Traum . Diese tiefe Ruhe ! Jeder Schatten liegt noch auf eben der Bucht , auf eben dem Abhange , wie damals , wenn ich so oft dastand und erstaunte , wie die unermeßliche Tiefe des Wassers die grenzenlose Höhe des Himmels also abbilden könne . Und nun nach meiner langen Verbannung so vereint zu seyn mit allem , was mir am theuersten ist , seine Nähe zu empfinden - - « Ich fühlte mich plötzlich unendlich beklommen . Ich glaubte seit einiger Zeit hoffen zu dürfen , das Schicksal habe meine Erziehung durch Unglück beendigt und wolle sie nun durch friedliches Glück , so weit es Menschen vergönnt ist , vollenden . Daß ich mir nur in Vereinigung mit den Geliebten , die jetzt mich umgaben , Glück denken konnte , leugnete ich mir nicht ; aber dieses Glück von Gott zu erbitten , hatte ich mir in jungfräulicher Zucht und kindlicher Ergebung immer versagt . Heinrichs Worte sagten deutlicher , wie je , was mich nicht mehr überraschen konnte ; denn das freudenreiche Beisammenseyn eines ganzen Winters hatte mir bewiesen , was ich jetzt in einem bestimmtern Sinn , mit der Ueberraschung der ersten Liebe vernahm . Unwillkürlich trat ich einen Schritt von Graham zurück , und sein ernst auf mich gehefteter Blick konnte mir meine Unbefangenheit nicht wiedergeben . Den folgenden Tag kam ich von einem Gang in das Dorf zurück und wollte eben in das gemeinschaftliche Zimmer treten , als ich durch die angelehnte Thür Grahams Stimme in dem festen , bestimmten Ton hörte , wie er ihn nur bei Dingen , die seinem Herzen sehr nahe waren , zu gebrauchen pflegte . » Ist es so « , verstand ich jetzt deutlich , » so geh ' ich morgen fort , und hier muß sich alles verändern . « - Fort ? morgen fort ? und ohne einen Gedanken an mich ? oder dieses » verändern « drückte den vernichtendsten Gedanken aus . Halb entseelt wankte ich auf mein Zimmer zu ; Charlotte begegnete mir auf der Treppe - » heil ' ger Gott , was ist Ihnen geschehen ? « rief sie bei meinem Anblick . Ich eilte neben ihr vorbei und verschloß mich in mein Zimmer . Ich war nicht mehr das ungestüme , seine Wünsche ertrotzende Geschöpf , ich wollte aufrichtig , was Gott wolle , ertragen ; aber in diesem Augenblick vermochte ich nichts , als mir zu gebieten : » ruhig , armes Herz ! « - und nichts zu beschließen , so lange es das nicht war . Doch Charlotten , die so flehend um Einlaß bat , mußte ich die Thür öffnen , ich mußte zum Thee herabgehen , und wie sie alle so zutraulich mir anriethen , zur Erleichterung des von mir vorgeschützten Kopfschmerzens ins Freie zu gehen , mußte ich Graham und Charlotte an das Seeufer begleiten . Heinrich bot mir seinen Arm , ich mußte ihn wohl annehmen , aber fern von ihm ging ich und stützte mich nicht . Er fragte so theilnehmend nach meinem Befinden , er sprach so zärtlich , achtungsvoll mit mir , daß meine - Angst mehr , als meine Zurückhaltung - wich , und ich zwar mit Herzklopfen , aber ohne thörichte Heftigkeit vernahm , daß Charlotte uns anwies , unsern Weg allein fortzusetzen , weil sie in einer benachbarten Hütte einen Krankenbesuch abzulegen gedenke . Er führte mich auf ein kleines schattiges Thal zu ; ich versuchte anfangs mit Lebhaftigkeit zu schwatzen , aber es gelang mir nicht ; halb beschämt , daß ich versucht hatte unwahr zu seyn , versank ich in ein Stillschweigen , das Graham nicht störte ; nur hie und da theilten wir uns eine Bemerkung mit , die gleichgültige Vorgänge betraf . In einem Augenblick , wo ich mich zufällig umsah , fiel mir die Schönheit der Aussicht auf , die uns jetzt am Ausgang des kleinen Thals durch ein paar Felsabhänge den See im Sonnenglanz zeigte . » O , weilen wir hier und blicken zurück ! « rief ich , meinen Begleiter aufhaltend . » Ja « , antwortete Graham mit einem leichten Lächeln , » weilen wir hier und blicken einen Augenblick rückwärts ! vielleicht für lange , lange Zeit zum letzten Mal ! Kommen Sie , Miß Percy , lassen Sie mir den lieben Arm ! lehnen Sie sich auf mich , wie sonst ! lassen Sie mich glücklich seyn , so lange ich darf ! « - Er schwieg , aber mein Mund war verstummt ; ich hätte kein Wort über meine Lippen bringen können . - Graham begann von neuem : » Dieser Abend , diese Stunde vielleicht kann diese reiche , herrliche Natur für mich in ewige Trauer kleiden , oder ihre Schönheit über allen Wechsel erheben . Ehe wir heute scheiden , Ellen , muß ich endlich erfahren , ob es meinem Leben nie verliehen seyn soll , Pflicht und Glückseligkeit zu verbinden . Sie wissen , Ellen , wie lange - Sie begreifen aber nicht , wie zärtlich ich Sie geliebt habe . Der Mann wird Herr seiner Gefühle , aber diese Herrschaft kostet ihm dennoch sein Glück . Wenn ich Sie nun so innig liebte , wie Irrthum Sie entstellte , wie Gleichgültigkeit und Uebermuth mich von Ihnen zurückwies , was muß ich jetzt empfinden , da Sie alles in sich vereinen , was den Mann im Weibe entzücken muß ! Mich jetzt von Ihnen trennen - jetzt , Ellen , da hier jeder Gegenstand Sie mir zurückruft ! - O Ellen , dazu verurtheilen Sie mich nicht ! Kann meine Liebe dich gewinnen , kann meine Beständigkeit dir Zutrauen geben , kann dein unschuldiges Herz sich mit dem Glück befriedigen , das ich dir hier biete , kann eines greisen Vaters Segen - Der starke Mann wollte vor der Geliebten nicht in Thränen ausbrechen , darum schwieg er mit zitternden Lippen . - Ich fand aber jetzt Kraft , wahr zu seyn