mit den welken Zügen des Alters und den blühenden Farben der Jugend . » Verzeihen Sie , Gnädigste , aber hier scheint ein Irrtum - « Werner verstummte ; er hatte den verbundenen Arm bemerkt , den die Dame in einer seidenen Schlinge trug . In erwachender Teilnahme trat er näher und sah ihre Augen auf sich gerichtet wie in Kummer und Angst ; ohne Bewegung saß sie im Lehnstuhl . Schon wollte er sprechen , da sagte sie zaghaft : » Sie erkennen mich nicht mehr ? « » Ich vermag mich nicht zu erinnern - « » Es ist lange her ! Und ich habe mich nicht zu meinem Vorteil verändert . Ich bin alt geworden . Und häßlich . Wer mich heute sieht , möchte in mir nicht mehr das lustige Mädel von damals vermuten - die närrische Gundi Kleesberg . « Dieser Name wirkte auf Werner , als wäre ein Blitzstrahl vor ihm niedergefahren . Er tastete nach einem Stuhl . Nun saßen sie wortlos , Auge in Auge . Durch die offenen Fenster tönte das Rauschen der Fontäne . Werner hing an diesem gealterten Gesicht , als könnte er unter der Schminke und zwischen dem Vernichtungswerk der Jahre noch einen Zug aus vergangener Zeit entdecken . Doch sie wollten einander nicht gleichen , diese bemalte Welkheit und das Bild seiner Erinnerung : ein schmucker Lockenkopf mit munteren Augen , mit vorwitzigem Näschen und mit den kirschroten Lippen , nach deren Kuß er einst gedürstet hatte . Tief atmend , sagte er leis : » Es wäre besser gewesen , wenn uns diese schmerzende Begegnung erspart geblieben wäre . Hätte ich ahnen können , wen ich in Schloß Hubertus finden würde , ich hätte dieses Haus nicht betreten . « So hilflos wie ein gescholtenes Kind , ließ Gundi Kleesberg das Kinn auf die Brust winken . » Das war hart , Werner ! « » Ich wollte Sie nicht kränken . Aber ich habe so viele Jahre gebraucht , um ruhig zu werden , daß es mir nicht zu verdenken ist , wenn ich eine Störung dieser Ruhe gern vermieden hätte . « Eine Pause trat ein . Scheu blickte Gundi zu ihm auf : » Sie wußten nicht , daß ich in Hubertus bin ? « » Nein . Der Tod Ihres Vaters und Ihr Eintritt in das Stift war die letzte Nachricht , die mir vor fünfzehn Jahren ein Zufall von Ihnen brachte . « » Ein Zufall nur ? Sie selbst haben nie den Wunsch empfunden , von der Gundi Kleesberg zu hören ? « Werner schwieg . Um seinen Mund huschte jenes Lächeln , das seine Freunde an ihm kannten , und von welchem Tassilo gesagt hatte : » Eine Kunst , die sich bitter lernt - es mag keine heitere Geschichte gewesen sein , hinter der ihm nichts anderes verblieb als dieses Lächeln . « Gundi Kleesberg schien die stumme Sprache dieses Lächelns zu verstehen . Dunkle Röte glühte durch die Schminke ihrer Wangen . » Auch Sie , Werner ? Auch Sie sind einsam geblieben ? « » Einsam ? Nein ! Ich hatte meine Kunst . Ich halte wenig von dem , was ich heute gelte in der Welt , habe die Arbeit immer nur geliebt um ihrer selbst willen . Dennoch sag ' ich es vor Ihnen mit einer verzeihlichen Regung von Stolz : Aus dem Werner ist was geworden . Er hat bewiesen , daß er das verächtliche Mißtrauen nicht verdiente , mit dem Ihr Vater ihn von seiner Schwelle wies . « Zitternd bedeckte Gundi Kleesberg die Augen . » Ach , Werner , man hat uns ein schönes Glück zerstört ! « » Das taten nicht die anderen . Das haben wir selbst getan . « » Ich ! Ich allein bin die Schuldige . Mit meiner Feigheit ! Hätt ' ich den Mut gehabt , alles wäre gut geworden ! Nur Feigheit war es , als ich mich in deine Arme warf , um in Heimlichkeit zu erzwingen , was ich offen von meinem Vater nicht zu fordern wagte . Feigheit war es , als ich schwieg , bis ich sprechen mußte ! Feigheit , als ich mich jedem Zwang meines Vaters fügte - « Ihre Stimme erlosch , während sie trostlos vor sich niederstarrte . » Alles wäre noch gut geworden , hätte nur mein Kind gelebt ! « » Meinst du ? « sagte Werner hart . » Dein Vater hätte auch in diesem Falle Mittel und Wege gefunden , die Sache auf seine Art zu erledigen und den Skandal , wie er sich auszudrücken liebte , aus der Welt zu schaffen . Sogenannte brave Leute , die sich für ein paar hundert Mark einen Kostgänger gefallen lassen , hätten sich ohne Mühe gefunden , irgendwo in einem Winkel , aus dem keine Stimme zu den Ohren der guten Gesellschaft reicht . Und alles wäre in schönster Ordnung gewesen . Freilich , das Kind ! Aber was liegt an solch einem unbequemen Geschöpf ! Wenn nur der Klatsch zur Ruhe kommt . Nicht wahr ? Das Kind kann mißhandelt werden und hungern , verderben an Leib und Seele ! « » Nein , nein ! « stammelte Gundi Kleesberg . » Besser tot ! « » Und wär ' es gewachsen und hätte , von der Natur mit gutem Kern begabt , alles Elend einer solchen Kindheit überwunden ? Und ein unglückseliger Zufall hätte ihm seine Herkunft verraten , ohne ihm den Vater oder den Namen der Mutter zu nennen , der bei dem Geschäft mit den braven Leuten klug verschwiegen wurde ? Was dann ? Es war doch wohl ein Knabe ? Oder nicht , Gundi ? Der Brief , in dem mir dein Vater den Tod des Kindes zur Mitteilung brachte , war ein bißchen unklar . Aber was dann ? « Schmerzvolle Bitterkeit wühlte in Werners Stimme . » Der arme Junge hätte an seinen Füßen eine Kette