Kränzchen . Die erste Bedingung für das Zustandekommen eines solchen war daher , daß sich die Prophetin und ihr Schüler Theilnehmer für ihr Kränzchen zu gewinnen suchten . Die Sache war nicht so leicht . Der Professor Jäger war in der Grünwalder Societät , die er als armer Student nur aus der Ferne gesehen hatte , verhältnißmäßig wenig orientirt . Seine Gemahlin dagegen kannte als siebente Tochter des weiland Grünwalder Superintendenten Doctor Dunkelmann freilich die Gesellschaft , aber die Gesellschaft , für die sie lange , lange Jahre durch ihre Ueberspanntheiten ein Gegenstand des Schreckens und des Spottes zugleich gewesen war , kannte sie auch ; und obgleich die blonde Fischerin schon seit mehreren Tagen vom Morgen bis zum Abend am Ufer saß und das Netz auswarf , hatten sich doch erst sehr wenige Fische fangen lassen . Das würde nun für die ehrgeizige Dichterin höchst schmerzlich gewesen sein , wenn unter den wenigen Gefangenen nicht auch ihr erklärter Liebling Oswald gewesen wäre . Sein Benehmen an jenem Abend hatte ihm das Herz Primula ' s , von dem er schon ein großes Stück besaß , ganz gewonnen und auch bis zu einem gewissen Punkte das Herz des Fragmentisten . Beide hatten ihn dringend gebeten , die » Gastfreunde von Argos in den Ebenen des Skamander « nicht zu vergessen und Oswald war in einer Anwandlung von boshafter Neugier der Einladung gefolgt , hatte sich während des Besuches mit dem Professor und der Professorin in Sarkasmen gegen die Schulmänner und ihre Damen überboten und war zuletzt , als Primula ihren Kränzchenplan auf ' s Tapet brachte , mit dem größten Enthusiasmus darauf eingegangen . Er hatte versprochen , Herrn Geometer Albert Timm , der als geistreicher Kopf Jedermann in Grünwald bekannt war , für die Sache zu interessiren und die Dichterin hatte ihn für diesen glücklichen Gedanken vor den Augen ihres Gemahls umarmt . Seit diesem Besuch war kein Tag verflossen , an welchem nicht ein poetisches Epistelchen von Primula an Oswald eingelaufen wäre , in welchem sie sich nach dem Fortgang seiner Bemühungen erkundigte - Epistelchen , die Oswald sorgfältig aufhob , um sie am Abend im Rathskeller einer geschlossenen Gesellschaft vorzulesen , welche sich das » Rattennest « nannte und in welche er seit einigen Tagen von Albert Timm eingeführt war . Es war etwa eine Woche nach dem Ball bei Grenwitzen ' s , als ihm abermals eine dieser auf rosa Papier geschriebenen Anfragen durch des Professors Diener Lebrecht überbracht wurde . Es mußte diesmal etwas Besonderes sein , denn Leberecht , ein junger , blasser , verhungert aussehender Mensch von fünfzehn Jahren , der bis noch vor wenig Monaten Waisenknabe gewesen war , blieb an der Thür stehen und sagte mit seiner hohlen Waisenhausstimme : Um Antwort wird gebeten . Der Brief war abermals ein poetischer und lautete : An einen jungen Aar , der durch die Wolken flog . Der junge stolze Aar , Warum doch weilt er fern In grauer Krähenschaar , Er , meines Lebens Stern ? Hab ' ich es doch so gern Das braune Adlerhaar Des hochgebornen Herrn Mit blauem Augenpaar ! Weiß nicht , wie mir geschah ! O köstlicher Gewinn ! Seit ich in ' s Aug ' ihm sah , Ist meine Ruhe hin . Doch sternhoch ist sein Sinn , Er schätzt nicht , was ihm nah , Daß ich ihm gar nichts bin , Ich weiß es , - Primula . Oswald las die Verse zwei , dreimal durch , ohne zu begreifen , wie man auf solchen Unsinn eine Antwort verlangen oder geben könne , bis er ganz unten in der Ecke ein mikroskopisches tournez s ' il vous plaît entdeckte . Er wandte das Blatt um ; auf der andern Seite stand : Lieber O. , ich muß mich ausnahmsweise einmal zur Prosa zwingen . Ich war neulich in einer hochadeligen Gesellschaft , aus der ich Ihnen allerlei erzählen kann , wenn Sie es hören wollen . Heute Abend besucht mich eine Dame ( aus eben der Gesellschaft ) , die sehr deutlich den Wunsch hat blicken lassen , mit Ihnen bei mir zusammenzutreffen , und die Ihnen etwas mitzutheilen hat , was vielleicht für Ihre Zukunft entscheidend wird . Allerdings sollte es mich innig schmerzen , wenn ich Sie verlöre ; aber meine Freundschaft für den jungen Adler ( s.p. 1 ) ist so rein , wie das Element , das er mit seinen mächtigen Flügeln peitscht . Wollen Sie um sieben Uhr sein bei Ihrer Dienerin Primula . Ein freudiger Schrecken überfiel Oswald . Wer anders konnte die junge Dame sein als Helene ? Freilich der Schritt war kühn ; aber was wagt die Liebe nicht ? - Er warf mit fliegender Feder ein paar Zeilen auf ' s Papier und gab sie Lebrecht mit der ernsten Mahnung , das Briefchen ja nicht zu verlieren - eine Mahnung , die durch das äußerst stupide Aussehen des gewesenen Waisenknaben einigermaßen gerechtfertigt schien . Die Stunden , die er noch bis zum Abend hinzubringen hatte , schienen ihm zu schleichen . Dazu wollte das Unglück , daß er gerade an diesem Nachmittag zwei Lectionen geben mußte in einer höheren Klasse , deren Schüler er durch sein ungleichmäßiges Benehmen gegen sich aufgebracht hatte . Sie ließen es heute , wo ihr junger Lehrer launischer schien als je , nicht an Neckereien und Widerspenstigkeiten aller Art fehlen , und Oswald ließ sich dadurch zu einer leidenschaftlichen Heftigkeit hinreißen , die zwar die Ruhe in der Klasse sofort wieder herstellte , über die er sich aber mehr ärgerte , als über alles Andere . Mißmuth und Zorn im Herzen verließ er das Gymnasium . Nicht weit davon begegnete ihm Franz . Keine Begegnung konnte ihm in diesem Augenblick ungelegener sein . Er hatte die Freundschaft dieses trefflichen Menschen sehr wenig gepflegt , kaum daß er ein oder das andere Mal ( und meistens nicht in der Absicht , Franz zu treffen ) bei Robrans gewesen war .