heute Heu fressen , aber nach dem Schnee sollen gute , warme Tage kommen . In welchem Fenster dieser Hütten wohl der Meisterknecht Paul gesteckt sein mochte ? Wir schritten weiter ; bald merkte ich , daß mein Begleiter selbst den Weg nicht kenne . Der Schnee war hier schon fast geschmolzen in der Sonne . Wir gingen den Felsen zu , stiegen an den Mulden empor , wie ich mich erinnerte , daß der Schulmeister gegangen war , und endlich kamen wir auf das Grat . Das Bild war unvergleichlich . Der Schulmeister hat es geschildert . Wir gingen dem Grat entlang , ruhten dann ein wenig , um uns mit Brot und Fleisch zu laben und die Steigeisen an die Füße zu schnallen . Hierauf gingen wir langsam über das Gletscherfeld hinan gegen den Kegel . Die Luft war außerordentlich rein und ruhig ; ich empfand in mir eine Frische und ein Wohlbehagen zum Aufjauchzen . Je näher wir der Spitze kamen , je flinker förderten wir unsere Schritte ; auch der Peter war lustig geworden . Nun waren wir oben , standen auf der Spitze des Zahn . Mir war zumute , als wäre ich schon früher mehrmals auf dieser Höhe gewesen . Um uns lag in einer unendlichen Ruhe - wie der Schulmeister sagt - die Krone der Alpen . Selbst dort hinter den weiten Wäldern , im sonnendurchwobenen Mittag ragten die Kanten und Spitzen eines fernsten Gebirgszuges noch deutlich , und darüber hinaus , schnurgerade hingezogen lag ein schimmerndes Band - das Meer ! Mir war zumute , als müßte ich fortrasen hinab von Fels zu Fels und hin über Berg und Tal , den Schulmeister zu suchen , ihm zuzurufen : » Kommet und sehet ! « In lauter Begeisterung und in stiller Versunkenheit habe ich wohl lange hinausgestarrt . Dann stiegen wir einige Schritte niederwärts unter den Steinvorsprung , wohl denselben , an welchem der Mann vor fünfzig Jahren gesessen war und geträumt hatte . Hier war noch ein wenig Schnee . Wir setzten uns auf trockene Klötze und hielten Mahlzeit . Der Peter spielte mit seinem Stock im Schnee ; er zeichnete Buchstaben hin ; ich meinte , er wolle mir etwa seine Gedanken und Empfindungen aufschreiben . Aber er zerstörte die Zeichen wieder und es war nur loses Spiel . Mein Auge schweifte hinaus , flog von einem Berg zum andern , bis zu den fernsten , italischen Höhen . Es glitt hin , es trank vom Meere . Über den Wassern sah ich das Lichtwogen der mittägigen Sonne ... Plötzlich gellte neben mir ein Schrei . Der Bursche war emporgesprungen und wies mit beiden Händen auf den hügeligen Schneeboden hin . Ich forschte nach der Ursache , da waren noch des Jungen Buchstabenreste , da war aufgewühlter Flaum , da war - Es war grauenhaft zu sehen . Von der Schneehülle halb bloßgelegt starrte ein Menschenhaupt hervor . Nur wenige Augenblicke war der Bursche schreckerstarrt , tatlos dagestanden ; dann eilte er , die Erscheinung von der Schneehülle vollends zu befreien . Mit Fieberhast arbeitete er , und als ein ganzer Menschenkörper dalag , da verbarg er sein Gesicht , sank mir in die Arme und wimmerte . Da lag ein mumienhafter Mann , gerollt in einen braunen Mantel , die Züge eingetrocknet , die Augen tief gehöhlt , die wenigen Locken des Hauptes wirr - - - » Kennst du ihn ? « fragte ich den Burschen . Er neigte traurig den Kopf . » Ist es der Schulmeister ? « rief ich aus . Der Peter neigte das Haupt . - Als wir endlich einige Fassung gewonnen hatten , huben wir an , den Toten näher zu betrachten . Er war sorgsam in den Mantel geschlagen , an die Schuhe waren Steigeisen geschnallt , daneben lag ein Bergstock . In dem halb offenen Ledertäschchen fanden sich einige verdorrte Brotkrumen und ein zusammengeknülltes feuchtes Papier . Nach diesem griff ich und zog es auseinander . Da standen Worte , Worte in schiefen , regellosen Zeilen , mit Bleistift unsicher hingedrückt . Die Worte sind leserlich und lauten : » Christtag . Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht verloren . « - - - So hatte er sein Ziel geschaut . Als Erblindeter hatte er das Blatt beschrieben , das letzte Blatt zu seinen Schriften . Dann hatte er sich wohl hingelegt auf den Steinboden , hatte die eisige Winternacht erwartet und war in derselben gestorben . Wir bauten aus Steinen einen Wall um den Toten und wölbten ihn notdürftig ein . Dann stiegen wir nieder zu den Almen und den kürzeren Weg über Miesenbach nach Winkelsteg . Des andern Morgens zur frühen Stunde stiegen ihrer viele empor gegen den grauen Zahn , und ich mit ihnen . Der alte Schirmtanner war auch dabei , der wußte vieles von dem Schulmeister zu erzählen und seine Worte stimmten mit den Schriften überein . Und so trugen wir den alten Andreas Erdmann , der in der trockenen , kalten Alpenlust fast zur Mumie vertrocknet war , herab in das Tal der Winkel zur Pfarrkirche , die unter seinem Walten erbaut worden war ; trugen ihn auf den Friedhof , den er selbst angelegt hatte im Schatten des Waldes . Die Nachricht , der alte Schulmeister sei aufgefunden worden , hatte sich bald verbreitet in den Winkelwäldern , und alles strömte herbei zum Begräbnisse , und alles pries den guten Mann . Der Winkelwirt weinte wie ein Kind . » Der hat meinen verlassenen Vater gesegnet auf dem Todbett ! « rief er . Den Peter mußte der Schirmtanner von der Bahre hinwegführen . Der Förster vom Herrenhaus war da . Ganz in der Nähe des Grabes wuchs eine Waldlilie . Der Branntweiner Schorschl hielt einigen , die am Friedhofseingange standen , eine Rede ; er habe nichts , gar nichts gegen den Schulmeister gehabt , doch der Schulmeister sei eigensinnig gewesen . Das eine sei zu bedenken :