Orient zu reisen , Griechenland und Konstantinopel zu sehen . Die Russen hatten Frieden geschlossen mit der Pforte ; Griechenland erwartete von der hand der verbündeten Mächte seinen König . Die alte Freiheitsfreundin sehnte sich nach all den geheiligten Stätten , denen neue bessere Zeiten entblühen sollten ; aber auch den Herd der Knechtschaft , wie sie die Türkei nannte , wollte sie in Augenschein nehmen ; nur so , demonstrirte sie , sei es möglich , sich ein deutliches Bild der Gegenwart zu verschaffen . Eigentlich war es der lebhaften Frau zu stille in Deutschland geblieben , die constitutionellen Reformen spannen sich sachte ab , und dann mußte sie sich doch überzeugen , ob dear King Leopold Recht oder Unrecht gehabt , die angebotene Krone auszuschlagen . Leontinens Rückkehr nach Italien kam ihr höchst erwünscht . Sie ruhte nicht eher , als bis ihr gelungen , die gewohnheit- und alltäglichkeitscheue Freundin zu überreden , sie nach dem Orient zu begleiten . Leontine wollte einen Harem und eine Moschee sehen und willigte also trotz Geierspergs unabweislichen Gründen ein . Seit Italien schien eine innere Unruhe , ein Gedränge vielfach verschlungener und dort empfangener Eindrücke ihre Launen noch wechselnder , ihre Gefühle noch unruhiger zu machen . Nur ein einziger Goldfaden zog sich durch das seltsame bunte Gewebe ihrer Gedanken , Phantasien und Empfindungen hin : der Wunsch , Jean Carlo aufzufinden und ihm die ungeheuern Geldmittel zur Erleichterung seines Zweckes zufließen zu lassen , die er scheidend ihr zugeworfen . Sie wußte nicht recht , was mit dem Gelde anzufangen ; eine Art Toilettenluxus abgerechnet , an den sie von kleinauf gewöhnt war , hatte sie wenig Bedürfnisse , wenig Wünsche ; es fehlte ihr gänzlich an eigentlicher Liebe zum Besitz , weil sie ihr ganzes Dasein aus dem eigenen Innern herausspann . Jean Carlo in Griechenland zu finden , schien Leontinen nicht unwahrscheinlich ; dort konnte es ihr gelingen , noch einmal seinem so vielfach geknickten Leben erneute Hoffnungen und Thätigkeit zu geben , indem sie die ihm geraubten Hülfsmittel zurückbrachte , die er für seine Landsleute bedurfte und deren Entbehren großentheils das Geschick der Griechen entschieden hatte . O dear , o dear ! unser lieber Herr Gotthard ! How are you ? rief die gute alte Lady , als sie unvermuthet , das allgemeine Wiedersehen und Begrüßen unterbrechend , in den Salon trat . Ei , sagen Sie mir , bitte , haben Sie wol wieder etwas Genaueres über die neu zu errichtenden Logen der Carbonaria erfahren , und glauben Sie , daß diese mit den griechischen Angelegenheiten verwickelt sind ? Haben Sie wol gehört , daß unser theurer Graf auch früher einmal sehr gravirt in dieser Geschichte gewesen , vor seiner Heirat nämlich - Sie wissen doch , daß der Tod ihn uns entrissen ? Alles dies fragte sie hörbar leise , Leontine sollte es nicht bemerken . Aber sie fragte glücklich alle Anwesenden aus der insgeheim gefürchteten Rührung heraus , die sie zu überkommen drohte , und brachte mit ihrem durchaus nicht Gemerkt- und Begriffenhaben der Seelenzustände aller Anwesenden eine so glückliche Unterbrechung hervor , daß ihr Jeder innerlich Dank dafür wußte . Joseph machte ihr entschieden den Hof , ließ sich Arabisch , Indisch und Türkisch von ihr vorlesen und ging sehr ergötzlich auf alle ihre Pläne ein . Leontine war der geistigen Kreuz- und Quersprünge ihrer alten Freundin zu sehr gewohnt , um auch nur einen Augenblick sich verletzt zu fühlen ; sie war sogar gefällig genug , nicht zu hören , was jene zu flüstern wähnte . St Luce war am übelsten daran , er vermochte sich nicht eher vor ihrem gutgemeinten aber übel angebrachten Eindringen in seine Gefühle und Ansichten zu retten , als bis Anna sie auf die frisch blutende Wunde aufmerksam machte , die dem Freunde der Verlust des angebeteten Kaiserkindes geschlagen . Als aber am folgenden Tage die gute alte Lady eine ganze Weile dem Zusammensein der Freunde und der Waldau ' schen Familie zugesehen , ward sie sehr nachdenkend . In einem unbemerkt geglaubten Augenblick ergriff sie plötzlich St. Luce ' s Arm : General , lieber General , ich muß Ihnen etwas sagen ! Meinen Sie nicht , dear Sir , daß unser guter Herr Gotthard eine gewisse Vorliebe für die Gräfin hat ? Und nun entwickelte sie ihre Ansicht , daß bei seiner hohen amtlichen Stellung die Partie gar so übel nicht sei , daß die Gräfin nicht von Adel , wie man ihr versichert , und die ganze Verbindung durchaus keine unpassende zu nennen sei . Trotz seines Kummers gerieth der Invalide in ein so jugendlich herzliches Lachen , daß selbst seine große Höflichkeit es nicht zurückzuhalten vermochte und mehre Mitglieder des kleinen Kreises , dadurch herbeigezogen , mit Bitten und Fragen auf die Lady eindrangen , die in der felsenfesten Ueberzeugung , St. Luce von seinem Vorurtheil so am besten zurückzubringen , eine lange Rede hielt , in welcher sie ihre Wünsche für die Liebenden aussprach . Liebe kenne kein Gebot , versicherte sie , und Anna sei so schön , daß man ihr kaum so viele Zwanzig geben wurde , als sie deren Dreißig zähle . Herr Gotthard aber , setzte sie mit drolliger Verlegenheit hinzu , steht doch wol kaum ihr darin nach , und in Old England würde Niemand thöricht genug sein , ein so von Himmelshand geschürztes Band nichtiger Einwendungen wegen zu zerreißen . Sie hatte das Eis gebrochen . Obschon Alle lachten , war ihr abermals Jeder dankbar , denn die Angelegenheit kam nun zur Sprache . Gotthard warb um der Geliebten Hand . Egon beschwor die theure Mutter , ihr schönes einfaches Leben nicht durch eine Uebertreibung zu verderben . Ein unnützes Opfer ist eine Sünde ! sagte er ernst . Anna war unaussprechlich bewegt . Schon daß gerade der Sohn ihres Herzens fast den Bewerber für den so lange und heiß Geliebten machte , hatte etwas tief Erschütterndes . Gotthards Freude aber erhob den Augenblick zu