warf sich mit der Bravour einer Sängerin , die eine große Arie glücklich beendet hat und nun des Bravo harrt , in seinen Stuhl zurück . Umsonst ! Niemand rief ihm Beifall zu , die Frauen warfen einzelne Worte hin und nur Walter sagte kurz : Ich bekenne Ihnen , daß ich nicht Ihrer Meinung bin ! als ob er es nicht der Mühe werth hielt , sich in irgend eine nähere Erörterung einzulassen . Dann ging er schnell zu andern Dingen über , fragte Steinheim nach seinen Reisen , und bald war dieser auf ein neues Steckenpferd gebracht . Er sprach von den Theatern , die er besucht , von der Art , in welcher der berühmte Seidelmann , den Alle kannten , den Nathan dargestellt hatte , und erklärte dieselbe für die vollendetste Schöpfung der Schauspielkunst . Der Kunst , bemerkte Walter , insofern sie der Natur entgegensteht , denn diese fehlt den Schöpfungen von Seidelmann , mehr oder weniger , fast immer . » Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt ? dem dies , dem das « , recitirte Steinheim , und Sie müssen doch eingestehen , daß Lessing ' s Nathan ein Meisterwerk ist , und daß jener Schauspieler die Absicht des Dichters immer vollkommen begreift und versinnlicht . In diesem Falle bestimmt nicht ! sagte der Graf . Mir scheint , was die Dichtung anbetrifft , Nathan der Weise überhaupt mehr eine großartige Allegorie , ein didaktisches Gedicht , als ein darstellbares Schauspiel zu sein . In dem Bestreben , die positiven Religionsunterschiede als unwesentlich darzustellen , sobald die innere , wahre Religion vorhanden , hat Lessing den einzelnen Repräsentanten der verschiedenen Confessionen ihren nationalen und durch den Glauben bedingten Typus genommen , so daß Saladin , der Templer und Nathan , drei so ganz abweichende Charaktere , eine Art von protestantischer Familienähnlichkeit bekommen . Das thut dem Interesse Abbruch , welches man an ihnen nähme , wenn die Gegensätze schärfer gezeichnet wären . Dazu kommt noch , daß die Ruhe , mit der der Templer , der strenggläubige Christ , sich als den Abkömmling eines Muselmannes , den Bruder einer Jüdin erblickt , etwas Unwahres hat , wie der ganze Schluß , der nicht befriedigt - wenigstens auf der Bühne nicht . Das Schauspiel unterhält den Zuschauer nicht , so herrlich das Gedicht ist , und wird durch den Darsteller noch langweiliger1 . Madame Steinheim , die bis dahin fast kein Wort gesprochen , sondern sich mit den Kindern beschäftigt hatte , stimmte dem Grafen schüchtern bei . » Brutus ! auch Du ? « rief ihr Mann , und drohte ihr mit dem Finger , in einer Weise , die er für schalkhaft zu halten schien . Madame Steinheim hat Recht ! bekräftigte Walter . Gerade da liegt jenes Schauspielers Fehler in dieser Rolle . Er ist nicht der schlichte , klare Mann , der aus eigener Anschauung Gott , die Welt und den Menschen begriffen hat ; nicht der anspruchslose Weise , der sich seiner hohen Weisheit kaum bewußt ist und sie für die natürlichste Erkenntniß hält - sondern ein selbstbewußter Gelehrter , der seine Sentenzen im Kathedertone vorträgt , weil er ihre wichtige Bedeutung fühlt . Deshalb stellt er sich jedesmal in Position , ehe er eine seiner moralischen Behauptungen spricht und der Schein von Demuth , von Schlichtheit , mit dem er sich umgibt , täuscht uns keinen Augenblick . Lessing dachte sich einen Erzvater in heiliger , erhabener Einfalt und jener stellt uns einen Professor des neunzehnten Jahrhunderts vor , der wohl fühlt , daß er tausend Mal gescheuter sei , als sein Auditorium , sich aber hütet , es zu zeigen , weil er weltklug genug ist , Niemand beleidigen zu wollen . Er erscheint feig und arrogant zugleich . Frau von Meining lächelte und stimmte dem Grafen bei , auch Jenny schien seine Ansicht zu theilen . » Dergleichen Reden hören sich gut an , doch hat es allerlei Bedenkliches damit ! « sagte Steinheim . Vor Allem vergessen Sie nicht , daß Nathan , der Unterdrückte , der verachtete Jude , zu seinem Herrn und Unterdrücker spricht . Das mag die bescheidene , fast furchtsame Weise seines Auftretens bei aller seiner Selbstschätzung entschuldigen . Im Gegentheil ! rief Jenny . Wenn er es fühlt , daß er ein freier Mensch ist vor den Augen des Schöpfers , wenn er die Qual empfindet , unterdrückt , verachtet zu sein , so muß ihn das nur stolzer gegen seinen Unterdrücker machen . Was kann ein Mann wie Nathan fürchten ? - Ketten und Gefängniß ? Darüber erhebt ihn sein Selbstgefühl ; - den Tod ? Er hat sein Weib und seine Söhne sterben sehen und Gott getraut , er kann den Tod für sich nicht fürchten . Feigheit ist nur die Schwäche kleiner Seelen ; wer sich wie Nathan frei empfindet , fürchtet Niemand und fühlt sich , selbst als verachteter Jude , den Besten gleich ! Sei es , daß Jenny durch Steinheim ' s frühere Behauptung über die nothwendige Gleichheit in der Ehe verstimmt worden war , oder daß der Ausdruck » verachteter Jude « , den er jetzt gebraucht , ihr in Walter ' s Anwesenheit unangenehm gewesen , genug , sie fühlte einen Unmuth in sich , der ihr fast Thränen erpreßte . Mit ungewohnter Heftigkeit hatte sie die letzten Worte gesprochen und stand dann schnell auf , um ihrem Vater entgegen zu gehen . Sie fiel ihm um den Hals und küßte seine Hände : Du weiser Mann , Du armer verachteter Jude ! sagte sie so leise , daß selbst ihr Vater die Worte nicht vernahm , der sich begrüßend zu Steinheim wandte , heiter nach Nachrichten aus der Heimath fragte und Alle in die Unterhaltung verwickelte . Nur Jenny war in tiefes Nachdenken versunken . Walter bemerkte es und versuchte vergebens , in ihrer Seele zu lesen , als ein leichter Windstoß durch die Luft fuhr und Madame Steinheim unruhig