zu unterstützen und sie zu trösten , denn der Verlust des Vermögens und der damit verknüpften gesellschaftlichen Stellung berührte sie nicht tief . Sie war noch jung genug , um zu wähnen , daß man auch ohne das zur Geltung gelangen könne , und es war ihr ungemein schmerzlich , daß sich die Klagen ihrer Eltern hauptsächlich um das Unglück drehten , welches die Aussichten der Tochter betroffen habe . Die Familie ging nach Bordeaux , Vaterstadt der Madame Miranes , wo ihre Brüder , zwei wohlhabende Männer , lebten . Mit der Bereitwilligkeit , Verwandten fortzuhelfen und zu dienen , welche sich nicht immer in christlichen Familien findet , boten beide Schwäger dem Herrn Miranes die Mittel , um einem befreundeten Hause in Lissabon sich anzuschließen . Dies war nun freilich eine ganz beschränkte und untergeordnete Lage im Vergleich zu der früheren ; allein Madame Miranes war herzlich froh , der Heimat zu entrinnen , wo sie unaufhörlich an den entschwundenen Glanz ihrer Vergangenheit erinnert wurde ; und Herr Miranes fühlte nur zu gut , daß ihm nicht mehr die energische Tätigkeit früherer Jahre zu Gebote stehe , um nicht mit dem beschränkten Spielraume zufrieden zu sein . Allein das Glück war ihm nicht mehr hold . Die Geschäfte dieses Hauses nahmen keine günstige Wendung , Herr Miranes kränkelte mehr und mehr , Madame Miranes langweilte sich mehr und mehr ; Judith litt für ihre Eltern . Für sich selbst wäre sie recht glücklich gewesen ! Sie bewohnten ein kleines Landhaus in den Citronenhainen von Cintra , das in seiner poetisch bezaubernden Wildheit vier Stunden landeinwärts von Lissabon an die schroffen Felsenausläufe der Gebirge von Estremadura sich lehnt . Judith erkletterte diese Felsen , durchstreifte diese Bergabhänge voll Kastanienwälder , diese Ebene voll Citronenhaine , wo sich so wenig Spuren von Kultur und Civilisation finden , und die Natur noch so ungestört einen ursprünglichen Stempel von wilder Schönheit und melancholischer Poesie trägt . Aber gerade das , was ihr gefiel , verabscheute ihre Mutter . Madame Miranes begehrte von der schönen Natur nichts weiter , als einen macadamisierten Weg . um spazieren zu fahren - und den gab es nicht zwischen Cintra und Lissabon , vielleicht nicht in ganz Portugal . Was lag ihr an malerischen Bergpartien , die man zu Fuß oder zu Esel mühselig aufsuchen muß ! Auch ihr Landhaus war weit entfernt von der Eleganz ihrer Frankfurter Villa , war fast ärmlich eingerichtet . Die pyrenäische Halbinsel hat das Glück , mit dem erdrückenden Komfort des Lebens noch nicht behaftet zu sein , der wie ein Alp auf Mitteleuropa lastet und es entnervt . Wo die materielle Bedürftigkeit eine so ungeheure Bagage mit sich schleppt , da müssen höhere Bedürfnisse vorkommen . Das soll nicht heißen , als würde diese auf der pyrenäischen Halbinsel besonders gepflegt ; daß es nicht geschieht , hängt mit anderen Gründen zusammen , namentlich mit dem einen , daß die halbe und oberflächliche Bildung gewisser Klassen verkehrten Fortschrittsideen die Oberhand gibt , und dadurch eine Revolutionsphase nach der anderen herbeiführt . Unter manchem Druck , der von England ausgeht , schmachtet die pyrenäische Halbinsel ; allein die Bürde des englischen Komfortes belastet sie noch nicht - und ach ! wie sehr seufzte Madame Miranes gerade danach ! - Judith wurde angesteckt von der Niedergeschlagenheit ihrer Eltern . Sie hing an ihnen mit zärtlicher Ehrfurcht , und der Wunsch , ihrem späteren Alter den Glanz der äußeren Verhältnisse zurückzugeben , wurde immer lebendiger in ihr . Sie wußte nur durchaus nicht , was sie dazu tun könne . Ein Verwandter des Herrn Miranes berührte Lissabon auf seiner Reise von Cadix nach Mexiko . Er sah Judith und bewarb sich auf der Stelle um sie . Er besaß ein kolossales Vermögen und die Eltern zweifelten keinen Augenblick an Judiths bereitwilliger Zustimmung . Aber Judith sagte nein ! sie habe keine Neigung , sich zu verheiraten und wünsche bei ihnen zu bleiben . Umsonst wurden ihr alle Vorzüge dieser brillanten Heirat vorgestellt , umsonst der Luxus ausgemalt , der in Mexiko sie erwarte , umsonst die Pflicht ihr eindringlich gemacht , auf ihre Eltern Rücksicht zu nehmen , die plötzlich aus der Armut befreit , an ihrem Reichtum teilnehmen und mit ihr nach Mexiko gehen würden : Judith blieb bei ihrer Weigerung . Der Vater kam allein und flehte sie an , aus Rücksichten für ihre Mutter diese Verbindung einzugehen ; und die Mutter kam allein und beschwor sie um dieselbe Rücksicht für den Vater . Judith weinte - aber sie sagte nein . Eine Flut von Vorwürfen des Undankes , der Kälte , des Eigensinnes , des Mangels an kindlicher Liebe bestürmte sie . Judith fiel ihren Eltern zu Füßen und bat um Verzeihung - aber ihr nein nahm sie nicht zurück . Der Bewerber reiste höchst beleidigt ab und die Eltern waren geradezu in Verzweiflung , daß ihre Tochter nichts für sie tun wolle , nachdem sie alles für die Tochter getan hatten . Judith verfiel in tiefe Traurigkeit . Welche Zukunft stand ihr bevor ? Die Eltern unglücklich und mißvergnügt über sie ; und sie - um dieser drückenden Lage zu entrinnen - vielleicht veranlaßt , den nächsten Bewerber zu erhören , dessen Vortrefflichkeit in Reichtum bestehe . Sie hatte nie eine Neigung für einen Mann gehabt ; darum begriff sie nicht , weshalb sie heiraten solle - und sie war fest entschlossen , es nicht zu tun , bis - ja bis - sie wußte selbst nicht , ob dieses : bis sie einen Mann liebe , je eintreten werde ; denn sie wollte lieben , um glücklich zu werden , aber Ernest hatte ja einmal gesagt , daß kein Mensch einen anderen je ganz glücklich machen könne , und ihre Schwester war durch die Liebe unglücklich geworden ; das vergaß sie nicht . Madame Miranes fand einen Trost darin , Leidensgefährten zu haben . Eines Tages erzählte sie ihrer Tochter , daß die berühmte Sängerin Sontag , welche seit