sie ganz ruhig sein , er habe jedenfalls „ eine neue Flamme “ in Berlin ; er sei die beiden letzten Male – vorzüglich aber gestern – ziemlich zerstreut [ WS 1 ] zurückgekehrt , und habe auf Flora ’ s Neckereien hin nur schlau gelächelt und durchaus nicht geleugnet . Käthe schwieg auf alle diese Mittheilungen ; sie hatte zuletzt nur den einen Gedanken , daß es allerdings die höchste Zeit für sie gewesen sei , zurückzukehren . Sie fand die Kranke maßlos aufgeregt ; der hohle , erstickende Husten schüttelte den schattenhaft abgezehrten Körper viel häufiger als früher ; die Hände brannten wie Kohlen , und der Athem ging so schwer , so mühsam aus und ein . Henriette hatte es bisher auch bei den heftigsten Leiden nie „ zu Thränen kommen lassen “ – sie hatte einen unglaublich starken Willen , heute aber waren ihre schönen Augen verweint bis zur Unkenntlichkeit . Sie verzehre sich in Angst , daß Bruck bei all seiner Liebe für Flora doch vielleicht sehr unglücklich werden würde , klagte sie , ihr Gesicht an Käthe ’ s Brust verbergend , und obgleich nie ein unvorsichtiges Wort darüber gefallen , sei sie dennoch fest überzeugt , daß die Tante genau so denke und sich gräme . … Käthe wies sie mit der schneidenden Antwort zurecht , daß das einzig und allein Bruck ’ s Sorge sei und bleiben müsse ; Niemand habe mehr Anlaß gehabt , tiefe Einblicke in Flora ’ s selbstsüchtiges Wesen zu tun , als gerade er ; wenn er trotzalledem darauf bestehe , sie zu besitzen , so werde er sich auch mit seinem Schicksal abzufinden wissen , möge es fallen , wie es wolle . … Henriette fuhr ganz erschrocken empor , so rauh klang das Gesagte ; es lag überhaupt etwas so bestürzend Fremdes , eine Art starrer Zurückhaltung und Abgeschlossenheit in der Erscheinung der jungen Schwester , als sei auch sie mit sich und ihrem Schicksal fertig – nach schweren Kämpfen . … 23. Kurze Zeit nachher stieg Käthe , die kranke Schwester vorsichtig stützend , auf der kleinen Treppe in das untere Stockwerk hinab , „ um sich zu melden “ . Sie kamen durch den schmalen Korridor , in welchen Käthe bei ihrer Abreise für einen Moment geflüchtet war . Er lief den großen Saal entlang , der fast den ganzen Raum des einen Seitenflügels der Villa nahezu beanspruchte – in ihm wurden die berühmten Hausbälle des reichen Mannes abgehalten . „ Es ist Probe für heute Abend , und dabei wird noch fortdekoriert und geschmückt , “ sagte Henriette aufhorchend und heiser und höhnisch vor sich hinlachend – pathetische Declamation , hie und da durch intensives Pochen und Hämmern unterbrochen , scholl durch die Thüren . – „ Wie ekeln mich diese Mädchen da drinnen an ! Sie möchten sämmtlich , wie sie auch auf der Bühne stehen , der Braut die Augen auskratzen , und doch faseln sie in grenzenlosem Schwulst von der schönsten Blume , die ihrem Kranz entrissen werde , von dem Dichtergenius , der ihre Stirne geküßt habe , und was dergleichen poetische Aderlässe mehr besagen . Und Moritz mit seiner maßlosen Verschwendung benimmt sich dabei wie ein Narr . Gestern Abend , unmittelbar nach seiner Rückkehr von Berlin , hat er die Handwerker wie Buben gescholten ; die Dekoration mußte als ‚ trödelhafter Plunder ‘ sofort von den Wänden gerissen werden , weil die Leute in zwei dunklen Ecken Wollstoffe statt Seidendamast verwendet hatten ; er wird nachgerade abstoßend mit seinem ewig herausgekehrten Millionärbewußtsein . Da sieh her ! “ Sie schob unhörbar eine der Thüren etwas weiter auf . Durch den nur schmalen Spalt sah man die Bühne nicht , auf der die Probe abgehalten wurde ; dagegen präsentierte sich schräg seitwärts ein prachtvoller Baldachin von goldbefranztem Purpursammet – er sollte sich heute Abend über dem Brautpaar wölben . „ Wie wird er mit seinem blassen , finsterbrütenden Gesicht sich ausnehmen unter dem komödienhaften Firlefanz dort ! “ flüsterte Henriette und drückte den blonden Kopf wie in ausbrechender Verzweiflung tief bewegt an die Gestalt der Schwester . „ Und sie wird wieder neben ihm stehen , siegend , triumphierend wie immer , in der wohlstudierten Toilette von weißem Mull und kindlich naiven Margarethenblümchen , wie sie der unschuldsvollen Braut am Polterabend zukommt . Ach Käthe , es ist etwas so Seltsames , Unbegreifliches um diese ganze Geschichte ; ich habe jetzt so oft das Gefühl , als laure ein unglückseliges Geheimniß dahinter , so etwas wie ein heimlich glimmender Feuerbrand unter grauer Asche . “ Im Eßzimmer saß die Präsidentin mit Flora und dem Kommerzienrat beim Frühstück . Die Braut war im eleganten , rosa bordierten Schlafrock , und ein Morgenhäubchen bedeckte die aufgewickelten Locken . Käthe erschrak fast , so grau und scharf erschien das Römergesicht der schönen Schwester ohne die goldene Glorie der Stirnlöckchen ; heute sah sie zum ersten Male , daß Flora die Jugend hinter sich habe , daß endlich das ruhelose Bestreben , sich hervorzutun , die glühende Ehrsucht anfingen , das herrliche Oval unerbittlich in harter , einwärtssinkender Linie zu verlängern . „ Mein Gott , Käthe , wie kommst Du denn auf die Idee , uns gerade heute ins Haus zu fallen ? “ rief sie emporschreckend , im rückhaltslosen Aerger . „ In welche Verlegenheit bringst Du mich ! Nun muß ich Dich wohl oder übel mit ins Gefolge stecken . Ich habe aber schon zwölf Brautjungfern – eine dreizehnte kann ich nicht brauchen , wie Du Dir wohl selbst sagen wirst “ – sie unterbrach sich mit einem leisen Aufschrei und fuhr zurück . Der Kommerzienrat hatte mit dem Rücken nach der Thürzu gesessen und eben ein Glas Burgunder zum Munde geführt , als Flora ’ s Ausruf den Eintritt der Schwestern signalisierte . War ihm das Glas in Folge der Ueberraschung entglitten , oder hatte er es unsicher , mit abgewendeten Augen auf den Tisch gestellt ,