, der seinen Charakter kannte und alles Böse wußte , das er der Schwester hatte zufügen wollen , haßte . Selbst Flaminio , der jüngste Bruder und der Vertraute Braccianos , wollte ihn nicht sehn , auch die kranke Mutter hatte ihn mit Verwünschungen zurückgewiesen und sich vor ihm verschlossen . So war sein Herz halb gebrochen , als er noch erfuhr , die Mutter sei ohne Spur verschwunden . Lange waren alle Nachforschungen vergeblich , endlich sagte ihm ein dunkles Gerücht , daß sie sich wahrscheinlich nach Tivoli gewendet habe . - So sah man nach einiger Zeit einen kranken blassen Mann in Tivoli mit schwankenden , ungewissen Schritten umherirren . Er lehnte sich oft , wie erschöpft , an einen Baum oder eine Mauer : er schien viel zu sinnen und sich mancher Dinge mit Trauer und Leid zu erinnern . Schon lange hatte den wie im Schwindel Umhertaumelnden der alte Pfarrer Vinzenz von seinem Fenster aus beobachtet . Da der Kranke jetzt einer Ohnmacht nahe schien , so trat er aus seiner Tür , um ihm Beistand zu leisten . » Tretet zu mir ein , kranker Herr « , sagte der Priester , » erquickt Euch in meiner kleinen Hütte , und laßt mich , wenn Ihr es bedürft , den guten Apotheker herbeirufen . « - » Nein « , erwiderte jener , » setzt Euch , wenn Ihr Zeit habt , ein wenig zu mir , auf diese Steinbank , und beantwortet mir einige Fragen . « » Gern « , sagte der Priester . » Wißt Ihr denn vielleicht , ob sich eine Donna Julia Accorombona hier im Orte aufhält , und wo sie ihre Wohnung genommen hat ? « Jetzt erst erkannte , fast mit Entsetzen , der Alte diesen Fragenden . In dieser unscheinbaren , kümmerlichen Gestalt , so ganz zerbrochen und ohne Würde , saß jener hochmütige , starke , straff aufgerichtete Ottavio neben ihm , der , als er nur noch Abt war , den armseligen Priester von oben herab kaum eines Blickes gewürdiget hatte . Ein Schauer über den Wandel menschlicher Schicksale und die Unbeständigkeit des Glückes ergriff ihn : es kostete ihn Mühe , sich zu fassen und seine Erschütterung zu verbergen . » Ihr wißt also « , fing der Bischof mit schwacher Stimme wieder an , » wo diese Donna Julia sich aufhält und könnt mich zu ihrer Wohnung führen ? « » Gewiß « , sagte der Priester , » auch bin ich der einzige , den sie seither gesehn und gesprochen hatte . « » Ich war an jenem Hause « , sagte Ottavio , » aber alles war verschlossen und fest verriegelt . Wie geht es ihr ? Ist sie genesen und mehr beruhigt ? « » Jetzt ist sie ganz ruhig « , antwortete Vinzenz . » Nun so gehn wir , doch gebt mir vorerst einen Becher Wasser . « » Kommt , geehrter , ehrwürdiger Herr « , rief Vinzenz , indem er hastig aufstand , » würdigt meine Hütte , hineinzutreten , genießt etwas und erstarkt Euch mit einem Trunke Weins . « » Nein « , sagte Ottavio , » nur Wasser . « Jener ging in das Haus , und jetzt erinnerte sich auch Ottavio , daß dieser jener armselige Priester sei , den er vormals , als einen unwissenden , geringen Menschen schnöde behandelt habe . Der Alte kam mit dem Wasser , das er in seinem zierlichsten Becher auf einem Untersatz brachte . Zitternd vor Rührung nahm der Bischof das Gefäß , dankte und trank . Er gab den Becher zurück und blickte in den klaren blauen Himmel hinauf . - » Wie hart und undankbar sind wir Menschen doch « , sagte er dann : » welcher Wohlschmack , welche Wonne , ja welche lautre Offenbarung enthüllt sich dem Durstenden , Matten , in einer einzigen Welle des kühlen Elementes . In Kunst und Wissenschaft , in hochgetürmten Tempeln und Palästen , oder einzig in der Schrift und ihren begeisterten Auslegern suchen wir das Wort des Ewigen - und sehn ihn stets dicht neben uns , wo wir auch sein mögen : er winkt , er reicht uns die Hand , und immerdar will der Stolz unsers pharisäischen Herzens ihn nur finden , wo Weihe und Würde , Pracht und Wissenschaft , Zeremonie und Weihrauch ihn uns kenntlich machen sollen . - Führt mich jetzt , mein lieber Gastfreund , der mich erquickt hat . « - Sie gingen durch die Stadt . - » Hier verlieren sich die Häuser und Wohnungen « , sagte der Bischof - » ist sie denn so weit weggezogen ? « » Wir sind gleich zur Stelle « , sagte der Priester wehmütig . - » Dort ! « - Sie näherten sich dem Kirchhof . Ein Hügel war neu , und mit frischem Rasen belegt . - » Hier schläft sie « , sagte Vinzenz : » endlich hat ihr wildes Herz Ruhe gefunden , da unten steht es still . « - Mit einem irren Blick sah Ottavio seinen Begleiter an , sank dann in die Knie , weinte laut und heftig und umarmte das Grab . Vinzenz entfernte sich und setzte sich trauernd hinter einen Busch , um den Unglückseligen nicht zu beobachten , oder seine einsamen Gebete zu stören . - Vernichtend , das Herz zerschneidend drängten sich jetzt wie stürmende Hagelschauer alle Erinnerungen der Jugend und Kindheit in das Gemüt des Betenden . Wie die Mutter ihn immer geliebt , wie so willig sie ihm so manchen Genuß , Bequemlichkeit , ja oft das Unentbehrliche in ihrem bedrängten Wittum aufgeopfert hatte , um ihm nur die Bahn des Lebens und der Wissenschaft zu ebnen : wie sie sich seiner Fortschritte , seines Gedeihens gefreut , wie er ihr Stolz gewesen , wie sie auf ihn ihr irdisches Glück und die ganze Hoffnung ihrer Zukunft habe bauen wollen . Welche Wonne es der