! Ich würde untröstlich sein , wenn meinem lieben Schwiegervater irgend etwas zustieße . “ Damit ging er endlich . Der Hofrath sank wie zerbrochen in seinen Lehnstuhl zurück ; jetzt , wo er sich allein überlassen war , wurde ihm erst klar , wie unerhört man ihn behandelte , und er durfte sich nicht einmal ärgern , er mußte sich ja vor Schlaganfällen hüten . – – Doctor Brunnow hatte übrigens keineswegs so schnell die Wohnung verlassen , wie Moser voraussetzte . Er stand noch draußen im Vorzimmer und hatte den Arm um Agnes gelegt , als ob sich das ganz von selbst verstände und er bereits anerkannter Bräutigam sei . Das junge Mädchen forschte ängstlich nach dem Inhalt der Unterredung und wollte wissen , was der Vater geantwortet habe . „ Für jetzt sagt er noch Nein , “ erklärte Max , „ aber sei ohne Sorge ! Er wird schon Ja sagen . Ich rechnete auch gar nicht darauf , daß sich die Festung sogleich ergeben würde ; sie muß regelrecht belagert werden . Im Ganzen bin ich mit dem Resultat dieses ersten Sturmlaufes zufrieden ; es ist bereits Bresche geschossen , und morgen rücke ich weiter vor . “ „ Ach , Max , “ flüsterte Agnes unter Thränen , „ was steht uns noch alles bevor ! Mir sinkt der Muth im Angesichte all dieser Hindernisse . Ich werde sie nie überwinden . “ „ Das ist auch nicht nöthig ; das ist meine Sache , “ tröstete der junge Arzt . „ Ich bleibe hier , bis alles geordnet und unser Hochzeitstag bestimmt ist . Vorläufig hat Dein Vater Zeit , sich mit der Sache vertraut zu machen , und inzwischen werde ich der Frau Aebtissin und dem Herrn Beichtvater , die Du so sehr fürchtest , hochachtungsvoll und ergebenst unsere Verlobung anzeigen . “ Agnes machte eine Bewegung des Schreckens . „ Einen Theil des Sturmes wirst Du freilich auch aushalten müssen , “ fuhr Max fort , „ die Hauptsache aber nehme ich auf mich allein . Sei standhaft , meine Agnes ! Ich gebe Dir mein Wort darauf : Dein Vater segnet uns noch höchsteigenhändig . “ Und mit diesen Worten und einem Kusse nahm er Abschied von seiner Braut . Es war in den Morgenstunden des nächsten Tages . Freiherr von Raven befand sich wie gewöhnlich in seinem Arbeitszimmer , und der Polizeidirector war bei ihm . Der Letztere betrat jetzt nur selten das Regierungsgebäude ; einerseits machte die vollständig wieder hergestellte Ruhe in der Stadt die häufigen Meldungen und Conferenzen mit dem Gouverneur überflüssig , andrerseits hatte dieser seit der Verhaftung Brunnow ’ s eine so zurückweisende Kälte angenommen , daß der Polizeichef die Begegnung mit ihm möglichst vermied . Heute aber führte ihn eine nothwendige Besprechung über amtliche Maßregeln her , und der Gegenstand wurde von beiden Herren so kurz und geschäftsmäßig erledigt , wie es nur möglich war . Trotzdem behielt der Polizeidirector seine gewohnte verbindliche Art bei , wenn er auch nach dem Beispiele des Gouverneurs gleichfalls sehr zurückhaltend war . Er erlaubte sich keine einzige Hindeutung auf die Vorgänge der letzten Tage . Die Haltung des Freiherrn war stolzer als je , aber es lag etwas in dem Wesen Raven ’ s , was an das zu Tode gehetzte Wild mahnte , das sein nahes Zusammenbrechen fühlt und , noch einmal die letzten Kräfte zusammenraffend , sich seinen Verfolgern stellt . Die Energie , welche noch immer ungebrochen aus der ganzen Erscheinung des Mannes leuchtete , war vielleicht nicht mehr ein Ausfluß der Kraft , sondern nur der Verzweiflung . Der Polizeidirector hatte einen Theil seines Vortrages beendet . Er sprach von den neuesten Verfügungen , die ihm zugegangen waren , und berührte dabei auch die Freilassung des Doctor Brunnow , als der Freiherr ihm in die Rede fiel : „ Seit wann ist Brunnow aus der Haft entlassen ? “ „ Seit gestern Mittag . “ „ So ? “ bemerkte Raven einsilbig . „ Wie ich höre , beabsichtigt der Doctor morgen schon unsere Stadt zu verlassen , “ fuhr der Polizeidirector fort , „ er will aber sofort nach der Schweiz zurückkehren und gedenkt auch den Rest seines Lebens dort zuzubringen . “ „ Er thut Recht daran , “ sagte der Freiherr . „ Wer so lange Jahre im Exil gelebt hat , findet sich selten oder nie wieder in der Heimath zurecht . Das Adoptivvaterland behauptet schließlich seine Rechte . “ Er sprach das gleichgültig , als handelte es sich um einen völlig Fremden , von dessen Begnadigung er zufällig hörte . Der Polizeidirector ließ sich freilich durch diese Gleichgültigkeit nicht täuschen , aber auch ihm war es , trotz seiner scharfen Beobachtungsgabe , noch nicht gelungen einen Blick in dieses streng verschlossene Innere zu thun und zu entdecken , welche Stellung der Freiherr jener Beschuldigung gegenüber eigentlich einzunehmen beabsichtigte . Das Gespräch wurde unterbrochen ; man brachte dem Gouverneur eine Depesche , die soeben aus der Residenz angelangt war ein großes amtliches Schreiben . Er winkte dem Diener , [ 535 ] sich wieder zu entfernen , und erbrach das Siegel , während er flüchtig sagte : „ Entschuldigen Sie mich nur eine Minute lang ! “ „ Bitte , Excellenz , legen Sie sich meinetwillen keinen Zwang auf ! “ entgegnete der Polizeidirector , aber es war ein ganz eigenthümlicher Blick , mit dem sein Auge bei diesen Worten erst das Schreiben und dann den Empfänger streifte . Raven entfaltete die Depesche , aber er hatte kaum einen Blick auf den Inhalt geworfen , als er zusammenzuckte . Sein Antlitz wurde erdfahl , und seine Rechte zerknitterte krampfhaft das Papier , während die Linke sich ballte . Ein Beben der Wuth oder des Schmerzes erschütterte die ganze mächtige Gestalt , und einen Augenblick schien sie zusammenbrechen zu wollen . „ Sie haben doch nicht unangenehme Nachrichten erhalten ? “ fragte der Polizeichef im Tone unbefangener Theilnahme . Der