die ich an jenen Jammerstätten gesehen , und an die beklagenswerten Mütter und Frauen dachte , deren Lieben von demselben Schicksal , das mich begünstigt hatte , in Qual und Tod gestürzt worden - da konnte ich unmöglich so unbescheiden sein , diese Begünstigung als eine göttlich beabsichtigte anzunehmen , für die ich berechtigt wäre , zu danken . Mir fiel ein , wie neulich einmal Frau Walter , unsere Haushälterin , mit einem Besen über einen Schrank fuhr , worauf eine Schar zuckerwitternder Ameisen wimmelte - so fegte das Schicksal über die böhmischen Schlachtfelder weg ; - die armen schwarzen Arbeiterinnen waren zumeist zerdrückt , getötet , verstreut , nur Einige blieben unversehrt . Wäre es wohl von Diesen vernünftig und angemessen gewesen , wenn sie der Frau Walter dafür innigen Dank emporgesendet hätten ? ... Nein , ich konnte durch die Freude des Wiedersehens , so groß diese auch war , das Weh aus meinem Herzen nicht vollständig bannen - ich konnte nicht und wollte nicht . Zu helfen war ich nicht im stande gewesen ; verbinden , pflegen , warten - wie jene barmherzigen Schwestern , wie die tapfere Frau Simon es gethan - dazu hatten meine Kräfte nicht gereicht . Aber die Barmherzigkeit , die aus Mitgefühl besteht , die habe ich den armen Mitgeschöpfen doch angedeihen lassen und die durfte ich nicht , in egoistischem Vollvergnügen , ihnen wieder entziehen - ich durfte nicht vergessen . Aber wenn auch nicht frohlocken und danken - lieben , den Wiedergefundenen hundertfach zärtlich in mein Herz schließen : das durfte ich wohl ... » O Friedrich , Friedrich ! « wiederholte ich unter Thränen und Liebkosungen , » habe ich Dich wieder ! « » Und Du wolltest mich suchen und pflegen ? Wie heldenhaft und wie thöricht , Martha ! « » Thöricht , ja - das sehe ich ein . Die rufende Stimme , die mich fortzog , war Einbildung , war Aberglaube , denn Du riefst mich nicht . Aber heldenhaft ? Nein . Wenn Du wüßtest , wie feig ich mich dem Elend gegenüber erwies ! Nur Dich - nur wenn Du dort gelegen - hätte ich pflegen können . Ich habe Entsetzliches gesehen , Friedrich , was ich nie vergessen werde . O unsere schöne Welt , wie kann man sie nur so verderben , Friedrich ? Eine Welt , in der zwei Wesen einander so lieben können , wie ich und Du - in der solches Feuerglück lodern kann , wie unser Einssein - wie mag die nur so thöricht sein , die Flammen des tod-und jammerbringenden Hasses zu schüren ? » Ich habe auch etwas Entsetzliches gesehen , Martha - etwas , das ich nie vergessen kann . Denke Dir - auf mich losstürzend , mit gehobener Klinge , - es war während eines Kavalleriegefechts bei Sadowa - auf mich losstürzend - Gottfried von Tessow . « » Tante Korneliens Sohn ? « » Derselbe . Er hat mich zur rechten Zeit erkannt und senkte die bereits hiebbereite Waffe - « » Da hat er eigentlich gegen seine Pflicht gehandelt , wie ? Einen Feind seines Königs und Vaterlandes verschont - unter dem nichtigen Vorwand , daß derselbe ein lieber Freund und Vetter sei ... « » Das arme Bürschchen ! Kaum hatte er den Arm sinken lassen , so sauste ein Säbel über seinem Kopf ... Es war mein Nebenmann , ein junger Offizier , der seinen Oberstlieutenant schützen wollte und - « Friedrich hielt inne und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen . » Getötet ? « fragte ich schaudernd . Er nickte . » Mama , Mama ! « kam es vom Nebenzimmer her und die Thür wurde aufgerissen . Es war meine Schwester Lilli , den kleinen Rudolf an der Hand . » Verzeih ' , daß ich euer Wiedersehen-tête-à-tête störe , aber Dieser da verlangt gar zu stürmisch nach seiner Mama . « Ich eilte dem Kind entgegen und preßte es leidenschaftlich an mein Herz . - Ach die arme , arme Tante Kornelie ! Noch am selben Tag kam der aus Wien telegraphisch gerufene Chirurg im Schlosse an und nahm Friedrichs Wunde in Behandlung . Sechs Wochen äußerste Ruhe - und die Heilung würde eine vollständige sein . Daß mein Mann den Dienst quittieren würde , das stand nun bei uns Beiden fest . Natürlich konnte dies erst nach Beendigung des Krieges ausgeführt werden . Übrigens konnte man den Krieg füglich als beendet betrachten . Nach dem Verzicht auf Venedig war der Konflikt mit Italien beseitigt , Napoleons Freundschaft war gewonnen und man würde im stande sein , mit dem nordischen Sieger einen glimpflichen Frieden abzuschließen . Unser Kaiser selbst wünschte sehnlichst , dem unglücklichen Feldzug ein Ende zu machen und wollte nicht noch seine Hauptstadt einer Belagerung aussetzen . Die preußischen Siege im übrigen Deutschland , so der am 16. Juli stattgefundene Einzug der Preußen in Frankfurt a / M. , verliehen dem Gegner einen gewissen Nimbus , der - wie alle Erfolge - auch bei uns zu Lande Bewunderung erzwang und eine Art Glauben weckte , daß es eine geschichtliche Mission sei , welche da von den Preußen mittelst gewonnener Schlachten ausgeführt wurde . Das Wort » Waffenstillstand « - » Frieden « war nun einmal gefallen , und da konnte auf dessen Verwirklichung ebenso sicher gerechnet werden , wie man in Zeiten , wo die Drohung des Krieges einmal ausgesprochen , über kurz oder lang auf den Ausbruch des Krieges rechnen muß . Selbst mein Vater gab jetzt zu , daß unter den obwaltenden Umständen ein Aufheben der Feindseligkeiten angemessen wäre ; die Armee war geschwächt , die Uberlegenheit des Zündnadelgewehres mußte anerkannt werden und ein Vormarsch der feindlichen Truppen nach der Hauptstadt , die Beschießung Wiens und nebstbei auch die Zerstörung von Grumitz : das waren Eventualitäten , welche auch meinem kampflustigen Herrn Papa nicht sonderlich zulächelten . Sein Vertrauen in die Unbesiegbarkeit der österreichischen Truppen war durch die Thatsachen denn