all den Trotz in ihr wachgerüttelt , den Liebe und Mitleid zur Ruhe geschmeichelt in ihrem Herzen . Wer so sprechen kann , hat nie geliebt , und sie , sie war drauf und dran gewesen , sich einer schroffen Zurückweisung auszusetzen in ihrer grenzenlos opfermütigen Liebe für ihn und sein Kind . Ihr Kopf bog sich plötzlich in den Nacken zurück – Thörin Närrin , die sie war ! Sie klappte den Deckel des Instrumentes zu , nahm ihren Hut und drückte auf die Klinke . Ach , man hatte sie ja eingeschlossen . Sie runzelte die Stirn und blickte ungeduldig im Zimmer umher . Klopfen wollte sie nicht , sie wußte nicht genau , ob der Herr Schloßhauptmann von Kerkow vielleicht noch im Zimmer nebenan saß . Aber sie wäre für ihr Leben gern aus diesem Hause geflohen . Da fiel ihr Blick auf das offene Fenster . Mit einem anmutigen Schwung saß sie plötzlich auf der Fensterbank und ließ ihre schlanke Gestalt ins Freie gleiten , es war ja ein so niedriges Parterre . Hochatmend stand sie unter den Tannen , mit einem kleinen Umweg durch den Wald konnte sie ungesehen entwischen . Aber Aenne hatte vergessen , daß dieser Pfad wieder in den breiten Gang einmündete , der direkt zum Luisenschlößchen führte , und so prallte sie beim Hinaustreten aus seinem tiefen Blätterschatten plötzlich mit dem Herrn Doktor Lehmann zusammen , der seinen Stock im Kreise schwingend , den Hut im Nacken , eilig daherkam , dessen ärgerlicher Gesichtsausdruck aber bei dem Anblick des geliebten Mädchens dem verklärtesten Lächeln wich . „ Alle Hagel – Fräulein Aenne ! “ stammelte er , den Strohhut schwenkend , „ das muß ein schöner Tag werden , wenn einem schon in aller Herrgottsfrühe so etwas in den Weg läuft – Gestatten doch , daß ich mit Ihnen gehe ? Muß nämlich jetzt nach Hause , Sprechstunde fängt an , und leben will der Mensch auch , das heißt – Kaffeetrinken . Haben Sie schon gefrühstückt ? “ „ Nein ! “ antwortetet das junge Mädchen kurz . „ Thun wir ’ s zusammen in Ihrem Garten ? “ bettelte er . „ Herrgott , das wär eine Idee ! Wie ist ’ s denn , thut der Kopf [ 297 ] 500px Am Himmelfahrtstage in der Erlöserkirche zu Moskau . Nach einer Originalzeichnung von E. Limmer . [ 298 ] noch weh ? Haben Sie gut geschlafen ? Hat Ihre Frau Mutter schon mit Ihnen – ich wollte sagen , haben Sie Ihre Frau Mutter schon gesprochen ? “ verbesserte er sich , rot werdend . „ Ich schlief ’ gestern abend schon , als sie kam , und sie heute früh noch , als ich ging , Herr Doktor . “ „ So , so ! Sie wollte Ihnen etwas erzählen , glaube ich , stotterte er . Na , das braucht aber nicht gleich heute früh zu sein , erst frühstücken wir zusammen und , Fräulein Aenne , wenn meine Sprechstunde vorbei ist , sagen Sie mir vielleicht – – “ Sie blickte ihn halb verwundert , halb zerstreut an . „ Was denn ? ... “ „ Ich meine , wie Ihnen das gefallen hat – die Geschichte , das Märchen – das – was Ihre Mutter Ihnen erzählen will – “ Sie hörte ohne Interesse auf seine Worte , sie antwortete auch nicht , sie dachte schon wieder an die bitteren Worte von Heinz Kerkow . Und genau so zerstreut schritt sie ihm voran in die Hausthür und bot der am Fenster entzückt aufschauenden Rätin einen Guten Morgen . Ja , ganz entzückt war die Frau Rat , weil sie die beiden so zusammen hatte kommen sehen . Die Aenne mit der hohen Röte innerer Scham auf dem Antlitz schien ihr so bräutlich , so selig , und nun wollte gar der Doktor im Garten frühstücken mit der Aenne – es konnte nicht anders sein , sie waren einig , die beiden , gottlob , sie waren einig ! Aber die erregte Frau hatte den Mut nicht , sich Gewißheit zu verschaffen . Sie lugte nur hinter den Gardinen hervor auf das junge Paar und beobachtete die Augen des Doktors , die nicht von dem jungen Mädchen ließen . Das saß abgewandt , in halber Verlegenheit und warf den Hühnern Brocken zu über den Drahtzaun hinüber . Als der Doktor sich erhob , um sein Sprechzimmer aufzusuchen – es wartete bereits ein Häuflein Patienten – da litt es die Mutter nicht länger , sie nahm die Schüssel Spinat und ein Messer und setzte sich zu Aenne , und mit zitternden Fingern die Blätter verlesend , begann sie . „ Du , Aenne – - “ Das Mädchen fuhr herum wie eine , die aus dem Schlaf erwacht . „ Was willst du , Mutter ? “ „ Ich – der Rätin stockte plötzlich der Atem . „ Ach , du wirst ’ s wohl schon wissen , du Schlaukopf – gelt ? “ „ Was denn , Mutter ? “ „ Hat dir der Doktor nichts gesagt ? “ Aenne mußte sich erst besinnen „ Ach so – ja – du wollest mir etwas erzählen . Was ist ’ s denn ? “ „ Weiter hat er dir keine Andeutung gemacht ? “ Aenne schüttelte den Kopf . Die Rätin seufzte . „ So sind nun die Männer , “ dachte sie . „ Wenn ich man bloß wüßte , wie ich es anfangen sollte , die Sache so zur Sprache zu bringen , daß es Aennes Herz rührt . “ „ Er ist doch eigentlich eine Seele von einem Menschen , “ begann sie laut , „ der Doktor ! Was , Aenne ? “ „ Ich kenne ihn zu wenig , aber ich glaube , er ist wirklich ein guter Mensch , “ gab Aenne zu . Und plötzlich erinnerte sie sich , wie sie eben erst ein begeistertes Lob aus seinem Munde