theuersten , dem bängsten Augenblicke meines Lebens Nachricht zu geben . Eine Wand scheidet mich von Agathokles , ich höre sein leises Athmen , jeden Laut des Schmerzes , den sein Zustand ihm entreißt . Ich fahre freudig empor , wenn ich glaube , daß er ruft , daß er meiner bedarf , und ich zittre jedes Mal , daß er trotz der sorgfältigsten Verhüllung mich erkennen , und diese Erschütterung ihm tödtlich seyn könnte . Du begreifst nicht , wie das zusammenhängt . Ach , wenn es mir möglich ist , mein tiefbewegtes Gemüth zu sammeln , so will ich mich bemühen , Alles , was seit gestern geschehen ist , ordentlich zu erzählen . Was noch fehlt , was unzusammenhängend ist , wird deine Liebe nachsehen . Die traurigen Auftritte des gestrigen Tages wirst du mit mir und allen unsern Glaubensgenossen getheilt haben , indem das Gerücht allgemein verbreitet ist , daß derselbe Schlag an Einem Tage in allen Städten des Reichs bestimmt war , die christliche Religion zu zerstören . Ich sage dir also nichts von unsern Gedanken und Empfindungen . Wir verlassenen Frauen hielten uns stille in unsern Mauern , brachten die Zeit mit Gebeten und Verpflegung der Unglücklichen zu , die die blutigen Vorfälle des Tages nur zu häufig zwangen , bei uns Hülfe zu suchen , und erwarteten jeden Augenblick , daß der Sturm sich bis zu uns verbreiten , und wir gezwungen seyn würden , unsern stillen Aufenthalt zu verlassen . Müde von den Sorgen und Pflichten des bangen Tages saß ich am Abend , als es schon ganz finster geworden war , in meinem Zimmer , dessen Fenster gerade auf das gegenüber stehende Thor1 gehen . Ein heftiges Pochen an demselben erschreckte mich , ich sah die Pforte sich öffnen , und viele Männer , die ich beim Schein der Fackeln an ihren Rüstungen für Soldaten erkannte , drangen herein . Ich glaubte nichts anders , als daß es jetzt um uns geschehen sey , ich eilte an ' s Fenster , die Stille , die Ruhe , mit der die Krieger standen , befremdete mich , ich sah schärfer hin , und entdeckte nun , daß sie eine Bahre niederließen , auf der ein Verwundeter lag . Meine erste Angst war verschwunden , aber ein anderes namenloses Gefühl , eine bange Ahnung ergriff mich . In demselben Augenblicke kam Tabitha , meine Gefährtin bei der Pflege der Verwundeten , um mich zu holen . Ich raffte meine Geräthe mit zitternder Eile zusammen , und folgte ihr beklommen und hastig ; es war , als ob mein Herz mir mein Schicksal verkündete . Ach , es betrog mich nicht ! Als ich an den Thorweg kam , als die Soldaten stumm und trauernd zurückwichen , und ich nun beim Fackelschein Alles erkannte - o Gott - da lag Agathokles - bleich , leblos , mit geschlossenen Augen in allem seinem Blute vor mir . Ich sank mit einem lauten Schrei an ihm nieder , ich nannte seinen Namen , ich versuchte es , ihn in ' s Leben zurückzurufen . Vergebens . Er schien todt , und ich weiß nicht , welche Kraft mich in diesem entsetzlichen Augenblick vor der Ohnmacht bewahrte . Ich raffte mich auf , ich vermochte zu fragen . O Junia ! Wenn es möglich ist , so fühle die Wonne nach , die mitten in der Todesangst mich durchschauerte . Agathokles war ein Christ ! Der Eifer für unsere Religion , und heldenmüthige Menschenliebe hatten ihn in diesen Zustand versetzt . Ich bebte vor Freude und Angst , aber Gott erhielt mir meine Besinnung so , daß ich für seine Pflege sorgen konnte . Ich folgte den Kriegern , die ihn schweigend und bestürzt trugen . O wie that die Treue , mit der diese rauhen Männer ihren geliebten Führer ehrten , meinem Herzen so wohl ! Nun begann ich mit zitternden Händen seine Wunden zu waschen , und , so gut es die Eile verstattete , zu verbinden . Ein geheimer Hoffnungsstrahl drang in meine Seele ; so viel ich verstand , konnten diese Wunden nicht tödtlich seyn , und nur der Blutverlust hatte diese Erschöpfung hervorgebracht . Er lag ohne Laut , ohne Zeichen des Lebens , die Augen wie im Todesschlummer geschlossen . Aber , o meine Junia ! wie schön , wie unaussprechlich liebenswürdig schien er mir in dieser Blässe , in diesen Wunden ! Wie erhaben stand seine Tugend vor mir ! Jetzt erwarteten wir alle mit ängstlicher Sorge Heliodors Ankunft , den man von einem andern Kranken gerufen hatte ; denn er versieht mit beispielloser Anstrengung und Treue das dreifache Amt des Lehrers , Arztes und Priesters bei der Gemeinde . Auf ein Mal öffnete sich die Thüre , und ein schöner junger Mann trat mit königlichem Anstand ein . Er eilte sogleich auf Agathokles zu . Die Hastigkeit , mit der er sich nach Allem , was vorgefallen , erkundigte , die Liebe , mit der er sich um ihn beschäftigte , sein sinkendes Haupt erhob , seine starren Hände faßte , und drückte , gewannen ihm mein innigstes Wohlwollen . Jetzt kam Heliodor , er untersuchte die Wunden , er prüfte lange , vorsichtig - mein Innerstes bebte , ich fühlte , wie ich zitterte , und der Stuhl mit mir schwankte , an dem ich mich während dieser schweren Minute hielt . Endlich verkündete Heliodors Ausspruch Leben - und mein Herz , das den ganzen Umfang des Schmerzens zu fassen im Stande gewesen war , erlag der Freude . Ich sank ohne Bewußtseyn zu Boden . Man brachte mich in ' s Nebenzimmer . Hier , als ich erwachte , als ich fähig war zu begreifen , daß die Vorgänge dieses Abends kein Traum gewesen waren , ergoß sich meine Seele in heißen Gebeten des Danks und der Liebe . Ich fragte nach Agathokles . Er hatte sich wieder ein paar Mal so weit erholt , daß er