Fliedner ? « - Der lächelnde Hohn in der Stimme der jungen Dame klang mir geradezu fürchterlich . » Eine niederschlagende Prophezeiung ! ... Trotzdem bin ich so kühn , zu hoffen , ja ganz gewiß zu erwarten , daß es die Vorsehung denn doch ein klein wenig besser mit mir im Sinne hat . « Sie schritt nach der Thür . » Wollen Sie nicht den Thee bei mir trinken ? « fragte Fräulein Fliedner so freundlich und friedfertig , als sei nicht ein bitteres Wort gefallen . » Ich werde ihn sogleich besorgen - ich bin ja für Fräulein von Sassens Gesundheit verantwortlich gemacht und muß der möglichen Erkältung vorbeugen . « » Ich danke ! « sagte Charlotte in der offenen Thür mit kaltem Tone über die Schulter zurück . » Ich will mit meinem Bruder allein sein ... Schicken Sie mir die Theemaschine hinauf , aber die kleine silberne , wenn ich bitten darf - ich mag nicht mehr aus Messing trinken , und wenn es Dörte auch noch so goldblank putzt ... Adieu , Prinzeßchen ! « Sie ließ die Thür ins Schloß fallen und eilte mit dröhnenden Schritten die Treppe hinauf . Fast unmittelbar darauf rauschten grelle Klavierakkorde durch das stillgewordene Haus . Die alte Dame schrak sichtlich zusammen . » Mein Gott , wie rücksichtslos ! « murmelte sie vor sich hin . » Mir fällt jeder Ton wie ein Schlag auf mein geängstigtes Herz . « » Ich will gehen und sie bitten , aufzuhören ! « sagte ich , nach der Thür springend . » Nein , nein , das thun Sie nicht ! « hielt sie mich ängstlich zurück . » Das ist nun einmal so ihre Gewohnheit , wenn sie sich im Groll zurückzieht , und wir lassen sie darin auch stets gewähren . Aber heute , gerade in diesen Stunden voll Angst und Sorgenqual - - was mögen die Leute im Hause davon denken ! Sie gilt ohnehin für viel herzloser , als sie ist , « setzte sie bekümmert hinzu . Sie drückte mich in die Federkissen des Sofas und begann den Theetisch herzurichten . Zu jeder anderen Zeit wäre es sicher urgemütlich in dem altfränkischen Zimmer der alten Dame gewesen . Die Theemaschine sang ; draußen durch die menschenleere Straße strich seufzend der Wind , und der Regen schlug in gleichmäßigem Tempo gegen die Scheiben . Befriedigt nickte das stilllächelnde Gesicht des Pagoden hinter dem Glas in das leise dämmernde Zimmer herein , und der kleine jähzornige Pinscher lag faul , in sichtlichem Wohlbehagen des Geborgenseins , auf dem Polster ... Aber Fräulein Fliedner strich die Butterbrötchen mit zitternden Händen - ich sah es wohl - und Dörte , die alte Köchin , die einen Teller voll Gebäck hereinbrachte , fragte unter beklommenem Aufseufzen : » Wie mag ' s denn draußen stehen , Fräulein Fliedner ? « Mir schlug das Herz in einer unerklärlichen Angst . Ich empfand einen brennenden Schmerz , wenn ich daran dachte , daß Herr Claudius gerade jetzt zürnend von mir gegangen war - und ich mußte , zu meiner Qual , unausgesetzt daran denken ... Wie kindischeigensinnig und widerspruchsvoll mußte ich ihm erschienen sein , als ich an Charlottens Arm daher gekommen war ! ... Trotzdem hatte er Besorgnis um mich gezeigt - Besorgnis für mich kleines unbedeutendes Wesen in einem Moment , wo ein schweres Mißgeschick über ihn hereinbrach ! ... Leise schlugen mir die Zähne zusammen , und unter Nervenschauern drückte ich mich tiefer in die weiche Sofaecke ... Auf Fräulein Fliedners dringende Bitten schluckte ich eine Tasse heißen Thees hinunter - die alte Dame selbst genoß nichts - still saß sie neben mir . » Ist Herr Claudius auch in Gefahr da draußen ? « rang es sich endlich von meinen Lippen . Sie zuckte die Achseln . » Ich fürchte es - gefährlich mag ' s schon sein - Wassersnot ist fast schlimmer als Feuersgefahr , und Herr Claudius ist nicht der Mann , der in solchen Augenblicken an sich selbst denkt - aber er steht in Gottes Hand , mein Kind ! « Das erleichterte mein Herz gar nicht ... Wie oft hatte ich von Menschen gelesen , die ertrunken waren - unschuldige Menschen , die nichts verbrochen hatten - und er sollte ja einen Mord auf dem Gewissen haben ! ... Stand der Mörder auch in Gottes Hand ? Das Angstgefühl , unter welchem ich litt , trieb mich unwillkürlich , das auszusprechen . » Er ist ja schuld an dem Tode eines Menschen , « sagte ich gepreßt , ohne aufzusehen . Die alte Dame fuhr zurück , und zum erstenmal sah ich ihre sanften Augen im Ausdruck tiefster Empörung auflodern . » Abscheulich - wer hat Ihnen das schon gesagt ? Und in einer solchen schonungslosen Weise ? « rief sie erregt . Sie stand auf und trat für einige Sekunden in eines der Fenster ; dann setzte sie sich wieder zu mir und nahm meine beiden Hände in die ihrigen . » Wissen Sie auch Näheres darüber ? « fragte sie ruhiger . Ich schüttelte den Kopf . » Nun , dann mag sich Ihre junge , in Welt und Leben so unerfahrene Seele allerdings ein grauenhaftes Bild machen - ich kann mir das lebhaft denken - armer Erich ! ... Es ist freilich die dunkelste Stelle in seinem Leben ; aber , mein Kind , er war damals ein junger Mann von kaum einundzwanzig Jahren , ein leidenschaftlich und enthusiastisch empfindender Mann ... Er hat eine Frau lieb gehabt , so lieb - nun das mag ich Ihnen nicht des breitern schildern . Weiter besaß er einen Freund , dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt , und für welchen er sich vielfach aufgeopfert hatte ... Eines Tages nun muß sich der Ahnungslose überzeugen , daß die Frau und der Freund ihn betrügen , daß sie beide treulos sind ... Es ist zu einer heftigen Szene gekommen , und es sind