zu mäßigen war , wie man ihn von seiner fixen Idee hinsichtlich der überall bestehenden Verschwörungen abbringen konnte . In diesem Augenblick jedoch folgte Gretchen nur dem Beispiel des Assessors ; sie inquirierte gleichfalls sehr scharf und eingehend , und zwar war es Doktor Fabian , der drüben im Wohnzimmer vor ihr saß und in aller Form vernommen wurde . Er hatte ausführlich berichten müssen , was er selber über den gestrigen Vorgang von Herrn Nordeck erfahren ; das war aber leider nicht mehr , als man bereits im Hause des Administrators wußte . Waldemar hatte dem Doktor , wie allen übrigen , auch nur die Thatsachen mitgeteilt und über manches , so zum Beispiel über die Beteiligung der Gräfin Morynska daran , ein vollständiges Schweigen beobachtet . Das war nun aber gerade der Punkt , über welchen Gretchen Frank ins klare zu kommen wünschte . Die Behauptung des Assessors , daß die junge Gräfin ihren Vetter so glühend hasse , daß sie sogar den Ueberfall auf der Försterei geplant , wollte ihr nicht recht einleuchten ; sie ahnte mit echt weiblichem Instinkt eine ganz andre geheime Beziehung zwischen den beiden und wurde sehr ungehalten , als sie so gar nichts Näheres darüber erfahren konnte . » Sie verstehen Ihren Einfluß gar nicht zu benutzen , Herr Doktor , « sagte sie vorwurfsvoll , » Wenn ich der Freund und Vertraute des Herrn Nordeck wäre , ich wüßte besser in seinen Angelegenheiten Bescheid . Jede Kleinigkeit müßte er mir berichten ; ich hätte ihn gleich von Anfang daran gewöhnt . « Der Doktor lächelte ein wenig . » Das würden Sie schwerlich zu stande gebracht haben . Eine Natur wie die Waldemars läßt sich überhaupt nicht gewöhnen , am wenigsten zur Mitteilung . Er kennt gar nicht das Bedürfnis , sich auszusprechen oder sein Inneres jemand aufzuschließen . Was auch in ihm vorgehen mag , er macht es mit sich allein aus ; seine Umgebung erfährt nie etwas davon , und man muß ihn so lange und so genau kennen wie ich , um zu wissen , daß er überhaupt empfindet . « » Natürlich – er hat kein Herz , « sagte Gretchen , die mit ihrem Urteil immer sehr schnell fertig war . » Das sieht man ja auf den ersten Blick . Es weht einen förmlich kalt an , sobald er ins Zimmer tritt , und mich fröstelt jedesmal , wenn er mit mir spricht . Fürchten hat ihn jetzt ganz Wilicza gelernt , lieben auch nicht ein einziger , und selbst meinem Vater steht er , trotz aller seiner Freundlichkeit und Rücksicht gegen uns , noch gerade so fremd gegenüber , wie am Tage seiner Ankunft . Ich bin überzeugt , er hat noch nie ein menschliches Wesen geliebt , am wenigsten eine Frau – er ist vollständig herzlos . « » Bitte , mein Fräulein – « Fabian geriet förmlich in Hitze bei der Antwort . » Da thun Sie ihm großes Unrecht . Er hat Herz , mehr als Sie glauben , mehr vielleicht als der feurige , leidenschaftliche Fürst Baratowski . Waldemar versteht nur nicht das seinige zu zeigen , oder vielmehr er will es nicht . Schon bei dem Knaben habe ich diesen Zug starrer Zurückhaltung und Verschlossenheit beobachtet und jahrelang umsonst dagegen angekämpft , bis ein zufälliges Ereignis , eine Gefahr , die mich bedrohte , das Eis brach . Erst seit jener Stunde kenne ich Waldemar , wie er wirklich ist . « » Nun , liebenswürdig ist er nicht , das bleibt ausgemacht , « entschied Gretchen , » und ich begreife nicht , wie Sie mit einer solchen Zärtlichkeit an ihm hängen können . Sie waren ja gestern ganz außer sich wegen der überstandenen Gefahr , die er seinerseits sehr leicht nahm , und heute ist sicher wieder irgend etwas im Schlosse vorgegangen , denn Sie sind im höchsten Grade aufgeregt und verstimmt . Gestehen Sie es mir nur ein ! Ich sah es schon , als Sie eintraten . Bedroht Herrn Nordeck denn noch irgend etwas ? « » Nein , nein , « sagte der Doktor hastig . » Es handelt sich gar nicht um Waldemar ; die Sache geht mich allein an . Sie hat mich allerdings sehr aufgeregt , aber verstimmt – nein , mein Fräulein , durchaus nicht . Ich habe heute morgen Nachrichten aus J. erhalten . « » Hat dieses wissenschaftliche und historische Ungetüm , dieser Professor Schwarz , Ihnen schon wieder Verdruß bereitet ? « fragte die junge Dame mit kampflustiger Miene , als sei sie auf der Stelle bereit , sich in eine erbitterte Fehde mit der genannten Autorität einzulassen . Fabian schüttelte den Kopf . » Ich fürchte , daß ich es diesmal bin , der ihm den ärgsten Verdruß bereitet , wenn auch wahrhaftig gegen meinen Willen . Sie wissen ja , daß es meine › Geschichte des Germanentums ‹ war , die den ersten Anlaß zu dem unglücklichen Streit zwischen ihm und dem Professor Weber gab , einem Streit , der immer größere Ausdehnung annahm und zuletzt auf die Spitze getrieben wurde . Schwarz , heftig wie er von Natur ist , überdies gereizt und erbittert durch die Wichtigkeit , die man meinem Buch beilegte , ließ sich zu Persönlichkeiten , zu einem fast unverantwortlichen Benehmen gegen seinen Kollegen hinreißen und drohte , als die ganze Universität auf dessen Seite trat , seine Entlassung zu nehmen . Es war wohl nur ein Versuch , seine Unentbehrlichkeit in das rechte Licht zu stellen – er hat nie ernstlich daran gedacht , J. zu verlassen , aber sein schroffes Wesen hat ihm auch unter den maßgebenden Persönlichkeiten viel Feinde geschaffen , genug , man machte keinen Versuch , ihn zu halten und nahm als Thatsache , was nur eine Drohung sein sollte . Da blieb ihm freilich nichts übrig , als auf dem schon öffentlich kundgegebenen Entschluß zu beharren . Es ist jetzt entschieden , daß er die