nicht mehr , seitdem er hörte und weinte . Endlich stand er auf und setzte seinen Himmelsweg fort , als er einige Schritte in der Nähe einen aus der Hutschnur eines Fuhrmanns entfallenen Zollzettel auf dem Wege gewahr wurde . In der Hoffnung , daß er dem Mann vielleicht nachkomme und ihn finde , hob er das Blättchen auf ; weil ihm nichts Fremdes klein , wie nichts Eignes wichtig vorkam , und weil sein poetischer Sturm leichter einen Gipfel bog als eine Blume . Wenn die Leidenschaft glutverworren auffliegt wie ein brennendes Schiff : so fliegt die zarte Dichtkunst des Herzens nur auf wie eine goldne Abendrot-Taube , oder wie ein Christus , der gen Himmel geht , weil er eben die Erde nicht vergisset . Die Flöte floß ihm immer durch das Bette des Tales nach , ohne doch weder näherzukommen , wenn er stand , oder zurückzubleiben , wenn er lief . Jetzt schwang sich die Landstraße plötzlich aus dem Tale den Berg hinauf . - Die Flöte drunten wurde still , da sich oben die Weltfläche weit und breit vor ihm auftat und sich mit zahllosen Dörfern und weißen Schlössern anfüllte und mit wasserziehenden Bergen und mit gebognen Wäldern umgürtete . Er ging auf dem Bergrücken wie auf einer langen Bogen-Brücke über die unten grünende Meeresfläche zu beiden Seiten hin . Er war ganz allein und vor Ohren sicher , er pfiff frei daher figurierte Choräle , Phantasien und zuletzt alte Volksmelodien und hörte nicht einmal auf , wenn er einatmete . Gegen die Natur aller andern Blasinstrumente bleibt diese Mundharmonika , wie die andere , romantisch und süß in großer Nähe - keinen halben Fuß vom Ohre - und wie bei der Musik im Traum ist hier der Mensch zugleich der Instrumentenmacher , Komponist und Spieler , ohne im geringsten einen andern Lehrmeister dazu gehabt zu haben als wieder sich , den Schüler selber . Immer betrunkner und glücklicher wurde Walt , als er auf dieser ersten Schäferpfeife , auf diesem ersten Alphorn fortblies , dem Morgenwinde entgegen , der die Töne in die Brust zurückwehte ; und zuletzt wurd ' ihm , als komme das verwehte Getön aus weiter Ferne her . Da er lange so ging und träumte - da er von dem Bergrücken bald links in die Hirtenstücken der Wiesen hinuntersah und zu den Kirchtürmen von Altengrün - von Joditz von Talhausen - von Wilhelmslust - von Kirchenfelda - und die Jagd- und Lustschlösser erblickte , deren beide Namen allein , wie romantische Zauberworte , alte Gegenden und Paradiese der Kinderseele erscheinen ließen - da er bald wieder rechts hinunterschauete auf die zweite Ebene , worin sich der gerade Fluß seines Tales , die Rosana , freigeworden , auf einem blumigen Tanzplatz schlängelte und das Silber-Schild der Sonne trug und immer zeigte - und da er das Auge auf die Lindenstädter Gebürge warf , wo unter den hohen hellen Laubholzwäldern die dunklen Tannenwaldungen gleichsam nur als breite Schlagschatten zu stehen schienen - und da er in den Himmel sah , worin still und leicht die Wolke und die Taube flog - und da in den Wäldern des Tals die Herbstvögel schrien und in den Steinbrüchen einzelne Schüsse lang forthalleten : so schwieg er wie aus Andacht vor Gott und dachte dem , was er singen wollte , nach , als ob der Unendliche nicht auch das Denken höre ; bis er mit leiser Stimme den Streckvers sang und wiederholte , den er schon längst gemacht : » O wie ist der Himmel , wie die Erde so voll freudiger Stimmen ! Viel schöner als dort , wo einstens der Chorus laut jammerte und nur Niobe schwieg und unter dem Schleier stand mit dem unendlichen Weh , jauchzen die Chöre im Himmel und auf Erden , und nur der Allselige ist still , und der Äther verschleiert ihn . « Darauf sah er gen Himmel , nannte Gott zweimal du und schwieg lange ; und hielt es für erlaubt , sogleich an Wina zu denken . Plötzlich kam ein altes vertrautes , aber wunderbares Mittagsgeläute aus den Fernen herüber , ein altes Tönen wie aus dem gestirnten Morgen dunkler Kindheit ; siehe , meilen-tief in Westen sah er Elterlein hinter unzähligen Dörfern liegen und glaubte die alte Dorfglocke zu erkennen und Winas weißes Bergschloß , ja sogar das elterliche Haus . Er dachte voll Sehnen an seine fernen Eltern - an das Stilleben der Kindheit - und an die sanfte Wina , die ihm , auch im Stilleben ihrer Kindheit , einst die Aurikeln in die Hand gelegt - sein Auge hing an den östlichen Gebürgen im stillen Blau , hinter welche er wie hinter Klostermauern Wina als sanfte Nonne in Blumen ihres Klostergartens sinnend gehen ließ . Glocken aus mehreren Dörfern tönten zusammen der Morgenwind rauschte stärker - der Himmel wurde blauer und reiner - der bunte leichte Teppich des Erdenlebens breitete sich über die Gegend aus und flatterte an den Enden , und Walt wohnte , wie ein Traum , nur in der Vergangenheit . Er sang voll Seligkeit und nannte ihren Namen nicht : » Es zieht in schöner Nacht der Sternenhimmel , es zieht das Frühlings-Rot31 , es schlägt die Nachtigall - und der Mensch schläft und merkt es nicht ; - endlich geht sein Auge auf , und die Sonne sieht ihn an . O Lina , Lina , du gingst auch vorüber mit deinen Blumen - mit den süßen Tönen - und mit Liebe - aber mein Auge war blind ; nun ist es aufgetan , allein die Blumen sind verwelkt , die Worte sind vergangen , und du glänzest hoch als Sonne . « Hier kehrte er um vor dem lauten Wehen ; er fand die Welt sonderbar still um sich ; nur das Geläute klang allein und leise , wie Schalmeien der Kindheit , und er wurde sehr bewegt . Er lief wieder und sang immer heißer : » Nasses Auge , armes Herz ,