besonders scharf beobachtet wurde , denn es handelte sich um einen alten Brauch , den man im Hause seit Urgroßvaters Zeit - und kein Mensch wußte , wie lange vorher schon - übte und über den die sonst so nüchterne Frau sich um so weniger zweifelnd oder gar spöttelnd hätte befragen lassen , weil auch sie mit ganzem Herzen daran hing . Dorothee langte schon nach dem Weihwasserkrüglein an der Wand neben der Stubentür , um sich gleich in ihr freundliches Dachkämmerlein zur Ruhe zu begeben , als sie von der Wirtin mit eigen feierlicher Stimme , die etwas Wichtiges zu verkünden schien , in die Küche gerufen wurde . Sie folgte , so schnell sie konnte , denn ihr war ' s lieb , wenn es noch etwas zu tun gab an diesem wunderbar schönen und doch so stürmischen Abend . Vorhin , als sie den die Stube lang sich hinziehenden Zechtisch abgeräumt hatte und ihren Blick alsdann durchs mondbeglänzte Tal schweifen ließ und der Sturm einige Fensterläden zuschlug , wurde sie wieder so wach , daß sie viel lieber noch an irgendeine Arbeit als gleich ins Dachkämmerlein ging . Auf dem schneeweiß gescheuerten Schranke in der geräumigen Küche , über dem sich ein vierfacher Rahmen voll glänzenden Porzellangeschirrs an der Wand hinzog , stand ein großer Topf , den die Wirtin soeben mit Weißbrot , Butter , Honig und Schweizerkäse - von ihrer Alp - füllte . Als sie Dorotheen bemerkte , sagte sie : » Leg ' dich noch einmal ordentlich an , daß dir der Föhn nichts schadet , und bring das alles unserem Brunnen . « Dorothee sah die Wirtin erstaunt fragend an . Wohl hatte sie von dem schon damals ziemlich aus der Übung gekommenen Brauche gehört , am Martinsabend die im Jahre gebrauchten Quellen - Ursprünge - zu speisen , aber es kam ihr doch sonderbar , beinahe lächerlich vor , da sie eine sonst so nüchterne , wohlberechnete Frau die Sache noch so ernsthaft nehmen sah . » Ich hab ' das noch gar nie getan « , flüsterte sie beinahe bittend , » ich weiß auch nicht , wie man es machen muß , und es wär ' mir lieb , wenn Ihr diesmal den Knecht schicken tätet , der doch heut ' auch sonst nicht mehr besonders viel anfangen wird . « » Das geht nicht . « » Warum ? « fragte Dorothee , nachdem sie eine Sekunde schaudernd das Tosen des immer mächtigeren Sturmes gehört hatte . » Es muß ein Mädchen , eine Jungfrau sein . « Dorothee , die es ordentlich fröstelte , wagte nochmals zu fragen : » Warum ? « » Meines Mannes Großvater selig « , erzählte die Wirtin , » soll das einmal unterlassen haben , dafür hat ihm dann der Ursprung im nächsten Sommer auch kein Wasser mehr gegeben . Seitdem ist ' s immer getrieben worden , und mein Mann selig soll auch in dem Stücke mit mir zufrieden sein . Vielleicht haben auch die Ursprung ' ihren eigenen Schutzpatron , wie das Feuer den heiligen Florian , dessen Bild man in jedem christlichen Hause findet . Jedenfalls heiß ' ich dich nichts Schlimmes , nur das , was ich selbst als Magd in diesem Hause früher jeden Martinsabend habe tun müssen . « » Und wie habt Ihr es denn gemacht ? « fragte das Mädchen , welches nun seinen Mut wieder wachsen fühlte . Die Wirtin stellte zwei Teller vor sich auf den Küchenschrank und begann : » Siehst du , das rechts ist die Fluh und das links der Fuß vom Liggstein . Drin , da zwischen den Bergen in der Enge , wo am längsten Sommertag die Sonne nur wenige Stunden zu sehen ist , hart neben dem Weg , den die Schleichhändler und Alpknechte benützen , wenn ' s einmal Eile hat , grad ' wo der Wald angeht , mitten in einem Buchenkranz , unter hölzernem Deckel , ist im Boden ein ausgehöhltes Holz , ein Trog . Das ist unsere Brunnenstube , wo mehrere Ursprünge gesammelt sind , um in einer Leitung bis zu unserem Hause geführt zu werden . Da gehst du hin . Die Schaufel darfst du aber nicht vergessen , denn mit der mußt du hart neben die Brunnenstube gegen Sonnenaufgang vergraben , was ich dir da zusammengerichtet habe . Ich summte dabei gewöhnlich ein frommes Lied , und mein Lebtag nie hab ' ich mich so gern gehört als da . Noch weiß ich ' s ganz gut , als ob es gestern gewesen , wie da die fallenden Tropfen klangen und rauschten , die Baumwipfel flüsterten und es dann wieder , wie in der Kirche unter der Wandlung , still , ganz still worden ist . Ich tät am liebsten selbst gehen und lang , lang drüben bleiben , wie vor zwanzig Jahren . Wie wird mir doch so eigen , und alles liegt noch so lebhaft vor mir , daß ich dir gleich erzählen muß , wie mir damals gegangen ist . « Beide setzten sich auf die an der Fensterwand hinlaufende Bank ; Dorothee knüpfte den ihr übergebenen Topf mit zitternden Händen in ein weißes Tuch , die Wirtin aber erzählte : » Ich bin da Magd gewesen , aber du mußt nicht glauben , daß meine Eigenen den lächerlich kleinen Lohn gerade nötig gehabt hätten . Von der Stickerei wußte man damals noch nicht viel , aber ein Vater , der nicht eben gebunden war , hätte sein Mädchen auch um den schönsten Lohn ungern das ganze Jahr in der Stube sitzen lassen . Man meinte , gerade wohlhabenden Mädchen , denen später vielerlei durch die Hände geh ' , könne es nicht schaden , wenn sie schon in den jungen Jahren ein bißchen herumgepudelt würden und die Arbeit so lernten , daß auch die eine Freude daran hätten , die nicht mit der Verliebtheit des Vaters oder der Mutter urteilten . Besonders der Dienst