oder dreißig Jahre alt . Ich war Frau , bevor ich zur Jungfrau gereift war , jetzt holte mein Herz den versäumten Frühling nach , jetzt erst , unter dem zauberhaften Einfluß dieses Mannes , sproßte die im Keime erstickte Mädchenblüte wieder auf . — O , was wäre ich ihm gewesen ! Ich , mit der Erfahrung des gereiften Weibes , mit der Glut eines eben erst erwachten Herzens ! Und nun verschmäht ! Ich , die Monarchen umbuhlten , verschmäht von einem ein ­ fachen deutschen Gelehrten ! O das tut wehe , wehe ! “ Und sie hob ihre schönen Arme auf und verhüllte damit wieder ihr Gesicht . Herbert nahte ihr schüchtern , mit seinen zitternden Fingerspitzen ihre Schulter berührend . „ Ach , daß ich Sie trösten könnte ! “ Sie zuckte bei dieser Berührung zusammen , als sei ein Insekt an ihr emporgekrochen . „ Welchen Trost könnten Sie mir geben , als die Wohltat , mich bei Ihnen auszusprechen ? “ Sie trat von ihm weg und ging wieder ruhelos wie eine Löwin im Käfig auf und nieder . „ Ich Törin , ich Törin ! Wie konnte ich glauben , es sei Interesse für mich , als er meinen Gatten bitten ließ , seiner Operation beiwohnen zu dürfen . Es war ein häßliches Geschwür , was ihn herzog und ich dachte , er käme um meinetwillen ! Pfui , pfui ! Ich wohnte ihm zu Liebe der fürchterlichen Prozedur bei und er hatte nur Augen für den Kranken , mich , mich , die daneben stand , sah er nicht ! Ist dies ein Mensch , ist es ein Teufel ? “ „ O nein “ , unterbrach sie Herbert hämisch , „ es ist nur ein — deutscher Gelehrter . “ „ Und als ich endlich ohnmächtig hinsank , welch ein Arm fing mich da auf — ein Arm so eisern , als könnte er mich zerdrücken , und so weich , so weich , wie der einer Mutter . Wie ein Kind trug er mich aus dem Zimmer . Ich durchlebte alle Wonnen , ich hielt den Atem an , um nicht aus diesem schönen Traume erwachen zu müssen . Da ließ er mich auf einen Diwan nieder und sagte mit eisiger Ruhe : „ Gnädige Gräfin , gestatten Sie , daß ich Ihr Kam ­ mermädchen rufe , ich muß wieder zur Operation . “ Die Beschämung trieb mir das Blut in die Wangen . Einen Augenblick haßte ich ihn , aber als er das Zimmer verlassen und sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte , da verehrte ich ihn wie einen Heiligen . Ich wollte ihm nacheilen , seine Knie umfassen , seine Hände mit Tränen netzen , wie eine Büßende . Doch ich bezwang mich . Ich fühlte plötzlich , daß dieser reine Geist nichts lieben könne , was er nicht achten durfte , daß ich mir zuerst seine Achtung erringen müsse , bevor ich auf seine Liebe hoffen dürfe . Ich beschloß , ein neues Leben zu beginnen , beschloß , mit meiner ganzen Vergangenheit zu brechen . Denn für die Liebe dieses Mannes war mir kein Opfer zu schwer , kein Preis zu hoch — und ich säete Entsagung , um Freude zu ernten . Närrin , die ich war , jetzt ernte ich den Lohn der Tugend ! “ Ein bitteres Lachen brach aus ihrer gepreßten Brust hervor und gleich darauf folgte ein heftiger , erleichternder Tränenstrom . Sie warf sich ungestüm auf den Rücken des Löwen und bot Herbert , ohne es zu wissen , das lebende Bild einer Ariadne.53 „ Schönes , schönstes Weib ! “ murmelte Herbert , trunken von ihrem Anblick . „ Ist es denn nicht eine Verkehrteit der Natur , daß solch ein Weib um ver ­ schmähte Liebe klagt ? Verdient ein Mensch , der diesem Reize widerstehen konnte , den Titel : Mann ? Nein , sicher nicht . Er ist ein überspannter Pedant , der Typus deutschen Philistertums und hätte ihm nicht die blind schaffende Natur aus Ironie einen schönen Kopf und eine Athletengestalt verliehen — es flösse keine Träne einer Gräfin Worronska um ihn ! “ „ Herbert , schelten Sie ihn nicht , ich verbiete es Ihnen ! Sie wissen nicht , wie groß ihn mir gerade das erscheinen läßt , daß er den Mut , die Kaltblütig ­ keit besitzt , meine Schönheit zu verachten , als könnte er wählen unter Göttinnen , als versammelte dieses Nest hier einen Olymp um ihn , anstatt einer Anzahl häßlicher , blöder Kleinstädterinnen . Welch ein stolzes Bild muß seine Phantasie sich geschaffen haben , daß ich nicht den Kampf mit ihm aufnehmen durfte , — denn , als er mich kennen lernte , war sein Herz noch frei , — damals kannte er jene Hartwich noch nicht . O , mit welch kaltem Wohlgefallen betrachtete er mich , als ich das erste Mal vor ihm stand . Er dachte nicht , daß ich schön , nur daß ich korrekt gebaut sei , — er sah mich nicht mit dem Auge des Ästhetikers , nur mit dem des Anatomen , er dachte sich meine Gestalt nicht in seinen Armen , — sondern unter sei ­ nem Seziermesser ! So war es und so blieb es . Wie oft er auch nach der Operation meinen Gemahl , der Gefallen an ihm gefunden , besuchte , — ich erfuhr nie etwas Anderes , als das strengste Zeremoniell von ihm . Immer dieselbe milde , aber unnahbare Ruhe , dies gleichmütige Anschauen , wie man ein schönes Bild , aber nicht ein Weib von Fleisch und Blut , betrachtet . Das hat etwas Gewaltiges — etwas Überwältigendes für eine Frau , die alle Männer , welche ihr nahten , zu ihren Füßen sah . “ — Sie versank in ein finsteres Brüten . Endlich ergriff sie Herberts Hände . „ Herbert , sagen Sie mir , was ist