Tisch . » Im Garten oben is die gnä Frau « , sagte sie . Die Tür zur Veranda stand offen . Die Bretter des Bodens knarrten unter Georgs Füßen . Der Garten mit seinem Duft und seiner Schwüle nahm ihn auf . Der alte Garten war es . Alle die Tage , die Georg fern gewesen , war er stille dagelegen , so wie in diesem Augenblick ; im Morgenlicht , im Sonnenglanz , im Abendschatten , im Dunkel der Nacht ; immer derselbe ... Gerade schnitt der Kiesweg durch die Wiese nach oben . Kinderstimmen waren jenseits der Stauden , an denen rote Beeren hingen . Und dort auf der weißen Bank , den Arm auf der Lehne , sehr bleich , in wallendem blauen Morgenkleid , das war Anna . Ja wirklich sie . Nun hatte sie ihn erblickt . Sie wollte aufstehen . Er sah es und sah zugleich , daß es ihr schwer wurde . Warum nur ? Bannte die Erregung sie nieder ? Oder war die schwere Stunde schon so nah ? Er winkte ihr mit der Hand , sie sollte sitzen bleiben . Sie setzte sich auch wirklich wieder hin und hatte nur die Arme leicht ausgebreitet , ihm entgegen . Ihre Augen leuchteten glückselig . Georg ging sehr rasch , den weichen , grauen Hut in der Hand , und nun war er bei ihr . » Endlich « , sagte sie , und es war eine Stimme , die so weither klang wie jene Worte in ihrem Brief von heut Morgen . Er nahm ihre Hände , schüttelte sie in einer sonderbar ungeschickten Weise , fühlte irgend etwas in seiner Kehle aufsteigen , konnte aber noch immer kein Wort sprechen , nickte nur und lächelte . Und plötzlich kniete er vor ihr auf dem Kies , ihre Hände in den seinen , sein Haupt in ihrem Schoß , fühlte wie sie ihm die Hände leicht entzog , sie auf sein Haupt legte ; und dann hörte er sich ganz leise weinen . Und es war ihm , wie in süß dumpfem Traum , als läge er , ein Knabe , zu seiner Mutter Füßen , und dieser Augenblick wäre schon Erinnerung , fern und schmerzlich , während er ihn durchlebte . Achtes Kapitel Frau Golowski kam aus dem Hause . Georg sah sie vom obern Ende des Gartens aus auf die Veranda treten . Erregt eilte er ihr entgegen , aber schon wie sie ihn von ferne gewahrte , schüttelte sie den Kopf . » Noch nicht ? « fragte Georg . » Der Professor meint « , erwiderte Frau Golowski , » eh es dunkel wird . « » Eh es dunkel wird « , sagte Georg und sah auf die Uhr . » Und jetzt ist es erst drei . « Sie reichte ihm teilnahmsvoll die Hand , und Georg blickte ihr in die guten etwas übernächtigen Augen . Die durchsichtigen weißen Vorhänge vor Annas Fenster wurden eben leicht zurückgeschlagen . Der alte Doktor Stauber erschien in der Fensteröffnung , warf Georg einen freundlich-beruhigenden Blick zu , verschwand wieder und die Vorhänge fielen zu . Im großen Mittelzimmer am runden Tische saß Frau Rosner . Georg nahm von der Veranda aus nur die Umrisse ihrer Gestalt wahr ; ihr Gesicht war ganz umschattet . Wieder drang ein Wimmern , dann ein lautes Stöhnen aus dem Zimmer , in dem Anna lag . Georg starrte zum Fenster hin , wartete eine Weile , dann wandte er sich ab und ging , zum hundertstenmal heute , den Weg hinauf zum obern Gartenende . Offenbar ist sie schon zu schwach , um zu schreien , dachte er ; und das Herz tat ihm weh . Zwei volle Tage und zwei volle Nächte lag sie in Wehen ; der dritte neigte sich zum Ende , und nun sollte es noch dauern , bis der Abend kam ! Schon am Abend des ersten Tages hatte Doktor Stauber einen Professor beigezogen , der gestern zweimal dagewesen und heute seit Mittag im Hause war . Während Anna auf ein paar Minuten eingeschlummert war und die Wärterin an ihrem Bette wachte , war er mit Georg im Garten auf und ab gegangen und hatte versucht , ihm den Fall in seiner ganzen Eigentümlichkeit zu erläutern . Zur Besorgnis sei vorläufig kein Grund vorhanden , immer noch höre man die Herztöne des Kindes vollkommen deutlich . Der Professor war ein noch ziemlich junger Mann , mit langem , blonden Bart , und seine Worte träufelten lind und gütig , wie Tropfen eines schmerzstillenden Medikaments . Der Kranken sprach er zu wie einem Kind , strich ihr über Stirn und Haare , streichelte ihre Hände und gab ihr Schmeichelnamen . Von der Wärterin hatte Georg erfahren , daß dieser junge Arzt an jedem Krankenbett von gleicher Hingebung und Geduld erfüllt wäre . Welch ein Beruf , dachte Georg , der sogar während dieser drei schlimmen Tage sich einmal für ein paar Stunden nach Wien geflüchtet , der es vermocht hatte , auch heute Nacht , während Anna sich in Schmerzen wand , oben in der Mansarde volle sechs Stunden tief und traumlos zu schlafen . Er ging längs der abgeblühten Fliedersträucher , riß Blätter ab , zerrieb sie in der Hand , warf sie zur Erde . Jenseits der niedern Büsche im andern Garten ging eine Dame im schwarz-weiß gestreiften Morgenkleid . Sie schaute Georg ernst und wie mitleidig an . Ach ja , dachte Georg , die hat natürlich auch das Schreien Annas gehört , vorgestern , gestern und heute . Der ganze Ort wußte ja von den Dingen , die hier vorgingen ; auch die jungen Mädchen aus der geschmacklosen , gotischen Villa , für die er einmal den interessanten Verführer bedeutet hatte ; und geradezu komisch war es , daß ein fremder Herr mit rötlichem Spitzbart , der zwei Häuser weit wohnte , ihn gestern im Ort plötzlich verständnis- und hochachtungsvoll gegrüßt hatte . Merkwürdig ,