er beim Anblick des tödtlichen Stoßes in die Brust seines Kindes Gewalt genug über sich behalten würde , um die Heiligkeit des Opfers nicht durch irgend einen ungebührlichen Ausbruch des Vatergefühls zu entweihen . Denn nach den Begriffen und Sitten jener Zeiten mußten solche Opfer , um von den Göttern mit Wohlgefallen aufgenommen zu werden , freiwillig , ja mit fröhlichem Herzen dargebracht werden . Auch den übrigen Anwesenden war jeder stärkere Ausdruck von Schmerz und Betrübniß untersagt ; das Schlachtopfer wurde mit Blumen bekränzt unter jubelnden Lobgesängen zum Altar geführt , und sogar nach Vollendung der Ceremonie war es weder Verwandten noch Freunden erlaubt , den Tod der geliebten Aufgeopferten durch irgend eine sonst gebräuchliche Handlung oder Sitte zu betrauern . Weit entfernt also daß ein Maler , der eine solche Geschichte bearbeitet , seine Kunst im Ausdruck der verschiedenen Grade des Schmerzes und der Traurigkeit erschöpfen dürfte , besteht seine größte Geschicklichkeit bloß darin , daß er die Umstehenden nicht mehr Theilnahme und Rührung zeigen lasse , als nöthig ist , daß sie nicht als Unmenschen oder ganz gefühllose Klötze dastehen . An die sinnreiche Idee , die Einbildungskraft der Anschauer ergänzen zu lassen , was der Pinsel des Malers oder die Kunst des Schauspielers nicht vermochte , hat Euripides vermuthlich so wenig gedacht als ich . Es dürfte doch wohl eine unerläßliche Pflicht des Künstlers seyn , der Einbildungskraft so viel nur immer möglich ist vorzuarbeiten ; auch erfordert es eben keine außerordentliche Kunst , den höchsten Grad irgend einer Leidenschaft oder irgend eines Leidens mit Pinselstrichen auszudrücken . Aber gerade dieser höchste Grad ist dem Maler , wie dem Bildner , durch ein unverbrüchliches Gesetz der Kunst untersagt , weil er eine Verunstaltung der Gesichtszüge bewirkt , die das edelste Angesicht in ein widerliches Zerrbild verwandeln würde . - Der Athener stutzte einen Augenblick über diese authentische Erklärung aus dem Munde des Meisters selbst , der doch wohl am besten wissen mußte was er hatte machen wollen ; doch erholte er sich sogleich wieder , und versicherte uns mit einem großen Strom von Worten : er sey gewiß , daß er den wahren Sinn der Verhüllung errathen habe . » Das Genie ( setzte er mit vieler Urbanität hinzu ) wirkt oft als bloßer Naturtrieb , und selbst der größte Künstler , wenn er etwas unverbesserlich Gutes gemacht hat , ist sich nicht allemal der Ursache bewußt , warum es so und nicht anders seyn mußte . « - Als wir wieder allein waren , lachten wir beide herzlich über dieses kleine Abenteuer , und Timanth , dem dergleichen Kenner häufiger vorgekommen sind als mir , versicherte mich : es sey sehr möglich , daß das schiefe Urtheil dieses Menschen die öffentliche Meinung von seiner Iphigenia auf immer bestimme , und ihm , lange , nachdem die Zeit das Gemälde selbst zerstört haben werde , noch Lobsprüche zuziehe , die er sich schämen müßte verdient zu haben.175 Der Umgang mit diesem liebenswürdigen Künstler ist mir so angenehm , und zugleich so belehrend und zuträglich in Rücksicht auf meine Liebhaberei , daß ich mich nicht entschließen kann , Samos eher zu verlassen , als bis er selbst abgehen wird . Er hat mir verschiedene wichtige Winke zum Vortheil meines sterbenden Sokrates gegeben , und ich hoffe ihr sollt es gewahr werden , daß mir ein solcher Meister zur Seite dabei gestanden hat . Beinahe hätte ich vergessen , dir zu sagen , lieber Aristipp , daß ich mich bei Kriton und Cebes im Vertrauen erkundigte , ob man sich auf die Aechtheit der Gespräche , welche Plato dem Sokrates im Phädon zuschreibt , verlassen könne . Beide versicherten mich , es wäre zwar die Rede von der geistigen Natur der Seele und von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen ; aber Plato hätte so viel von dem Seinigen eingemengt , und die Zusätze so künstlich mit dem , was Sokrates wirklich gesagt habe , zu verweben gewußt , daß es ihnen selbst , wofern sie eine Scheidung vornehmen müßten , schwer seyn würde jedem das seinige zu geben . Ebendasselbe sagte mir der wackere alte Kriton auch von dem Dialog , welchem Plato seinen Namen überschrieben hat , und worin , unter anderm , die schöne Rede der personificirten Gesetze , und überhaupt die dialektische Form der Fragen und Antworten , ganz auf Platons Rechnung komme . Uebrigens haben diese beiden Dialogen viel Aufsehen in Athen gemacht , und wegen der klugen Schonung , womit die Athener darin behandelt werden , und des schönen Lichts , in welchem der sittliche Charakter des Sokrates darin erscheint , nicht wenig zu der günstigen Stimmung beigetragen , welche dermalen über ihn und seine Anhänger zu Athen die herrschende ist . Du würdest mir keine kleine Freude machen , Aristipp , wenn du deine beschlossene Reise nach Samos so beschleunigen wolltest , daß du Timanthen noch anträfest ; wozu die Gelegenheit vielleicht nie wieder kommt . Auch Hippias erwartet dich mit Ungeduld . 65. Aristipp an Lais . Es bedarf wohl keiner Betheurung , schöne Lais , daß wenn ich meiner Neigung Gehör gäbe , Kleonidas nicht ohne mich nach Milet zurückreisen sollte ; auch schmeichle ich mir , nach dieser neuen Probe von Selbstüberwindung für einen tapfern Mann bei dir zu gelten . Ich würde nicht wenig stolz darauf seyn , wenn ich mir verbergen könnte , daß das Vergnügen , in meinen eigenen Augen einen desto größern Werth zu haben , auch mit in Rechnung gebracht werden muß , und daß bei allen meinen Aufopferungen am Ende doch niemand gewinnt als ich selbst . Wird nicht die Freude des Wiedersehens um so überschwänglicher seyn , je länger sie aufgespart wird ? Ich habe hier unvermuthet Gelegenheit gefunden , mich in einigen Wissenschaften zu üben , die mit in meinen Plan gehören , und einem Manne , der nach der möglichsten Ausbildung trachtet , nicht nur zur Zierde gereichen , sondern der Seele selbst einen höhern Schwung und eine ganz