und Kluge gleich fest haftete , zum Besten gab . Ich wollte , ich hätte sitzen und schwitzen müssen , wie die andern armen Jungen , denen ich damals die Exercitien machte und die dafür jetzt gemachte Leute sind , während ich nicht viel Besseres bin , wie ein Vagabund . Aber , vive la joie et vive la bagatelle ! Es muß auch Vagabunden geben , aus dem einfachen Grunde , weil es sonst keine soliden Leute gäbe . Die Vagabunden sind das Salz der Erde , oder wenigstens der fliegende Same , der die sonst fest am Boden klebende , und am Boden verrottende Cultur über die ganze Erde verbreitet . Vagabunden gründeten Karthago . Vagabunden gründeten Rom . Was soll ein ehrlicher Kerl , der in Europa nicht mit einer echten Havannah-Cigarre im Munde geboren ist , anders thun , als nach Amerika auswandern , wenn er das sehr natürliche Bedürfniß empfindet , einmal eine echte Cigarre zu rauchen , und sie nicht gerade stehlen will , oder nicht das Glück hat , einen so liebenswürdigen Menschen aufzutreiben , wie Sie , der Sie sich echten Cognac und echte Cigarren für Ihre Bekannten halten und dabei noch die Gutmüthigkeit haben , dem Geschwätze dieser Bekannten zuzuhören , obgleich Ihnen die Augen beinahe vor Müdigkeit zufallen . Der Tausend ! Der Inhalt der Flasche hat sich fast um den dritten Theil seines Volumens verringert . Wie vergänglich doch alles Irdische ist ! Buona notte , Don Oswaldo ! dormite bene und träumen Sie dolce von den bei occhi della donna bella , amata , immaculata Ihrer Sonette . Ich für mein Theil will , wie Hamlet , beten gehen , denn nicht einmal zum Schlafen habe ich Unglücklicher Talent , geschweige denn zum Träumen . Gute Nacht , Dottore ! Gute Nacht ! sagte Oswald , sich schlaftrunken aus seiner Sophaecke erhebend und Albert bis zur Thür begleitend . Keinen Schritt weiter , Dottore ! sagte dieser , Alles hat seine Grenzen ! und als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte , blieb er noch einen Augenblick stehen , legte den Daumen seiner rechten Hand an die Nase , die übrigen vier Finger schnell bewegend - eine Geste , die für Oswald weniger schmeichelhaft , als für das kindlich-harmlose Gemüth des Herrn Timm bezeichnend war . Dreißigstes Capitel Der drückenden Hitze , die in der letzten Zeit geherrscht hatte , folgten einige kühle regnerische Tage . An solchen Tagen erschien Schloß Grenwitz noch öder und einsamer , als gewöhnlich . Sonst kam , wenn auch Niemand anders , doch wenigstens der Sonnenschein zum Besuch , und blieb bis zum Abend und drang in alle Räume , selbst in die verschlossenen Gesellschaftszimmer des oberen Stocks , wo er flüchtig über die Stühle und Sophas mit den kostbaren , obgleich ein wenig verblichenen Damastüberzügen weghuschte und hier und da ein Bild an der Wand begrüßte , das er schon seit hundert Jahren und darüber kannte . Sonst waren , wenn weiter auch Niemand , doch wenigstens die Spatzen lustig und guter Dinge , die in den Löchern des alten Thurmes und in den Stuckornamenten des Neubaues nisteten und schon vom frühesten Morgen sich so ungenirt über ihre Angelegenheiten unterhielten und zankten , als ob das Baronenschloß ihnen nicht mehr Achtung abnöthigte , als eine Bauernscheune . Und wem es trotz alledem zu einsam und öde im Schlosse wurde , der konnte in den Garten hinabgehen , wo die Blumen in noch viel schöneren und vor allem frischeren Farben prangten , als die Tapeten und die Stühle und die Sophas drinnen in den Prunkzimmern , wo über den bunten Blumen sich bunte Schmetterlinge wiegten , wo die Vögel jubilirten , die Bienen geschäftig summten und für den , welcher Augen hatte , zu sehen , und Ohren , zu hören , allüberall ein wundersames , still geschäftiges , an Leiden und Freuden reiches Leben herrschte . Das war nun Alles anders an Regentagen . Da konnten sich die Bilder an der Wand ohne Furcht vor dem neugierigen Sonnenschein mit den Stühlen und Sophas alte , gemeinsam erlebte Geschichten erzählen , so viel sie wollten ; da ließen selbst die Spatzen ihre ewigen Streitigkeiten für den Augenblick ruhen , oder bissen sich in aller Stille um die besten und trockensten Plätze ; und in dem Garten ließen die Blumen die regenschweren Köpfchen hangen ; und all ' das bunte , reiche Leben schien erstorben . In den nassen Gängen und über die Beete weg spielten die Winde Haschens und zerzausten dabei mitleidslos die armen Blumen , und warfen die Bohnenstangen um und fuhren die Bäume hinauf , und schüttelten und rüttelten an den Aesten , daß die schlanken Zweige hinüber und herüber rauschten . Dies melancholische Wetter paßte nur zu gut für Oswalds Stimmung . Seit dem Tage in Barnewitz war eine Veränderung mit ihm vorgegangen , die er sich selbst kaum zu erklären wußte . Es war , als ob ihm plötzlich ein dichter Schleier über die Augen gefallen wäre , durch den hindurch ihm Alles farblos und reizlos erschien ; es war , als ob ihm eine feindliche Hand Wermuth in den Kelch des Lebens gemischt hätte , aus welchem er in der letzten Zeit mit so vollen , gierigen Zügen getrunken . Selbst das Bild der schönen lieben Frau , die in dem Allerheiligsten seines Herzens thronte , schien seine Wunderkraft verloren zu haben . Wo war all ' die Seligkeit geblieben , die ihn sonst bei der Erinnerung an sie und an die einzig wonnigen Stunden , die er mit ihr verlebt hatte , erfüllte ? wo die ruhelose Sehnsucht nach ihrem Anblick , nach dem Ton ihrer Stimme ? wo die fieberhafte Ungeduld , mit der er die Sonne in ihrem Lauf verfolgte und die Nacht herbeiwünschte , unter deren Schutz er sich die enge Treppe , die dicht neben seinem Zimmer in den Garten führte , hinabstahl , um zu ihr zu eilen , die