Langsam brach die Dämmerung herein . Sterne erschienen am Himmel , der Mond erhob sich in festen , klaren Umrissen , aber nicht der geringste Erfolg krönte die Bemühungen so vieler Stunden . Die beiden Schiffbrüchigen sahen sich fragend an . » Was nun , Bob ? « fragte kopfschüttelnd der Neger . » Erst einmal fort von hier ! « antwortete der junge Matrose . » Vielleicht lebt hinter den nächsten Bergen ein Stamm der Küstenlappen , und wenn wir den erreicht haben , so ist wenigstens das Leben gerettet . Der Winter hat sich ausgetobt , Mongo , das Schlimmste ist überstanden , daher laß uns kämpfen , solange wir atmen . « Der Schwarze antwortete nicht . Er ging an Roberts Seite landeinwärts über Klippen und Vorsprünge , durch Schluchten und Täler , bis sie in verhältnismäßig flaches Gelände kamen , wo sie leicht Fuß fassen konnten , und wo die Kälte weit weniger spürbar war , da hier der eisige , von Norden kommende Seewind keinen Eingang fand . Beide hatten sich zum Schutz gegen Raubtiere mit Trümmern von Schiffsplanken bewaffnet und wanderten schweigend weiter . Mond und Sterne verbreiteten einen so hellen Schein , daß nur in den Schluchten der Felsen die Nacht ihr dunkles Recht geltend machen konnte . Zuweilen krächzte ein Raubvogel oder strich mit scheuer Hast ein weißer Hase vorüber , sonst war alles still . Robert achtete genau auf die Pflanzenwelt . Daß hier in dieser nördlichen Zone nichts Genießbares wuchs , wußte er recht gut , aber das war es auch nicht , was er suchte . In diesen Küstenstrichen nistet auf flachem Boden in den Ranken der kümmerlichen Pflanzen , besonders der wollblättrigen Weide , der große Eistaucher , dessen Eier in niederen Nestern ausgebrütet werden . Robert hatte gelesen , daß mit diesen Nestern manchmal ganze Flächen bedeckt sind , und daher war seine Hoffnung , wenigstens einige Vogelfamilien zu finden , durchaus nicht ganz unbegründet . » Auf , Mongo « , sagte er , » jetzt werden wir Eier essen . Gib nur acht , bald ist der Tisch für uns gedeckt . « Der Neger seufzte schmerzlich . » Mich friert « , entgegnete er . » Es ist schrecklich , so unter Eis und Felsen zu sterben ! « » Still , Mongo , wer denkt daran ! Du mußt Mut fassen , Alter ! « Und Robert versuchte , den Schwarzen zum Sprechen zu bringen . Das würde ihn ermuntern , ihn neu beleben und die Wanderung durch Hunger und Kälte erträglicher machen . » Erzähle mir einmal , wo du geboren bist , alter Seewolf « , fuhr er fort . » Natürlich in Afrika , wo die Sonne am stärksten brennt . « Der Schwarze nickte . » Wer ich bin ? « fragte er , halb traurig , halb triumphierend , » wer ich bin ? - Der rechtmäßige König von Dahomey , mein Junge . « Robert lachte , daß wenigstens sechs verschiedene Felsenechos lustig den Klang zurückwarfen . » Du ein König ? « wiederholte er . » Alle tausend Donnerwetter , da muß ja ein gewöhnlicher Sterblicher wenigstens zehn Schritte hinter dir gehen und dich Majestät nennen ! « Der Neger lachte gutmütig mit . » Du junger Spitzbube « , schmunzelte er , » du übermütiger Schlingel . Aber was ich gesagt habe , ist buchstäblich wahr . « » Nun « , rief Robert , » und wie kamst du denn von deinem Bambusthron in die Matrosenjacke hinein ? « Der Schwarze schauderte , halb vor Kälte , halb in der Erinnerung an das , was er vor dieser Unglücksfahrt im Leben schon durchgemacht hatte . » Ich wurde mit Hunderten meiner Brüder als Sklave nach Nordamerika verkauft « , antwortete er . » Als Sklave ? « wiederholte der Junge . » Du Armer , wie kam das ? - Erzähle doch davon ! Wenn wir den Ernst und die Gefahren des Augenblicks vergessen , so werden wir die Wanderung viel leichter ertragen . « Der Neger schüttelte den Kopf . » Die Wanderung ohne Ziel ! « sagte er hoffnungslos . » Das weißt du ja noch nicht , Mongo . Erzähle mir lieber , wie es in dem königlichen Palast in Dahomey aussieht . Kennt man überhaupt bei deinem Stamm Gesetz und Rechte ? « Der alte Neger schwieg längere Zeit . » Rechte ? « sagte er dann . » Nein , Bob , das Volk hat keine , kennt und wünscht keine Rechte , nur der König herrscht nach Laune und Willkür zusammen mit den Priestern , die zwischen ihm und seinen Untertanen als Vermittler stehen . Siehst du , mein Junge , ich bin jetzt länger als dreißig Jahre ein Christ wie du , ich verabscheue natürlich die Grausamkeit und die zügellose Wildheit meines Volkes , aber dennoch geht mir das Herz weit auf , wenn ich an Afrika zurückdenke . Die Stadt , in der ich geboren wurde , heißt Abomey , und das königliche Haus meines Vaters war eine große , breite Halle aus Bambusstäben und Lehm , mit einem Dach aus Segeltuch . Zahme Strauße gingen majestätisch nickend auf und ab , junge Panther spielten mit mir im Sande , und die zahlreichen Sklaven waren meine Pferde , auf deren Rücken ich spazieren ritt , sooft es mir Spaß machte . Ich trug als das Königskind von Dahomey an meinem Körper nur Seide und goldene Spangen , ich spielte mit den Schädeln erschlagener Feinde und schoß zum Zeitvertreib die auf Stangen gesteckten Köpfe hingerichteter Untertanen mit dem hölzernen Bogen herab . Ach , Bob , du kennst Afrika nicht , das Paradies der Erde . Alles wächst dir dort entgegen , ohne daß du zu säen oder das Feld zu bestellen brauchst ; die Bambusstäbe liefern dir das Dach , unter dem du schläfst , das Meer ist dein Badeplatz , die Sonne dein Feuer .