andere Ansicht der Natur und des großen Ganzen , in welches wir eingefugt sind , geben , als diejenige an welche wir durch ununterbrochnes Herumtreiben in dem engen Kreise des alltäglichen Lebens unvermerkt gewöhnt werden . Ich liebe , wie du weißt , die Vielseitigkeit ; ich kann zu gleicher Zeit die verschiedensten Dinge treiben , und mich mit den ungleichartigsten Menschen so gut vertragen , daß jeder mich für seinesgleichen , oder wenigstens für ein Subject von ganz guter Hoffnung gelten läßt . Hippias , bei welchem ich gewöhnlich den Abend zubringe , würde nicht begreifen , wie ich so viele Zeit mit Pythagoräischen Phantasten verderben könne , wenn er nicht glaubte , es geschehe bloß um sie auszuholen und mich am Ende desto lustiger über sie zu machen : diejenigen hingegen , die er Phantasten nennt , wissen sich meinen Umgang mit Hippias nicht anders zu erklären , als durch die Voraussetzung , daß ich hinter alle seine Sophistenkünste und Blendwerke zu kommen suche , um ihn und seinesgleichen zu seiner Zeit mit desto besserm Erfolge bekämpfen zu können . Das Wahre ist indessen , daß ich von den Pythagoräern rechnen und messen lerne , und bei Hippias mich dem Vergnügen einer freien genialischen Unterhaltung überlasse , die , ungeachtet ihrer anscheinenden Frivolität , für einen , der alles an seinen rechten Ort zu stellen weiß , immer lehrreich und nützlich ist . Du wirst finden , liebe Lais , daß Kleonidas durch seine zeitherigen kleinen Reisen unter den Griechen viel gewonnen hat . Mit seinen herrlichen Anlagen bedurft ' es nur einiger äußern Veranlassungen , um sich zusehends zu entwickeln und auf einmal als ein vollendeter Mensch dazustehen . Ich rechne darauf , daß er dich meine Abwesenheit so wenig bemerken lassen wird , daß ich vielmehr bei jeder andern , als bei dir , Gefahr liefe gänzlich vergessen zu werden . 66. Lais an Aristipp . Kleonidas ist ohne dich zurückgekommen , Aristipp , und der Gedanke , daß es Leute zu Milet gebe , die sich dadurch in ihrer Erwartung getäuscht finden könnten , scheint nur sehr leicht über deinen heroischen Busen hingeschlüpft zu seyn . Du bist , sagt Kleonidas , bis über die Ohren in Pythagorischen Zahlen versunken , studirst die Verhältnisse der Saitenschwingungen auf dem Monokord , und bringst mit einem Zögling des berühmten Philolaus176 ganze Nächte zu , auf der Zinne eines alten Thurms die Bewegungen der Planeten zu beobachten . Das alles ist schön und bewundernswürdig ; und doch , wie schnell auch deine Lieblingsneigung , alles und wo möglich noch ein wenig mehr als alles zu wissen , zu einer so mächtigen Leidenschaft angeschwollen seyn mag , eine kurze Unterbrechung würde deinen Eifer nur verdoppelt haben , und die Reise von Samos nach Milet ist , für einen so geübten Seefahrer wie du , etwas so Unbedeutendes , daß ich , um mir das Problem zu erklären , am Ende doch genöthiget bin , einen kleinen Sokratischen Iynx zu Hülfe zu nehmen der dich an den Samischen Boden fest zaubert . Hab ' ich recht gerathen , so wirst du mir hoffentlich kein Geheimniß aus deinem Glücke machen , da du nicht zweifeln kannst , daß ich zu sehr deine Freundin bin , um nicht lebhaften Antheil daran zu nehmen . 67. Aristipp an Lais . Auf den kleinen Brief , den ich so eben von dir erhalte , schöne Lais , ist nur eine einzige Antwort möglich , und um sie dir selbst zu bringen , gehe ich stehendes Fußes nach der Rhede , miethe ein Boot und schwimme zu dir hinüber . - Mit aller meiner Eile habe ich doch nicht eher bei deiner Pforte anlanden können , als zu einer Stunde , wo ich Gefahr laufe dich in irgend einem schönen Traume zu stören . Ich habe einige Mühe gehabt deinen Pförtner zu erwecken , und noch größere , von ihm eingelassen zu werden . Nur durch tausend Schwüre , daß ich dir ohne allen Verzug Dinge von der größten Wichtigkeit zu hinterbringen hätte , erhielt ich endlich von dem ehrlichen Paphlagonier , daß er eine deiner Dienerinnen wecken wolle , die dir , wenn sie anders nicht noch ungefälliger als der Pförtner ist , dieses Zeichen meiner Gegenwart überreichen wird . Antwort . Dießmal , mein Lieber , hat dir deine Philosophie einen losen Streich gespielt ; denn , unter allen möglichen Antworten auf mein letztes , bist du gerade auf die einzige gefallen , die du nicht hättest geben sollen . Oder woher konntest du wissen , mein voreiliger Herr , daß du mir nicht ungelegen kommest ? - Wie ist nun zu helfen ? Das Beste wäre wohl , wenn ich dich auf der Stelle wieder zurückschickte ; wenigstens ist es , was ich thun müßte , wenn ich den Eingebungen deines bösen Genius Gehör gäbe . Soll ich ? Soll ich nicht ? Es ist ein Unglück , daß ich gerade keine bessere Rathgeberin bei der Hand habe , als die schelmische Euphorion , die zu den Füßen meines Bettes liegt , und , ich weiß nicht warum , deine Partei mit solcher Wärme nimmt , daß ich eben so mehr dem Rath meines eignen Herzens folgen könnte , als dem ihrigen . - Du gehst also wieder , nicht wahr ? Es wäre wirklich schön von dir , wenn es auch nur der Seltenheit wegen wäre . - Was will das unverschämte Mädchen ? - Da guckt sie mir über die Achseln in meine Schreiberei , und wie sie sieht , daß ich dir deinen Rückpaß schreibe , zieht mir nicht das unartige Ding die Schreibtafel unter den Händen weg und läuft mit ihr davon ? 177 68. Lais an Aristipp . Ich habe , seit einiger Zeit , einen Abend in jeder Dekade dazu bestimmt , eine Tischgesellschaft von Philosophen , Sophisten , oder Phrontisten178 ( wenn du ihnen lieber einen Aristophanischen Namen gibst ) bei mir zu sehen .