Notiz , geschweige denn gerichtlich beglaubigte Atteste und Zeugnisse . Aber ich will noch weiter gehen . Ich will selbst annehmen , daß die Dokumente in der That selbst existiert haben , « - sie machte eine augenblickliche Pause - » so kämen wir dann notwendig zu dem Schlusse , daß sie der Verstorbene selbst vernichtet hat , weil er nicht gewillt gewesen ist , die Sache an das Licht der Oeffentlichkeit zu bringen . Und das , meine ich , sollte dir genügen , die wahnsinnige Idee aufzugeben , infolge deren du dich für die Vollstreckerin seines vermeintlichen letzten Willens hältst . « Margarete war zurückgewichen , als sei sie auf eine Schlange getreten . » Das kann unmöglich dein Ernst sein , Großmama ! Was hat dir mein Vater gethan , daß du ihm einen solchen Schurkenstreich zutraust ... Ach , sein Zaudern , seine Furcht vor dem Urteil der Welt , vor dem Standesvorurteil , dem Moloch , der das Lebensglück Tausender verschlingt , wie hart strafen sie sich in diesem Augenblick ! Wie hat sich diese unselige Schwäche schon bei Lebzeiten gerächt durch die Qual inneren Zwiespaltes ! ... Und nun dieses Ende , dieser grauenvolle Abschluß , der ihm selbst kein Auslöschen seiner Verschuldung auf Erden gestattet hat ! Aber ich weiß , was er gewollt hat - Gott sei Dank , daß ich das weiß , daß ich eine solche Verdächtigung , ein solches Brandmal von seinem Andenken abwehren - « » Und damit einen Skandal an die große Glocke schlagen kann , gelt , Grete ? « ergänzte die Großmama hohnvoll . » O , du Verblendete ! ... Aber das ist dieser verrückte heutige Idealismus , der blind und taub gegen die Wände und Schranken rennt und nicht fragt , was dabei zusammenstürzt , wenn nur der falsche Wahn , die überspannte , schiefe und sentimentale Weltanschauung siegt ! ... Magst du doch die Mitteilungen deines Vaters verstanden haben wie du willst ! ich bleibe dabei , daß er selbst gewünscht hat , den Schleier über einer dunklen Stelle seines Lebens zu belassen . Und er hat es wünschen müssen , schon um unsertwillen - ich will sagen , der Familie Marschall wegen . Wir hätten es wahrlich nicht um ihn verdient , wenn durch seine Schuld auch ein Schatten auf unseren schönen , makellosen Namen fiele , wenn über uns gezischelt würde in der Stadt und bei Hofe , gerade jetzt , wo wir diesem erlauchten Kreise so nahe treten sollen ! Ich sage , um jeden Preis muß es verhindert werden , daß von dem Erpressungsversuch des alten Lenz auch nur ein Laut in das Publikum dringt - die böse Welt glaubt gar zu gern das Schlimmste und munkelt weiter , auch wenn ihr sonnenklar bewiesen wird , daß sie sich irrt - und da hilft nur eines : Geld ! - Um ein paar tausend Thaler werdet Ihr freilich ärmer werden ; aber mit dieser Abfindungssumme wird sich der alte Schwindler aus dem Staube machen und dahin zurückkehren , woher er unseligerweise gekommen ist . « » Und das Kind ? Der Knabe , der dieselben Rechte hat wie Reinhold und ich , was soll aus ihm werden ? « rief Margarete mit flammenden Augen . » Soll er hinausziehen in die Welt , ohne das Erbe , das ihm von Gott und Rechts wegen zukommt , ohne den Namen , auf den er getauft worden ist ? Und mir mutest du zu , mit einer ungeheuren Lüge auf dem Gewissen durchs Leben zu gehen ? Ich sollte je wieder einem ehrlichen Menschen ins Auge sehen können , wenn ich mir sagen müßte , daß ein großer Teil meines Erbes gestohlenes Gut sei , daß ich einen Menschen um sein kostbares Eigentum , um den geachteten Namen seines Vaters betrogen habe ? Und das forderst du von mir , die Großmutter von der Enkelin ? « » Ueberspannte Närrin ! Ich sage dir , das würden alle Vernünftigen , alle , die auf Ehre und Reputation ihres Hauses halten , von dir fordern . « » Herbert nicht ! « rief das junge Mädchen mit leidenschaftlichem Protest . » Herbert ? « rügte die Frau Amtsrätin scharf , mit hochmütigem Befremden . » Trittst du wieder in die Kinderschuhe zurück ? Der Onkel , willst du sagen ! « Ein jäher Farbenwechsel flutete über das Gesicht der Gemaßregelten . » Nun denn - der Onkel ! « verbesserte sie sich hastig . » Er wird nie zu jenen gewissenlosen Vernünftigen gehören , nie , niemals ! Ich weiß es ! Er soll entscheiden - « » Gott bewahre ! Du unterstehst dich nicht , mit ihm darüber zu sprechen , bis - « » Bis wann , Mama ? « fragte der Landrat plötzlich von seinem Zimmer her . Die alte Dame schrak zusammen , als sei ein jäher Donnerschlag ihr zu Häupten hingerollt . » Ah , bist du schon so früh zurück , Herbert ? « stotterte sie , verlegen sich umwendend . » Du kommst ja wie hereingeschneit ! « » Keineswegs . Ich stehe seit lange hier in der offenen Thüre , allein ich fand keine Beachtung . « Mit diesen Worten kam er herüber . Er sah ernst , ja finster aus , und doch war es dem jungen Mädchen , als leuchte sein Blick blitzartig auf , indem er ihr Gesicht streifte . » Ich würde mich sofort diskret zurückgezogen haben , « wandte er sich an seine Mutter , » wenn die leidenschaftliche Verhandlung zwischen dir und Margarete nicht auch mich anginge - du weißt , ich habe es mir zur Aufgabe gemacht , Licht in die Angelegenheit zu bringen . « » Auch jetzt noch , nachdem du dich hast überzeugen müssen , daß jeder gesetzliche Anhaltspunkt fehlt ? « fragte die alte Dame zitternd vor Aerger . Sie zuckte die Schultern . » Nun , meinetwegen , steckt Fackeln an