verjagt ? « » O , Du weißt ganz gut ... « Ja , er wußte . Und ein Wunsch , daß die Geflohene da wäre , erfaßte ihn . Am liebsten hätte er zu Sylvia gesagt : » Schreib ' ihr , daß sie wiederkomme . « Aber er hielt sich zurück . XXXVI Mitternacht . Martha war mehrere Tage so wohl und kräftig gewesen , daß sie selber und auch ihre Umgebung es nicht mehr für nötig befunden , daß jemand bei ihr wache , und sie war allein in ihrem Schlafzimmer . Sie fand aber keinen Schlaf und auch keine Ruhe . Eine eigene Beklemmung schnürte ihr die Kehle zu und eine eigene Bangigkeit beschlich ihr Gemüt . Sie machte Licht und setzte sich im Bette auf . Die liegende Stellung hielt sie nicht aus . Sollte sie der nebenan schlafenden Jungfer klingeln ? Nein - wozu ? - sie brauchte ja nichts . Nur Luft . Die konnte sie sich selber verschaffen , wenn sie das Fenster öffnete ; würde sie zu diesem Zweck die Jungfer rufen , so gäbe das gleich Alarm - es hieße : ein neuer Erstickungsanfall und das ganze Haus liefe zusammen . Sie schlüpfte in ihre Pantoffel und in einen auf dem Sessel neben dem Bett liegenden weiten , weichen Schlafrock und ging sachten Schrittes zu dem Fenster , dessen Flügel sie aufschlug . Eine frische , nach Sommerregen duftende Luft kam hereingeströmt . Man hörte das Klatschen der dichtfallenden Tropfen auf das Laub und das Rieseln aus einer Dachrinne . Martha atmete in tiefen Zügen die feuchte kühle Luft ein und die Brustbeklemmung wich ; die Gemütsbangigkeit aber blieb - verstärkte sich sogar zur Traurigkeit . Die Dunkelheit , das eintönige Geplätscher und selbst der starke Regengeruch hatten etwas so melancholisches ... Ach nein , die Melancholische war sie selber - nicht die feuchte Sommernacht - und jetzt wußte sie auch - woher ihre Augen sich mit Tränen füllten , was die Ursache ihres Bangens war : der Gedanke an das Gestorben- , das Begrabensein ... Sie machte das Fenster wieder zu , nahm das Licht und ging durch die offenstehende Tür in ihr anstoßendes Schreibzimmer , da wo alle ihre geliebten Reliquien waren und wo an allen Ecken und Enden die Andenken und Bilder Tillings standen und hingen . Hier wollte sie nun recht gründlich an den Tod denken - hier Abschied nehmen von ihren Erinnerungen und Abschied von sich selber . Sie warf sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und rückte das Licht so , daß sein Schein auf die große , gemalte Photographie Tillings fiel , die in einem Rahmen auf dem Tische stand . Das liebe Antlitz schien sie anzublicken . » Mein Friedrich ! « Langsam und heiß rannen die zwei Tränen , die ihr ins Auge getreten waren , über die Wangen herab . Dann aber weinte sie nicht mehr . Nicht um zu trauern hatte sie sich hierher gesetzt ; denken wollte sie ; sich noch einmal vergegenwärtigen , was sie in der fingierten Todesstunde mit ihrem Sohn gesprochen ; ob sie denn auch alles Wesentliche gesagt ! - Nein , lange nicht alles . Was auch immer im Leben sie gesprochen oder geschrieben über die große Sache , die ihr auf dem Herzen lag , stets war ein Rest geblieben ; stets war das am heftigsten Empfundene , das am klarsten Erkannte nicht ausgedrückt worden . Vorhin , im Dunkeln , als sie im Bette lag und ein krampfhaftes Zusammenziehen ihres Herzens sie aus halbem Schlafe aufgeweckt , da war ihr mit einem einzigen Gedanken ein volles Verständnis aufgeblitzt für den ganzen Jammer der sich gegenseitig bedrohenden Menschheit und gleichzeitig für die Erhabenheit des Ziels , solchen Jammer zu verscheuchen , für die einfache Erreichbarkeit des Ziels - so intensiv schmerzlich , was den Jammer , so freudig hell , was die Rettung betrifft - daß sie wähnte , jetzt und jetzt müsse sie auch die Formel finden ... aber während sie darnach mit den Gedankenfühlern tastete , war der ganze Bewußtseinszustand entschwunden . Jetzt , wo sie so dasaß , versuchte sie , sich ihn zurückzurufen - vergebens , andere Gedanken drängten sich heran : Sylvia , Cajetane - und mit aller Gewalt , wie immer , wenn sie so seelisch erregt war , eine Flut von Erinnerungen an ihren Verlorenen - aneinandergereiht alle die Bilder der an Glück und Schmerz so reichen Ehezeit ... Würde es sich süßer , leichter sterben , wenn er noch da wäre ? Wenn sie in der letzten Stunde den Kopf an seine Brust lehnen könnte ? Die arme , vor mehr als zwanzig Jahren zerschossene , längst verweste Brust ... Jetzt war die Reihe des Verwesens an ihr - zurück ins All , die getrennten Atome . Bei dem Gedanken » All « - es ist ja doch nur ein anderes Wort für Gott - durchrieselte sie ein Andachtsschauer . So blieb sie versunken ; wenn sie auch um nichts bat - es war ein Beten . Dann nahm sie Tillings Bild in die Hand . Daß sie beide einst so glücklich gewesen , daß sie einander so geliebt , das war eine unvertilgbare Wirklichkeit . Unvertilgbar auch die Idee , deren Hut er ihr übergeben , und die sie nun in die Hut ihres Sohnes gelegt . Wieder strengte sie sich an , eine geeignete Wortformel zu finden , in der sich jene Ideen einkapseln ließen , wie kostbare Tropfen Lebenselixiers in ein goldenes Fläschchen - Draußen regnete es immer heftiger . Es hatte sich nun auch ein Wind erhoben , der den Guß an die Scheiben peitschte und sich pfeifend in die Kamine warf . Die klagenden Töne rissen Martha aus ihrem Sinnen heraus und verstärkten ihr Bangigkeitsgefühl ... Sollte sie doch rufen ? Ihre Kinder würden ja herbeieilen , sie zu beruhigen , zu trösten , ihre lieben , aber ach - so wenig glücklichen Kinder ... Nein , wozu