Ungeduld , ein Durst nach Mehr und immer Mehr , die sein tägliches Tun und Treiben , seine Gedanken , Pläne und Verrichtungen aus dem Zusammenhange rissen . Mit Personen , die er kannte , sprach er wie mit Fremden ; Unbekannte setzte er durch treuherzige Vertraulichkeit in Erstaunen ; er vergaß seinen Hut aufzusetzen , wenn er auf die Straße ging , und legte bei zahllosen Anlässen eine Zerstreutheit an den Tag , die ihn dem Gelächter preisgab . Er wußte nicht , wann es Mittag war ; er kam um drei Uhr und dachte , es sei zwölf ; einmal wäre er auf ein Haar am Mariengraben von galoppierenden Pferden niedergerissen worden ; ein anderes Mal wurde ihm am Ludwigsbahnhof sein Regenschirm aus der Hand gestohlen , ohne daß er es merkte . O , Flügelwesen , Flügelwesen , sagte er bisweilen vor sich hin und lächelte wie ein Nachtwandler . Tief in seiner Seele brauste ein aufgeregtes Meer von Tönen ; er horchte nur hin , trotz gelegentlich hervorbrechenden Zornes über ein Mißlingen des Besitzes und künftiger Windstille sicher . Er lebte so in sich selbst versponnen , daß er kaum den Himmel sah , und Häuser und Menschen und Tiere und was zur Notdurft des Daseins gehört , nur wie im Traum . Flügelwesen , Flügelwesen ! 9 Als Gertrud vom Wochenbett aufgestanden war , folgte Lenore einer Einladung Martha Rübsams und begleitete die Freundin nach Altdorf , zu ihrer Tante Seelenfromm . Der Aufenthalt sollte vierzehn Tage dauern , und Lenore betrachtete dies als eine Probe , ob sie sich selber noch etwas sein könne , sich allein , ohne Daniel . Aber sie sah , daß sie ohne ihn nicht mehr zu leben vermochte . In dem einsamen Forsthaus kam sie zu der Erkenntnis , daß ihre Liebe groß genug war , um das Ungeheure des ihr auferlegten Schicksals tragen zu können , daß weder Flucht , noch Sichverbergen imstande war , sie zu retten , Daniel zu heilen und Gertrud das Verlorene zu ersetzen . Freilich gab es Stunden , wo sie sich fragte , ob es denn wahr und wirklich , ob es überhaupt möglich sei . Sie wandelte in der Schwärze , von Dämonen umringt ; ihre Natur war in die tiefste und seltenste Verwirrung gestürzt und wehrte sich mit leidvollen Gebärden gegen das Unerbittliche . Doch in einer ihrer schlaflosen Nächte schien es ihr , als überflamme sie Daniels Geist und als rufe seine Stimme nach ihr mit niegekannter Macht . So wie er lebendig war , war ' s keiner , den sie je gesehen . Ihre schlummernde Phantasie war aufgewacht unter seinem Laut und Atem . Sie fand , daß ihm die Menschen vieles schuldig seien und daß , da sich niemand anheischig machte , diese Schuld zu zahlen , es an ihr liege , das Versäumnis nachzuholen . Die Wege seiner Kunst überblickte sie nicht . Der Musiker in ihm sagte ihr nichts Sonderbares und Besonderes . Sie faßte und fühlte nur ihn selbst . Faßte und fühlte nur den Mann , der zu Hohem und Höchstem geboren und entschlossen war und über das Schlechte und Niedrige schweigend hinwegschritt ; der sich erwählt wußte und auf Herrschaft verzichten sollte ; der stumm erglüht in Waffen stand , um ein stets bedrohtes Heiligtum zu hüten . Von einem solchen Mann , einem Ritter und einem Kämpfer , hatte sie schon in Kindertagen fromm geträumt . Denn wiewohl sie alle Dinge und Verhältnisse mit Blicken der Wahrheit ergriff , war doch ihre Seele voll heimlicher Schwärmerei gewesen . Hinter lieblich sich bewährender Tätigkeit webten Genien der Romantik ihre bunten Fäden und hatten auch die gläserne Kugel gebaut , in der sie sich so lange vor der Welt verborgen hatte . Am Morgen nach jener Nacht erklärte sie ihrer Freundin , daß sie heimfahren wolle . Martha versuchte , sie davon abzubringen , aber sie blieb beharrlich . War sie doch vor Sehnsucht beinahe krank . Martha ließ sie ziehen ; sie hatte die traurigsten Gedanken über Lenores Zukunft , da ihr ja zu Ohren gedrungen war , was in dem unglücklichen Hause vor sich ging . Nicht aus Grüben der Moral sorgte sie sich , dazu war sie nicht die Frau ; sondern aus echter Zuneigung . Es tat ihr weh , Lenore nicht mehr bewundern zu können . 10 Indessen hatte Daniel seiner Frau gesagt , daß ein Kind von ihm bei der Mutter in Eschenbach lebte und daß er dies erst an dem Tage erfahren , als ihn Lenore hingeführt . Er sagte ihr den Namen des Kindes und wie alt es sei und wer die Mutter war und schilderte ihr jene wildgärende Neujahrsnacht , in der er die Magd umarmt . Er erzählte , wie er damals vor dem Haus drunten gestanden sei , Gertrud mit allen Sinnen zu sich gewünscht habe , und wie es ihm jetzt beim Anblick der kleinen Eva zumut gewesen , als ob die Vorsehung sich nur zum Schein des Leibes einer Fremden bedient habe und das Kind in Wirklichkeit Gertruds Kind sei . Darauf antwortete Gertrud : » Ich will das Kind nie sehen . « » Wenn du Eva einmal kennst , wirst du dich dieses Wortes schämen , « versetzte Daniel . » Du solltest nicht eifersüchtig sein auf ein Wesen , durch das Gott die Erde hat schöner machen wollen . « » Sprich nicht von Gott ! « sagte Gertrud rasch und mit erhobener Hand . Dann , nach einer Pause , während der Daniel sie unwillig betrachtet hatte , fügte sie schmerzlich lächelnd hinzu : » Ich eifersüchtig ? O nein , Daniel . « Die Art , wie sie die Hände auf die Brust preßte , überzeugte Daniel sehr nachdrücklich davon , daß sie ein solches Gefühl nicht kannte . Er schwieg , blieb aber lange bei ihr in der Stube sitzen . Als sie den Brotlaib anschnitt , fiel ihr das Messer herunter