die Augen und mit krampfhaftem Griff schälten meine Finger das graue Moos von den vor mir liegenden Felstrümmern . » O , meine Rache wird Euch erreichen , « stöhnte ich in mich hinein , und verzweiflungsvoll griff ich in die dornenreichen Brombeerranken , daß das Blut an mehreren Stellen aus der aufgerissenen Haut meiner Hände hervorquoll , » ja , sie wird , sie muß Euch erreichen , « wiederholte ich in Gedanken , das Blut mit wilder Gier betrachtend und an meine Lippen führend . Ein ferner gedämpfter Ton drang zu mir in mein Versteck . Ich lauschte ; derselbe Ton wiederholte sich wieder und wieder . Unwillkürlich faltete ich die Hände , und meine heiße Stirn auf einen kalten Stein pressend , horchte ich aufmerksam weiter . Die Stunde war gekommen ; sie trugen meine Johanna zu Grabe und feierlich lauteten dazu die Glocken in der abwärts gelegenen Kirche . Was mich eben roch mit unauslöschlichem Haß und Rachedurst erfüllte , das war plötzlich vergessen ; mir war , als habe Johanna durch die frommen Klänge zu mir gesprochen , mir ihren letzten Scheibegruß gesendet , mich gebeten , ihr Andenken heilig zu halten und nicht durch Verfolgen von Racheplanen zu verunglimpfen , sondern das Richten und Strafen allein der Vorsehung zu überlassen . » Johanna ! « krächzte der Rabe hinter mir , mehr sprach er nicht , er war erfüllt von Mißmuth über seine Gefangenschaft . » Johann – Jo – han – na , « wiederholte er noch einmal kaum verständlich . In der Ferne aber läuteten die Glocken fort und fort , so feierlich und friedlich , als ob sie empfunden hätten , daß ihre Klänge einem entschlafenen Engel das letzte Geleite gaben . Fester drückte ich meine fieberheiße Stirne auf den kalten Stein , heftiger rangen sich meine Hände ineinander und brennende Thränen entströmten meinen Augen . Die Glocken läuteten fort und fort , so feierlich und friedlich , sie läuteten meine Johanna zu Grabe , und mit ihr auch meine Jugend . In tiefster Trauer , unter unsäglichen Schmerzen und Thränen überschritt ich die in meinem Leben so scharfgezeichnete Grenze zwischen dem leicht erregbaren und an frohen Hoffnungen so reichem Jünglinge und dem ernsten , überlegenden Manne . Die Glocken läuteten feierlich und friedlich , gerade wie damals , als ich , noch ein Kind , mit dankbarem Herzen ihren Tönen lauschte , mit dankbarem Herzen , weil ich glaubte , die freundlichen Glocken wären von dem lieben Gott beauftragt , die schönen Sonntage und Festtage , und vor allen Dingen das liebe , liebe Christfest zu machen . Sie läuteten wie an den milden Sommerabenden , wenn sie die Gemeinde zur frommen Abendandacht mahnten , während ich glücklich und selig Wald und Flur durchstreifte und mich in die Stelle eines Helden aus » Tausend und eine Nacht « hineindachte . Sie läuteten wie damals , als ich Hand in Hand mit Johanna auf der Rasenbank saß und wir in unserm heitern Gespräch über die Zukunft plötzlich durch die Glocken unterbrochen und zu ernsten Betrachtungen über unsere Zukunft veranlaßt wurden . Freundlich lächelnde Bilder schwebten damals meinem Geiste vor , und jetzt ? Ich war ein geächteter Flüchtling , und meine Johanna – die Glocken verstummten – meine Johanna wurde in ' s Grab gesenkt . – Ich schloß die Augen , und vor mir sah ich den bekränzten Sarg , der mein ganzes Glück , meine einzige Lebensfreude umschloß . Ich sah den blumengeschmückten Sarg und die Thränen , die Alt und Jung dem lieben , freundlichen und wohlthätigen Kinde nachweinten ; ich hörte die frommen Worte , die von dem ehrwürdigen Dorfpfarrer über das noch offene Grab gesprochen wurden , das Schluchzen , als Kränze und Blumen in die letzte irdische Wohnung des holden Engels hineinfielen . Ich vernahm das herzerschütternde Rasseln der ersten Handvoll Erde – und dann ertönten die Glocken wieder , feierlich und friedlich , wie um das Schaufeln der Todtengräber zu übertauben . Meine Thränen waren versiegt , versiegt auf lange , lange Zeit , versiegt , vielleicht auf ewig . – » Jakob , Spitzbube , Spitzbube , « grollte der Rabe hinter mir . Ich achtete nicht darauf . » Jakob , Anton koch Kaffee , Spitzbube , « rief der Rabe lauter und zorniger . Ich erinnerte mich seiner Wachsamkeit und scharfen Gehörs , und um etwas weiter um mich zu schauen , hob ich den Kopf empor . Doch ebenso schnell ließ ich ihn wieder sinken ; ich hatte dem wilden Andres , der unten in der Schlucht stand und argwöhnisch umherspähte , gerade in das Antlitz gesehen . Den Ruf des im Hintergründe der Höhle verborgenen Raben konnte er schwerlich vernommen haben , möglicher erschien mir dagegen , daß er trotz der mich verbergenden Ranken , meine Bewegung entdeckt habe . Jedenfalls war sein geräuschloses und behutsames Herbeischleichen der sicherste Beweis seiner feindlichen Absichten ; würde mir doch im entgegengesetzten Fall seine Annäherung , obwohl die nassen Blätter den Schritt eines Menschen sehr dämpften , kaum entgangen sein . Daß er sich aber am hellen Tage nur zum heimlichen Schlingenstellen in den Wald begeben habe , ließ sich kaum annahmen . Wie einst in der Dorfschänke , so gab er auch hier kein Zeichen von sich , aus welchem ich auf seine Absichten zu schließen vermocht hätte . Langsam und vorsichtig , wie er gekommen war , bewegte er sich in der eingeschlagenen Richtung weiter , hier das übereinandergethürmte Gerölle aufmerksam prüfend , dort einen Strauch auf die Seite biegend , wie um sich über die Lieblingspfade der Hasen und Kaninchen Gewißheit zu verschaffen . Sein Benehmen , so natürlich es auch erschien , beruhigte mich indessen nicht ; ich fetzte das Schlimmste voraus , und als er endlich aus meinem Gesichtskreis entschwunden war , begann ich sogleich meine geringen Habseligkeiten zusammenzupacken , um noch im Laufe der Nacht meine Flucht fortzusetzen . 17. Capitel . Der Abschied Siebzehntes Capitel