stand verwundert und allein auf der Schwelle des Saales . Am Fenster , den Rücken ihr zugewandt , gewahrte sie einen stattlichen Fremden . Bei dem Geräusch ihres Eintritts kehrte er sich um ; es war - Gotthard . Tief bewegt ihr die Hand entgegenhaltend , schritt er auf sie zu . Verzeihung , theuerste Anna ! rief er mit dem vollen Klange , den nur die Freude dieser weichen , sonoren Stimme , die sonst gedämpft ertönte , zu verleihen pflegte . Ach ! mit dem ersten Laut rief er das ganze vergangene Leben ihr wach , es umgab sie wie eine überreiche Gegenwart . Anna ! wir Alle sind im Complott gegen Sie gewesen ! Geiersperg , St. Luce und Ihre Söhne , Alle haben sich auf meine Seite geschlagen : denn ich konnte ohne Sie , theuerste Freundin , das Dasein nicht länger ertragen , ich mußte Sie wiedersehen ! Ich mußte ! Trunken von Glück , keines Ausdrucks mächtig , ließ sie sich von ihm zum Sopha geleiten . Erst jetzt sah sie ihn wirklich , bis dahin hatte eine Art Nebel auf ihrem Auge , ein Schwindel von Seligkeit sie verhindert , ihn deutlich zu sehen . Aber als er nun fortsprach , gewann sie Zeit und blickte auf . Gotthard war in den vier , fünf Jahren bedeutend gealtert , die ungeheure Geistesarbeit , die rastlose Thätigkeit seines Berufs hatten Spuren hinterlassen , aber sie hatten sein Aeußeres gereift , ohne es irgend zu schwächen ; er war noch immer schön . Es lag ein solcher Ausdruck von Güte in seinen harmonischen Zügen , eine solche Zusicherung des Schutzes , der Hülfe , des Trostes in dem tiefen Ernste desselben , in seinem ganzen Auftreten ; auch ohne ihn zu lieben , würde man ihm eine Welt aufgebürdet und anvertraut haben , so ruhig , sein selbst bewußt , so in sich selbst concentrirt stand er da : ein Bild der höchsten Milde , wie der ausgearbeitetsten Kraft . Demonstrationen des Gefühls , fortgesetzter Briefwechsel , ja sogar jeder regelmäßige gesellschaftliche Verkehr waren dem mit den bedeutendsten Arbeiten Ueberhäuften , auf eine der höchsten Stellen des Staates Berufenen längst unmöglich geworden ; dennoch war Annens Bild nie aus seiner Seele , nie aus seiner Sehnsucht gewichen . Nach dem unseligen Duell hatte er , während Anna in Brandenburg blieb , eine Zeit lang in Berlin gelebt , um die Fäden einer neuen , immer ausgedehnteren Thätigkeit anzuknüpfen . Während dieser Vorbereitung seiner veränderten Laufbahn hatte Geiersperg ihn kennen und schätzen gelernt . Beide Männer stimmten in der Ansicht überein , daß nur eine längere Trennung von Annen in den Seelen der heranwachsenden Knaben , in der Ansicht und im Urtheil der Gesellschaft die theure Frau flecken- und makellos im Besitz der ihr nöthigen Anerkennung erhalten könne . Das schwere Opfer ward gebracht ; schweigend , wie fast immer die schweren Opfer . Gotthard suchte beim Ministerium um einen Zweig der Verwaltung in Schlesien nach ; sein Wunsch ward ihm gewährt . Sonderbar genug , aber ein Beweis , daß ein wahrhaft eminenter Kopf in unsern Tagen die äußeren Verhältnisse beherrscht , hatte der wiederholte Umschwung , den Gotthards Liebe seiner amtlichen Thätigkeit gab , weder hemmend , noch störend auf seine Laufbahn eingewirkt , unaufhaltsam hob sie sich ; sein Weg ging ununterbrochen aufwärts , sogar wo sich dessen Richtung änderte . Die Verschmelzung großer That- und Geisteskraft ist selten , und dennoch bedarf unsere industrielle Zeit derselben so sehr . Gotthards Uneigennützigkeit , sein bürgerlicher Fleiß und seine aristokratische Nichtachtung des Einzelnen , wo es die Masse galt , gaben ihm einen immer ausgedehnteren Wirkungskreis , ja eine in manchem Bezug fast herrschende Gewalt über seine Mitbürger und Untergebenen . Als ihn der Zufall wieder einmal mit Geiersperg zusammenführte , fragte er so angelegentlich nach Annen , daß der alte unermüdliche Handlanger der Zeitereignisse , Geiersperg , mit einem Male innerlich beschloß , nun seine Neffen erwachsen und die Gerüchte über des Vaters Stellung zu Gotthard denselben zur Prüfung vorgelegt werden konnten , die jungen Leute selbst auf den Gedanken an eine zweite Verbindung ihrer Mutter mit dem nunmehrigen Präsidenten zu bringen . Seine Absicht ward vollkommen erreicht . Die Zusammenkunft Leontinens mit Annen und der Lady Frederic , die erstere nach Konstantinopel zu begleiten beabsichtigte , ward zum Moment des Wiedersehens erwählt . Geiersperg war überselig , ein kunstvolles Manoeuvre ausgeführt , durch die Gründe seiner Beredtsamkeit alte Vorurtheile besiegt zu haben , wie Leontine lachend ihm vorwarf . Alle trafen ungefähr zur nämlichen Zeit in Weimar zusammen . So ward es möglich , Annen ein Wiedersehen zu bereiten , das die vom Glück so lange Entwöhnte vielleicht in banger Scheu von sich gewiesen haben würde , hätte sie es vorausgeahnt , das aber nun in seiner überraschenden Erscheinung einem elektrischen Funken gleich in ihre müde Seele traf und plötzlich alle schlummernden Kräfte derselben weckte , ohne sie zu überreizen . War es doch fast das erste Mal in den langen , stets in Bezug auf einander hingelebten Jahren ihrer Bekanntschaft , daß die Liebenden und Freunde - sie waren einander Beides und wußten es von einander - ruhig , nur von der Freude des Augenblicks bewegt , sich aussprachen . In jedem Worte feierte ein zerdrücktes , verborgenes Gefühl oder eine lange verschwiegen und heimlich getheilte Ansicht eine Auferstehung . Beider überreiche Natur strahlte so edle Gaben der innern Schönheit aus , daß sie in gegenseitiger Freude , Eines an dem Anderen durch die Gegenwart erfüllt und befriedigt , weder die Schatten der abgeblühten Vergangenheit hervorriefen , noch an der verschleierten Gestalt der Zukunft rührten . Diese aus tiefen vollen Quellen zusammenfließenden Seelen brachten ja unwillkürlich in jedem Worte , in jedem Blicke einander ihr Allerbestes zu und eben darum blieb der schönen Stunde ihrer Vereinigung jede Schranke bestimmter Wünsche oder Entschlüsse ganz fern , denn sie gedachten nicht einmal der Zeit . Lady Frederic hatte sich vorgenommen , nach dem