auch tadelte sie mich laut darüber , daß ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe , da ich mein Kind nicht mehr bei mir hätte , und sie doch sehr gut mit allen Geschäften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe . Es wäre diese schöne Einrichtung nur getroffen worden , weil wir nicht wüßten , wie wir Geld genug ausgeben sollten : kurz , sie ließ über diesen Gegenstand ihrer übeln Laune freien Lauf , und es bedurfte aller Klugheit und Gutmüthigkeit Dübois , um diese häuslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten . Er beruhigte sie zuletzt damit , daß er ihr vorstellte , ich habe die junge Person zu mir genommen , um die französische Sprache zu üben , und so ließ sich endlich die treue , aber herrschsüchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell gefallen , wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte , und ihr Schelten über die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu , jeden möglichen Verdacht deßhalb von uns zu entfernen , denn sie hatte nur zu sehr das Bedürfniß , gegen Jedermann tadelnd darüber zu sprechen und die angeblichen Gründe zu einer so unnützen Ausgabe lächerlich zu machen . Uns Allen waren diese Verhältnisse peinlich und jeder sehnte sich darnach , die Rückreise anzutreten . Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten , und selbst die Fragen , welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren gerichtet worden , konnten uns nicht beunruhigen , denn sie konnte nichts verrathen , weil sie uns selbst für das hielt , wofür wir in Paris galten . So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen , in welchen wir das Ungeheuerste erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefährdet geblieben waren . Mein Gemahl hoffte nun , nur noch eine kurze Zeit verweilen zu müssen , um auch einen großen Theil des Vermögens mit sich nehmen zu können , den ein treuer Freund seines Vaters ihm überliefern sollte , und schon traf Dübois im Stillen alle Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung , einen Paß für die so genannte Kammerjungfer zu erhalten , die ebenfalls für eine Schweizerin angesehen werden sollte , und ach ! mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke dieser Abreise entgegen . Unser einziger Vertrauter , welcher die Geldgeschäfte für meinen Gemahl leitete , war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses , und weil ihm mein Schwiegervater in früheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte , blieb er uns aufrichtig ergeben ; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit , daß selbst er meinen Gemahl dringend bat , nie am Tage ihn in seinem Komptoir sprechen zu wollen , weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben eines theuern Freundes anvertrauen möge , Falls er von einem als Graf Evremont erkannt werden sollte . Deßhalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der Abenddämmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir , sondern in seinem Zimmer . So standen die Sachen , als ein unglückliches Geschick es wollte , daß mein Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dübois auf der Straße begegnete ; es ließ sich auf seine Erkundigung nicht abläugnen , daß wir noch in Paris wären , um so weniger , da ihm meine Mutter diese Nachricht schon mitgetheilt hatte , und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden , diesen Bruder zu uns zu führen , wie er verlangte . Er that es mit klopfendem Herzen und fand nur darin einige Beruhigung , daß der Leichtsinnige selbst seinen Schwager nur unter dem Namen Blainville kannte . Nach dem ersten Besuche meines Bruders , der uns alle in Schrecken setzte , wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben , denn außer der Sorge für uns selbst , erfüllte es uns mit Unruhe , wie er die zunehmende Schwäche des alten Evremont schilderte , und er that dieß ohne Schonung , weil er glaubte , daß uns diese Nachrichten keinen Kummer verursachen würden , denn da wir , nach seiner und meiner Mutter Ansicht , den alten Mann um unseres Vergnügens Willen leichtsinnig verlassen hatten , so setzte er keine große Liebe für ihn bei uns voraus , und wir mußten seufzend schweigen , um uns durch unsere Vertheidigung nicht zu verrathen . Wir waren aber nun in unserer Zurückgezogenheit nicht mehr die Herren unserer Zeit ; meine schöne Schwägerin , die reizende Adele , die mein Bruder für meine Kammerjungfer hielt , machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf ihn , und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu . Bei seinen häufigen Besuchen mußte es ihm auffallen , uns immer zu Hause zu treffen , und da er eine gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte , so bildete er sich ein , daß diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte , und daß ich meine Zimmer kaum verließe , um die Beiden nicht unbewacht zu lassen . Dieses eingebildete Verhältniß gab ihm Gelegenheit , auf unsere Kosten witzig zu sein , und wir mußten es geschehen lassen , um ihn nicht auf die rechte Spur zu leiten . Endlich schien es , daß wir von dieser Qual erlöst werden sollten . Mein Bruder kündigte uns an , daß er feine Abreise beschlossen habe , weil seine Gegenwart erforderlich sei , um wichtige Geschäfte in Ansehung seines Vermögens zu beendigen . Es hatte sich ein Reisegefährte gefunden , dem er sich anschließen wollte , und alle Umstände schienen uns günstig ; er hatte schon Abschied genommen und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen . Wir saßen am Morgen dieses unglücklichen Tages ruhig bei einander , ohne irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft , als mein Bruder blaß und verstört bei uns eintrat . Er mußte nach kurzem Zögern meinem Gemahl vertrauen , daß er die Nacht in einem jener berüchtigten Spielhäuser zugebracht und nicht nur alles verloren habe , was er besaß