des Stromes jetzt plötzlich beraubten Blick . Die Tannen waren vorherrschend und einzelne Ausläufer der Waldungen gingen quer über den Weg und durchschnitten ihn . Das ist der St.-Wolfgangberg ! sagte der Kutscher , klatschte mit der Peitsche und grüßte ein Marienbild , das am Wege stand . Dann lud er das Fräulein zum Sitzen ein . Sie würde ermüden und es ginge so wie eben noch viel zu lange fort . Lucinde entdeckte aber gerade jetzt in ziemlicher Nähe die Wanderer , deren Mittelpunkt das junge , schlank aufgeschossene Mädchen geworden war . Schon wußte sie vom Kutscher , daß der Italiener mit zwei Söhnen und einer Tochter reiste ; der zweite Sohn führte den Wagen , in dessen Kisten und Kasten die » Figuren « verpackt waren . Ihre kürzern Wege hatten sich an den Waldecken verfangen ; sie mußten Schwenkungen machen , die sie aufhielten , und bald zwang sie die Landstraße , mit ihr auf gleicher Linie zu bleiben . Endlich stießen sie mit Lucinden zusammen und grüßten . Sie haben gar keinen Vortheil von Ihrem Wagen , Signora ! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch und hielt eine Zeit lang , die Wanderlustige grüßend , die Mütze in die Höhe . Aber da seht , mein Gepäck hat Vortheil ! erwiderte Lucinde zurückzeigend . Ist das Ihre Tochter ? Meine Tochter , Porzia Biancchi ! Porzia Biancchi ? Ein stolzer Name ! Freilich , sie wird in Rom geboren sein ! Nein , Signora ! und sich an die Tochter wendend , fragte er italienisch : War das schon in Castellungo ? Castellungo ! erwiderte das junge Mädchen und erröthete unter dem braunen Incarnat ihres nicht schönen , aber gefälligen Antlitzes . Wie ? nahm , Lucinden grüßend , der junge Soldat , Benno von Asselyn , das Wort . Ihr wißt nicht einmal , Meister Biancchi , wo Eure Tochter geboren wurde ? Nein , Signore ! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch . Als sie zur Welt kam , waren die Zeiten schlecht für mich ! Ich lebte nicht in Italien ! Aha ! Ihr wart auf der Flucht ! sagte der Fragende , der etwas Festes , Sicheres und bei aller Lebendigkeit des Auges wieder Gelassenes hatte . Ich merke schon , daß Signor Biancchi ein alter Carbonaro ist ! Trotzdem , daß er auf deutsch Weiß heißt und so weiße Pierrotkleider trägt , daß mein Königsrock ganz an ihnen abfärbt , gehörte er doch ohne Zweifel zu der schwärzesten Carbonarosorte , zu der Loge der sogenannten Kesselschmiede ! Nicht wahr ? Der zwischen Freund und Diener noch gänzlich unbestimmt schwankende Träger des mit dem Säbel , wie ein Portefeuille mit dem Bleistift , zusammengehaltenen Mantels putzte die Gipsflecken ab , die der Sprecher allerdings schon auf seiner Uniform trug . Biancchi aber sah diesen über seinen ihm imputirten Carbonarismus groß an , schien davon betroffen und half sich mit dem dem Italiener eigenen klugen und pfiffigen Ausdruck der Mienen und einem Gestus , der nicht mehr und nicht weniger sagen wollte als : Das ist einer ! Der hat eine scharfe Nase ! In der That verdiente Benno von Asselyn eine Würdigung , die , sozusagen , über seine Uniform hinausging . Es ist ein Nachtheil des Soldaten , daß auf ihn zu sehr das Horazische Nos numerus sumus ( » Wir zählen nur « ) angewandt wird . Das Auge haftet an dem bunten Rock ; der Mensch , das Individuum , das in ihm steckt , der Charakter , wird übersehen . Die Entwicklung des letztern , das ist wahr , ist beim Krieger gehemmt , aber darum fehlt sie nicht . Dieser Freiwillige und Gemeine saß vielleicht erst heute unter der Schere des Friseurs , der ihm die Haare so kurz aus dem Nacken schnitt ; sein Barbier rasirte ihm einen Kinnbart fort , den er ebenso wenig nach Kocher am Fall zum » Stabe « mitbringen durfte wie seine weiße Weste ; aber einer im Dutzend ist dieser junge Mann nicht . Die Ironie , die in der Betonung seiner Worte liegt , ist das Zeichen eines geistigen Überschusses . Er spricht aus der Fülle , nicht aus der Armuth . Sein dunkelblaues Auge spricht statt seiner , auch wenn er schweigt . Es spiegelt die ruhige Herrschaft über einen schon angesammelten Erfahrungsschatz . Fein , vornehm und doch natürlich ist sein Benehmen . Die Art , wie er jetzt seine Cigarrentasche zieht und um die Erlaubniß zum Rauchen bittet , hat einen so weltmännischen Schliff , daß sein Begleiter unversehens zu seinem Bedienten wird , obgleich er ihn wie einen intimsten Freund behandelt . Da auch Benno von Asselyn bei der Erörterung über die Gegend , wo Castellungo läge , sich italienisch auszudrücken anfing , so wurde Biancchi sicherer und gestand allmählich , daß es ganz so im Ernst wäre , wie der Herr es im Scherze vermuthet hätte . Er selbst wäre ein Römer , seines Zeichens ein Bildhauer und der älteste von drei Brüdern , die allerdings alle mit ihm in die Gefahren gerathen gewesen wären , die plötzlich den Carbonaris gedroht hätten . Er hatte sich anfangs nach Piemont geflüchtet , in die Thäler , die sich vom Col de Tende nordwärts bis nach Turin und Aosta an den Fuß der Alpen ziehen . Die Waldenserthäler ! warf zu Lucindens Erstaunen der Begleiter Benno ' s von Asselyn mit halber Stimme hinein . Si ! Si ! sagte Biancchi mit schnellem Ton und erstaunend , dies Wort hier und aus solchem Munde zu vernehmen . In Castellungo bei Coni ! Ganz recht , in einem Dorfe , wo nur Ketzer wohnen ? Bis 1821 ging ' s soso ... ( er hielt die Hand vor die Augen und blinzelte durch die Finger , wie wenn er das Zeichen der Toleranz machte ) , aber Madre de Dio ! Da Donner und Blitz in unsere » Baracca « ! Die » Vendita « geschlossen