stützte sie sich am liebsten auf seinen Arm ; - ach , sie hinkte nicht mehr so schnell wie früher einher , sie hielt es jetzt nicht mehr für unglaublich , daß sie sich noch einmal eines Wagens oder gar Rollstuhls werde bedienen müssen . Wie an eine letzte Hoffnung klammerte sie sich an den selber so ratlosen Robert . » Was sollte aus meinem Kinde werden , wenn sie wirklich ganz und gar in die Gewalt dieses Schlingels fiele ? O mein Sohn , mein lieber Sohn , der gute Gott wird das doch nicht zulassen ! « Robert rang die Hände und ballte sie ohnmächtig im andern Augenblick : » Was sollen wir tun ? Wir können ja nichts tun ! Der Vater scheint diese Verbindung so fest zu wollen ; Helene wird folgen müssen - « » Sie wird sich zu Tode weinen ! « rief das Freifräulein . » Am besten wäre es , ich ginge mit ihr fort - so weit als möglich fort und ließe dem alten und dem jungen Sünder das Nachsehen ; aber das Kind will ja nicht ; es glaubt selbst zu sündigen , wenn es gegen den Willen des Vaters das Haus verließe . O Robert , Robert , welche Demütigungen habe ich des Mädchens wegen schon auf mich genommen und wie viele werde ich noch ertragen müssen ! Oh , daß ich nicht mit meiner Krücke hier dreinschlagen darf ! « Wenn Robert und Helene zusammenkamen , so drückten sie sich stumm , mit weinenden Augen und schweren Seufzern die Hände . Niemals lag vor zwei armen Kindern die Zukunft dunkler , unheimlicher , widerlicher . Ach , wie beneidete Robert seinen Freund Ludwig Tellering ! Der war jetzt der Geliebten gefolgt , war nach Amerika mit seiner Mutter und Schwester ausgewandert . In die dunkle Hofwohnung in der Musikantengasse war ein Schuhmacher gezogen , der zugleich Vögel abrichtete und unglücklichen Finken und Dompfaffen die Augen ausstach - ein wilder roher Gesell , mit welchem der Polizeischreiber Fiebiger keinen Verkehr haben wollte , außer vielleicht auf dem Polizeibüro Nummer dreizehn , als Protokollführer des Rats Tröster . Von Galveston aus hatte Ludwig Tellering an den Studenten der Medizin geschrieben ; er hatte sein Mädchen noch nicht erreicht ; er hatte zuerst seine Werkstatt in der Hafenstadt aufschlagen müssen ; aber es ging ihm und den Seinigen gut , und er schrieb freudig erregt und hoffnungsvoll . Auch Julius Schminkert hatte den vollen blütenreichen Kranz des Lebens sich auf die erhabene Stirn gedrückt . Er hatte die holde Braut heimgeführt , und der Parfümerie- und Modewarenladen stand in voller Glorie und zeichnete sich durch geschmackvoll stilisierte Annoncen und Reklamen in allen Blättern der Stadt aus . Julius Schminkert verstand sich aufs Lärmmachen und wußte seine Phrasen elegant abzurunden . Niemals wurden Seife , Schönheitswasser und Haarfärbungsmittel , Handschuhe und Hauben geistreicher , großmäuliger und genialer ausgeschrien , als es durch die unvergleichliche Firma Schminkert und Kompanie geschah . Monsieur Alphonse Stibbe , der glückliche Schwiegervater , hatte sich wirklich aufs neue beweibt und die geheimnisvolle Person geheiratet , wegen welcher er einst in jener denkwürdigen Nacht , als die Tagebücher Aurora Pogges vorgelesen wurden , dem Vorleser die Kehle zudrückte . Es war eigentlich gar nichts Geheimnisvolles an der Person ; es war nur eine Witwe , reich an Jahren , Erfahrung , Tugend ; nur ein wenig zu massiv für den kleinen vertrockneten Kleiderkünstler , welchen der Polizeischreiber acht Tage nach der Hochzeit , schluchzend und sein Schicksal verwünschend , nächtlicherweile vor der verriegelten Tür der eigenen Wohnung desselben im Parterre der Nummer zwölf fand . Jeder hatte sein Schicksal , und der arme kleine Schneider schleppte gewiß ebenso schwer an dem seinigen , wie Robert Wolf an seinem trug ; wer gibt uns eigentlich das Recht , das Los des einen poetischer auf- und anzufassen als das des andern ? Wie dem auch sei , wir haben das Recht und lassen es uns so leicht nicht nehmen : der jugendliche lockige Sänger , welcher auf dem frühlingsgrünen Berggipfel den Becher der untergehenden Sonne entgegenhält , ist immer eine andere Figur wie das auf der Treppe im Dunkel kauernde Schneiderlein . Da stand der Jüngling hochaufgerichtet unter den freudigen Genossen , fest auf seinen Füßen , und heute hatten die finstern Gewalten , die ihn vor vier Jahren so verzweiflungsvoll durch die Gassen der großen Stadt getrieben hatten , nicht mehr ihre verwildernde Macht über ihn . Er trug den Schmerz und die Sorge wie ein Mann ; er hatte bis jetzt die Schule des Lebens bestanden , und ruhig und ernst konnte er von der sonnebestrahlten Höhe in die schwülen , dämmerigen Täler herniederblicken . Mochte sich auch der Sturm dort unten sammeln , mochte die Nacht drohend von dorther heraufkriechen , mochte die Zukunft bringen , was sie wollte , Robert Wolf zerschlug nicht mehr die Brust , zerraufte nicht mehr das Haar in der ohnmächtigen Wut des Schmerzes . Zu einem Mann hatten ihn die Freunde , hatte ihn das Schicksal gemacht ; er verstand die große Kunst , männlich zu dulden und den kommenden Tag zu erwarten . Auf der Höhe verklang das Lied vom flüchtigen Glück und dem Neid der Götter ; aber im Tal wurde es von einer einzelnen Stimme wieder aufgenommen . » Das ist Krokisius ! « riefen die Studenten , und Wolf meinte : » Seht nach , ob noch eine volle Flasche für das alte Haus da ist . « » Stoff die Fülle ! « jubelte man ; näher klang die volle Bruststimme des Kommenden . Jetzt trat er aus dem Walde drunten und schwang den Hut denen auf dem Gipfel zu : Und so klinget die vollen Pokale an , Doch weckt nicht die Götter vermessen ; Denn ihr Neid hat beim Mahl Im olympischen Saal Nur minutenlang uns vergessen . Jauchzend begrüßten die Freunde den Freund , den braven » Doppeldoktor « Otto Krokisius , der