Sonne auf Wiesen und Gärten , bald jagte der Wind fliegende Wolken über den Himmel und ihre Schatten über die Wege , welche der Trauerzug langsam beschritt , den von acht Männern getragenen Sarg voran . Über die Bahre und die Köpfe der Leidtragenden hinweg wehte der Wind außerdem das von den Bäumen gerissene abgestorbene Laub und die gelben Blätter raschelten und tanzten auf dem Wege so hurtig voraus , wie wenn sie Leben und große Eile hätten , den Heimgang einer Seele anzusagen . Auf dem Friedhofe ruhte die Sonne und flimmerte in unbestrittenem Glanze auf den Hunderten von Glas- , Flitter- und Blechkränzen , mit denen der verirrte Geschmack die Denkmäler der Verstorbenen behing , aus der gleichen Eitelkeit , welche Wochen und vierzehn Tage hindurch die öffentlichen Blätter erst mit der Todesanzeige und dann mit der Danksagung für erfahrene rühmliche Teilnahme anfüllt . Das wäre alles so recht im Sinne der armen Amalie Weidelich in ihrer guten Zeit gewesen ; nun war sie der Torheit enthoben und ging den letzten Gang in einem besseren und höheren Stile . Während die Bahre den Weg nach dem offenen Grabe fortsetzte , trat die Trauerversammlung in das sogenannte Bethaus , wo der Geistliche bereitstand , nach Vorschrift Anrede und Gebet abzuhalten . Er hatte den Vater Weidelich besucht und gesehen , daß derselbe eine totenrichterliche Leichenpredigt , nach ländlichem Gebrauch den Umständen angepaßt , nicht gut ertragen würde , und widerstand daher dem Anreiz , ein Beispiel zu liefern . Nach geschehener Verrichtung hielt er das Barett vor das Gesicht und verharrte so an seinem Platze , zum Zeichen , daß es aus sei . Einer um den andern begann hinauszugehen . Weidelich blieb ermüdet auf seiner Bank sitzen und auch aus Bescheidenheit , bis das Bethaus leer und auch der geistliche Herr unversehens verschwunden war . Dann wankte auch er hinaus und schaute unter der Tür sich nach dem Grab um . Von den Personen des Geleites war niemand mehr zu erblicken . Da trat Martin Salander zu ihm , nahm ihn unter den Arm und führte ihn zum Grabe , wo die Totengräber soeben den einfachen Sarg von weißem Tannenholz , wie er bis in die neuere Zeit für reich und arm gezimmert worden , in die Grube senkten und die Erde hinunterzuschaufeln begannen . Jakob Weidelich fing wehrlos an zu weinen und brachte kaum die Worte : » Du armes Kind ! « hervor , nun zum zweiten Male , seit er die Frau tot gefunden . Er redete sie offenbar in den verschollenen Tönen der Jugendzeit an , die am Ende der Dinge wieder erwachten , weil keine zärtlicheren dem verwitternden Manne zu Gebote standen . Als die Graberde über dem Sarge wieder eingepackt war , und der Totengräber seine Arbeit mit der flachen Schaufel noch ein wenig streichelte und klopfte , um sich das Ansehen eines Künstlers zu geben , führte Salander den vereinsamten Mann hinweg und begleitete ihn bis in seine Wohnung , weil er wußte , daß er dort nun sich allein überlassen blieb , wenn man das unvertraut gewordene Gesinde nicht zählte . Er saß mit ihm eine Zeitlang schweigend am Tische . Weidelich ruhte aus und brütete dann in sich hinein , bis er sich aufrichtete und sagte : » Nun kann meine Frau am Morgen liegen bleiben ; ich aber muß mich bei Zeiten auf die Beine machen und das Geld für die Bürgschaft auftreiben , das jetzt bezahlt sein muß . Am Abend sitze ich nicht mehr auf freiem Grund und Boden und bin so arm wie eine meiner Mäuse , dazu noch zins- und fronpflichtig . Es ist hart ! Ohne Lohn zu bleiben nach der Arbeit ! « Salander zog seine Brieftasche hervor und legte sie auf den Tisch . » Ich bin , « antwortete er dem Manne , » wegen dieser Sache besorgt gewesen ! Die Meinigen und ich , d.h. Frau und Töchter , wir haben uns gesagt , daß man Sie nicht in solchen Zuständen verlassen könne , daß es uns auch anstehe , das Band der Verwandtschaft , obgleich es niemand Segen gebracht , in freundlicher Weise zu lösen . Also bin ich gestern auf die Staatskasse gegangen und habe Ihre Bürgschaftspflichten , sozusagen , in Ihrem Namen , erfüllt . Hier haben Sie die Quittungen , sie lauten zusammen für die beiden Söhne auf sechsundsiebzigtausend Franken . Leben und schaffen Sie nur weiter mit guter Gesundheit und machen Sie kein Wesen aus der Sache , es wird Sie niemand behelligen . Ich meinerseits kann es wohl tun und habe auch nichts dagegen , wenn Sie damit einst den Söhnen noch nützlich sein können . Sie waren einmal unsere Tochtermänner , so kann ich auch eine Bürgschaftsschuld für sie übernehmen , wenn es ihrem braven Vater die alten Tage leichter macht ! Nehmen Sie die Quittungen an sich und behalten Sie den Sachverhalt als Ihr Geheimnis für sich ; die Leute können ja annehmen , ich hätte das Geld auf Ihren Hof geliehen ! « Jakob Weidelich war so rot als noch möglich geworden und traute seinen Augen nicht , als er die zwei Scheine in der Hand hielt . Nur undeutlich und verworren drückte er seine Dankempfindungen aus , in welche sich Zweifel an der Annehmbarkeit eines solchen Opfers mischten . Er hielt aber die Quittungen fest , und als Salander sich entfernte , hörte er noch , wie auch Jakobs Stimme schon fester tönte , die einen der Arbeitsleute zur Ordnung wies . » Das wäre auch vorbei ! « sagte Martin vor sich her , und der Kaufmann in ihm fügte hinzu , es sei doch fraglich , ob man nicht mit Recht ihn einen Narren heißen dürfte , da er eigentlich nur den jungen eingesperrten Verbrechern ein Geschenk gemacht habe , welche den Vater beerben ; und wenn sie wieder auf freien Fuß kämen , könne dieser längst tot sein . » Doch nein ! « sprach wieder