Erinnerung hatte , fühlte sich denn auch von dieser Zurückhaltung der Pensionsdamen sehr angenehm berührt , als aber vierzehn Tage vorüber waren , empfand sie doch deutlich , daß die hier herrschende Gesamtatmosphäre , die physische wie die moralische , nicht wohl ertragbar für sie sei . Bei Tisch waren sie zumeist zu sieben , und zwar außer Effi und der einen Pensionsvorsteherin ( die andere leitete draußen das Wirtschaftliche ) zwei die Hochschule besuchende Engländerinnen , eine adelige Dame aus Sachsen , eine sehr hübsche galizische Jüdin , von der niemand wußte , was sie eigentlich vorhatte , und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern , die Malerin werden wollte . Das war eine schlimme Zusammensetzung , und die gegenseitigen Überheblichkeiten , bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise nicht absolut obenan standen , sondern mit der vom höchsten Malergefühl erfüllten Polzinerin um die Palme rangen , waren unerquicklich ; dennoch wäre Effi , die sich passiv verhielt , über den Druck , den diese geistige Atmosphäre übte , hinweggekommen , wenn nicht , rein physisch und äußerlich , die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre . Woraus sich diese eigentlich zusammensetzte , war vielleicht überhaupt unerforschlich , aber daß sie der sehr empfindlichen Effi den Atem raubte , war nur zu gewiß , und so sah sie sich , aus diesem äußerlichen Grunde , sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen Wohnung gezwungen , die sie denn auch in verhältnismäßiger Nähe fand . Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzer Straße . Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahrs beziehen , hatte das Nötige dazu beschafft und zählte während der letzten Septembertage die Stunden bis zur Erlösung aus dem Pensionat . An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit einem großblumigen Wollstoff überzogenen Seegras-Sofa auszuruhen - wurde leise an ihre Tür geklopft . » Herein . « Das eine Hausmädchen , eine kränklich aussehende Person von Mitte Dreißig , die , durch beständigen Aufenthalt auf dem Korridor des Pensionats , den hier lagernden Dunstkreis überallhin in ihren Falten mitschleppte , trat ein und sagte : » Die gnädige Frau möchte entschuldigen , aber es wolle sie jemand sprechen . « » Wer ? « » Eine Frau . « » Und hat sie ihren Namen genannt ? « » Ja . Roswitha . « Und siehe da , kaum daß Effi diesen Namen gehört hatte , so schüttelte sie den Halbschlaf von sich ab und sprang auf und lief auf den Korridor hinaus , um Roswitha bei beiden Händen zu fassen und in ihr Zimmer zu ziehen . » Roswitha . Du . Ist das eine Freude . Was bringst du ? Natürlich was Gutes . Ein so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen . Ach , wie glücklich ich bin , ich könnte dir einen Kuß geben ; ich hätte nicht gedacht , daß ich noch solche Freude haben könnte . Mein gutes altes Herz , wie geht es dir denn ? Weißt du noch , wie ' s damals war , als der Chinese spukte ? Das waren glückliche Zeiten . Ich habe damals gedacht , es wären unglückliche , weil ich das Harte des Lebens noch nicht kannte . Seitdem habe ich es kennengelernt . Ach , Spuk ist lange nicht das schlimmste ! Komm , meine gute Roswitha , komm , setze dich hier zu mir und erzähle mir ... Ach , ich habe solche Sehnsucht . Was macht Annie ? « Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um , dessen grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten gefaßt waren . Endlich aber fand sie sich und sagte , daß der gnädige Herr nun wieder aus Glatz zurück sei ; der alte Kaiser habe gesagt , » sechs Wochen in solchem Falle sei gerade genug « , und auf den Tag , wo der gnädige Herr wieder dasein würde , darauf habe sie bloß gewartet , wegen Annie , die doch eine Aufsicht haben müsse . Denn Johanna sei wohl eine sehr propre Person , aber sie sei doch noch zu hübsch und beschäftige sich noch zuviel mit sich selbst und denke vielleicht Gott weiß was alles . Aber nun , wo der gnädige Herr wieder aufpassen und in allem nach dem Rechten sehen könne , da habe sie sich ' s doch antun wollen und mal sehen , wie ' s der gnädigen Frau gehe ... » Das ist recht . Roswitha ... « » Und habe mal sehen wollen ob der gnädigen Frau was fehle und ob sie sie vielleicht brauche , dann wolle sie gleich hierbleiben und beispringen und alles machen und dafür sorgen , daß es der gnädigen Frau wieder gut ginge . « Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und die Augen geschlossen . Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte : » Ja , Roswitha , was du da sagst , das ist ein Gedanke ; das ist was . Denn du mußt wissen , ich bleibe hier nicht in dieser Pension , ich habe da weiter hin eine Wohnung gemietet und auch Einrichtung besorgt , und in drei Tagen will ich da einziehen . Und wenn ich da mit dir ankäme und zu dir sagen könnte : Nein , Roswitha , da nicht , der Schrank muß dahin und der Spiegel da , ja , das wäre was , das sollte mir schon gefallen . Und wenn wir dann müde von all der Plackerei wären , dann sagte ich : Nun , Roswitha , gehe da hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu , denn wenn man gearbeitet hat , dann will man doch auch trinken , und wenn du kannst , so bring uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof mit , du kannst ja das Geschirr nachher wieder herüberbringen - , ja , Roswitha , wenn