaube ist das Element in welchem eine liebende , schwungvolle , kräftige Seele zugleich ihre Wiege , ihre Ruhe und ihre Nahrung findet . Da unsre Zeit einen unermeßlichen Mangel an Liebe , Schwung und Kraft hat , und da ich eine ächte und rechte Tochter unsrer Zeit bin , so war meiner Seele nichts so fern als grade der Glaube . Ich las und las unermüdlich weiter . Gott , wie disputirte ich zuweilen mit meinem guten Onkel über die Mysterien und Wunder der Kirche . O wie oft sagte er gelassen : » Kind ! Du weißt nicht woher der Wind weht - nicht wie die Sterne der Milchstraße gehen - nicht woher der dürre Zweig die Rose treibt - nicht was das Leben ist - nicht wohin der Tod Dich bringt . Wenn Du das Alles wirst ergründet haben , dann sage : es giebt keine Mysterien ! dann will auch ich zweifeln ! bis dahin glaub ' ich an sie . Was bedeutet denn das : Mysterien und Wunder verneinen ? sehr wenig , mein liebes Kind ! nur etwa dies : den Sternenhimmel leugnen , weil man die Nächte hindurch schläft ; oder die Sonne leugnen , weil man in einer Nebelatmosphäre lebt . Die Verneinung , Kind , hat es immer nur mit Schatten , nicht mit den Wesen zu thun . In der Bejahung liegt ein Sein , eine Essenz , ein Leben ; sie verfährt schöpferisch , wie die Wahrheit , wie die Allmacht , wie die Liebe . Die Negation ist impotent , und ich meine daß nur dürftige Naturen , nur unvollkommne Charactere bei denen die kritisch forschende Richtung das Herzblut in Gehirn verwandelt hat , sich ihr hingeben können . Hast Du diese Richtung so wende Dich der Wissenschaft zu : da kannst Du ergründen und erkennen , und das kann Dir vielleicht eine gesunde , heilsame Nahrung sein . Die Religion bietet freilich ein ganz andres , höheres Labsal , allein nur glauben und lieben gilt in ihr , und dies beruht auf Intuition nicht auf Forschung . » Welch eine Ungerechtigkeit des gerechten Gottes , rief ich heftig , mit dieser Intuition nur einige Auserwählte begnadet zu haben . « » Meinst Du ? sagte er mild . Nun , laß Dir doch einmal von dem geschwätzigen Alten eine Parabel erzählen . Ein Gärtner sprach zu seinem ältesten Sohn : In diesen Blumentopf habe ich den Kern einer köstlichen Frucht niedergelegt . Laß ihn keimen , treiben , wachsen im Stillen und in der dunkeln Erde ; gieb ihm Wasser , gieb ihm auch Sonne und Schatten je nachdem er es bedarf ; laß Dir Zeit , und es wird daraus der schönste Baum der Welt werden Der Sohn that nach des Vaters Gebot , ließ sich keine Mühe , keine Zeit , keine Geduld verdrießen , und siehe ! allendlich kam der Keim glänzend grün über der schwarzen Erde zum Vorschein , wuchs , trieb Blätter , ward ein Stämmchen , ein Stamm , ein Baum , immer ganz langsam und allmälig - - und zuletzt .... der schönste Baum der Welt , der Orangenbaum ! Wie freute sich der Sohn über diese Herrlichkeit ! Laub , Blüten , Früchte - Alles war unvergleichlich ! Schatten , Duft und Erquickung strömten in Fülle auf ihn nieder , und alle Tage seines Lebens dankte er dem Vater für dies segensreiche Geschenk und bat ihn es vererben zu dürfen auf Kind und Kindeskind ; und der gute Vater Gärtner entgegnete freundlich : Dazu habe ich Dir eben den Baum geschenkt . - Für seinen jüngern Sohn hatte er desgleichen einen Kern in die Erde gesteckt ; er gab ihm dieselben Lehren und Rathschläge und dieselben Verheißungen , aber dieser Sohn befolgte sie nicht ! Wie ? sprach er zu sich selbst , der ganze herrliche Baum soll in dem Kern stecken ? wie ist das möglich ? wie kann das zugehen ? ich muß sehen wie das zugeht ! - Um das Werden zu belauschen kratzte er sorgsam die Erde ab und beobachtete den Kern . Natürlich sah er nichts . Das langweilte den Knaben . Man muß ihm helfen ! sprach er , begoß ihn übermäßig , stellte den Blumentopf in die Sonne , dann auf den Heerd , grub auch die Erde um - kurz , er that alles Mögliche unnütze und nur nicht das Eine : er gönnte dem Kern nicht in der Stille und Dunkelheit zu keimen und Wurzeln zu schlagen . Was ist denn das ? sprach unwillig der Knabe ; so viel Mühe habe ich mir gegeben und es kommt und kommt nichts zum Vorschein ! das muß kein ächter Kern sein ! Er kratzte ihn heraus , betrachtete ihn rundum , stach mit einem spitzen Messerchen hinein , schälte die Oberhaut ab , und steckte ihn zuletzt unwillig wieder in die Erde . Aber all diese Experimente hatten den Kern getödtet . Er war saftlos und kraftlos zusammengeschrumpft . Der Knabe aber stand neben dem Blumentopf in dessen fetter guter Erde die Regenwürmer treflich gediehen , und klagte und zürnte daß sein Vater , der gute Gärtner , ihm einen tauben Kern gegeben habe , was doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit sei . «