war die Weisheit einer Mutter , welche den Stachel der Not zu unserer Reife erkannte . Zeigt sie uns einen Pfad : wir wandeln ihn ; eröffnet sie uns ein Amt : wir warten sein , stark durch den Rückblick auf sie . Endlich aber , meine Hardine : wenn unter ihrer Hand ein Bild sich entschleiern sollte , welches die Enkel verehren möchten , und vor welchem sie errötend die Augen niederschlagen , so zählen wir unser Geschlecht von dem Tage an , wo diese Frau dem losgelösten Kinde eine Freistatt in ihrem Herzen eröffnet hat ; und wir wollen unsere Häupter hoch tragen , gerade darum , denn die freie Liebe einer Mutter hat sich zwischen uns und den nächtigen Schatten gestellt . « Er schwieg . Die Gattin hatte ihre beiden Hände in seine Rechte gelegt und er hielt sie eine Weile mit kräftigem Drucke umschlossen . Es war Abend geworden , das letzte Rot verglüht , der erste Stern am Horizonte aufgestiegen , die weißen Nebelgestalten der Aue drangen immer dichter und dichter zu den dunklen Föhrenwipfeln empor . Noch einen Abschiedsblick in die Runde , dann wendeten Ludwig und Hardine sich rasch und gingen schweigend , aber mit lebhafteren Schritten , als sie gekommen , dem Schlosse zu . Ohne Aufenthalt betraten sie das einfache Turmgemach , das noch unverrückt die Spuren des entschwundenen Lebens trug . Fräulein Hardine hatte im Laufe des Sommers einem namhaften Künstler zu dem einzigen Bilde gesessen , welches von ihr existiert und welches jetzt , seiner Bestimmung gemäß , in dem Ahnensaale der Reckenburg das letzte Feld einnimmt . Von der kinderlosen Erbauerin war dieser Platz dem fürstlichen Gemahle zugedacht , um die Reihe mit einem Purpur abzuschließen . Nun weilt der Beschauer sinnend vor der schlichten Gestalt , welche der Künstler gut gemalt , aber besser noch aufgefaßt hat . Wir haben eine lange Reihe hinter uns . Zu Anfang die nach Natur und Kunst ziemlich grobschlächtigen , ritterlichen Damen und Herren in Schaube und Barett , in Koller und Panzerhemd . Dann , zahlreich vertreten , der Kavalier und sein Gespons , in Lockenperücke und Zopf , uniformiert und besternt , Puder , Toupet und Schönpflästerchen , tanzmeisterliche Haltung und Höflingspas . Endlich die kleine Figur der Gräfin mit dem scharfen Vogelprofil , ein neunperliges Krönchen in der hochgetürmten Frisur , wie sie vor den Ruinen der alten Burg den Bauplan des neuen Schlosses in der beringten Hand entrollt . Die Spanne fast eines Jahrhunderts liegt zwischen diesem Bilde und dem , welches die Reihe schließt . Und welches Jahrhunderts ! Mit Siebenmeilenstiefeln rennt die gewaltigste Umwälzung , welche die Weltgeschichte kennt , an unserem Geiste vorüber . Der Fuß tut einen Schritt - und wir stehen vor der Gestalt Fräulein Hardines . Alle Frauen der Galerie und selber die Mehrzahl ihrer männlichen Vorgänger überragend , ist sie in einer Waldeslichtung und im Vorwärtsschreiten dargestellt , den Blick mit ruhiger Zuversicht in die Gegend gerichtet , von welcher das Licht in die Szene fällt . Schlicht gescheiteltes Haar , ein jagdgrünes Gewand , in der Hand einen Eichenzweig : so wie wir ihr täglich auf ihren Flurgängen begegnet sind . Auf der Brust als einzigen Schmuck das schwarzweiße Ordenszeichen der Befreiungsjahre . Ist es auch nur der Lauf und Ablauf eines Geschlechts , die Gesamtheit spiegelt sich uns in diesem Einzelbilde . Unser Herz war beklommen , nun schlägt es getrost . Wir fühlen uns gemahnt an jene Menschheitspfeiler , welche , an die Grenzen zweier Zeiten gestellt , aus der alten hinaus die Brücke in eine neue schlagen , gemahnt durch das gute Bild von unserem Fräulein Hardine . Dieses Bild war erst nach dem Tode der Dame von dem Maler abgeliefert und von den Kindern mit einem Asternkranze umrahmt , für die heutige Weihestunde über dem Lehnstuhle befestigt worden , auf welchem die Teure den letzten Atemzug ausgehaucht hatte . Dem Bilde gegenüber nahmen sie ihren Platz vor dem altväterlichen Eichentische , auf welchem die Bibel bei dem achten Kapitel des Römerbriefes aufgeschlagen geblieben war . Hardine zündete die Kerzen an und legte ihre zitternde Hand in die ihres Gatten . Nach einem tiefen Atemzuge löste er die Siegel des Schriftstückes , und ohne Unterbrechung , als die eines liebreichen Blickes auf die still weinende Frau oder auf das Bild in der Höh , las er den Inhalt , den wir dem Leser vorausgegeben haben bis zu dem Tode des Invaliden . Das Geheimnis der Vergangenheit war enthüllt , dem Geiste nach so , wie Ludwig Nordheim es der Gattin vorausgekündigt hatte . Nur wenige Blätter blieben noch in seiner Hand ; er ahnte , daß sie das Gesetz für ihre Zukunft enthalten müßten , und nach einer langen , langen Pause las er den letzten Abschnitt von der Geschichte der seltenen Frau . Dreizehntes Kapitel Der Jungbrunnen Das Schlußkapitel meiner Geschichte haben wir miteinander durchlebt , liebe Hardine . Es wird Dir wenig erzählen , dessen Du Dich nicht erinnertest , und soll nur ein Fazit sein von dem , was wir uns gegenseitig schuldig geworden sind . Du glaubst , es sei eine warme Hand gewesen , welche die Waise von der Leiche des Vaters unter ein heimisches Dach geführt hat . Wie oft habe ich mit Scham den Dank Deiner Tränen auf dieser Hand empfunden ! Mein Kind , es war ein sehr frostiges Geleit , und es hat lange gewährt , bis ich - Dich lieben etwa ? - o nein , bis ich Deinen Anblick nur ertragen lernte . Es war ein Moment in meinem Leben , in welchem die letzte matte Spur von dem , was die Menschen Anzügliches für mich gehabt hatten , zu erlöschen drohte . Das Schicksal , dessen Zeuge ich gewesen , hatte mich erschüttert , nicht erweicht . Aus Liebe war Dorothee zur Sünderin geworden ; aus Liebe der Mann , der sein ganzes Leben auf sie gestellt hatte , ein Betrogener ; in