durch eine dünne Thür geschieden , vor welche man allerdings einen Vertikow gestellt hatte , der dem Klavier hatte weichen müssen . Aber als sei es in derselben Stube mit ihr , so deutlich klang jedes Wort der redseligen Frau in Aennes Ohr . Unbeweglich verharrte das Mädchen , und dabei befiel sie in der unmittelbaren Nähe des Mannes , um dessen trostloses Geschick sie während der letzten Nacht nicht die Augen geschlossen , zu dessen Rettung sie Plan auf Plan entworfen hatte , ein Gefühl der lähmendsten Niedergeschlagenheit . Plötzlich zuckte sie empor – das war seine Stimme gewesen ! Sie that ihr beinahe körperlich weh , und sie griff unwillkürlich nach dem Herzen . „ Will ’ s denn gar nicht schmecken heut ’ , Heini ? Bitte , trinke , mein Liebling ! “ „ Ich kann heute nicht , Papa , ich bin so satt und der Kopf thut mir weh ! “ „ Und hast noch nichts genossen heute “ , sprach jetzt Heinz wieder . „ Quälen Sie ihn doch nicht , Herr Schloßhauptmann , “ wandte die Förstersfrau mitleidig ein . Dann hörte Aenne rasche Schritte durch den Flur kommen ein energisches Klopfen an die Thür nebenan , und die wohlbekannte schneidige Stimme des Doktor Lehmann scholl herüber . , Servus , junge Frau ! Ach , und da sind ja auch die Herrschaften vom Schloß – Morgen , Herr von Kerkow ! Morgen , mein Kleiner ! Na , wie schaut ’ s aus ? Das lobe ich mir , da kann ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen , muß ohnehin über Land ! Zur geehrten Schwiegermutter komme ich also nachher , Frau Försterin , und jetzt dürfen Sie uns ruhig etwas verlassen meine Beste . Setzen Sie der alten Frau unterdes eine frische Haube auf und öffnen Sie die Fenster , ich liebe es , wenn meine Patienten möglichst hübsch aussehen und in guter , reiner Luft atmen . Unter hellem Auflachen schien die also Aufgeforderte das Zimmer zu verlassen , denn die Thür ging und ein Weilchen war es totenstill nebenan . Dann wieder des Doktors Stimme , der in den Flur hinaus rief : „ He ! Junge Frau , holen Sie ’ mal den kleinen Mann hier und fahren Sie ihn ein wenig auf und ab vor dem Hause ! Und kaum war das Rollen des Wägelchens verklungen auf den Steinfliesen des Flurs , als die laute Stimme des Arztes schon wieder erklang : „ Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen , Herr von Kerkow , daß das Kind sich in den letzten Tagen erheblich verändert hat . Es geht so nicht länger , der Knabe muß in andere Lebensbedingungen – – fahren Sie nicht so auf , mein Herr ! Ich weiß ja , daß Sie alles mögliche thun für die Pflege des Kleinen , aber in der Atmosphäre von Resignation , in der Sie so langsam absterben , muß das zarte Kind bald vergehen . Mich aber interessiert das Kerlchen – als Arzt , wissen Sie – und ich möchte Ihnen daher den Vorschlag machen – vertrauen Sie ihn mir einmal an auf ein paar Monate – - wie beliebt ? “ Heinz hatte irgend etwas gemurmelt . „ Allerdings – ’ ne Frau habe ich nicht , nein , das ist richtig ! Die haben Sie aber auch nicht , Herr von Kerkow . Mein Vorzug liegt eben darin , daß ich Arzt bin , daß solche Krankheitsfälle mein besonderes Interesse von jeher erweckt haben , und daß ich auch einigermaßen in der Lage war , Erfahrungen zu sammeln über die Behandlung derartiger Leiden . In unserem Stadtkrankenhause , zum Beispiel , bin ich längere Zeit der ordinierende Arzt der Kinderstation gewesen , und übrigens würde ich auch selbstredend für weibliche Hilfe sorgen . Schwester Viktoria ist eine vorzügliche Pflegerin . Und dann vergessen Sie nicht , daß ich im Mayschen Hause wohne , Verehrter und daß sich die Frau Medizinalrätin brennend für meinen Plan interessiert , der darin besteht , daß ich in nicht zu ferner Zeit eine Heilanstalt für rhachitische Kinder zu errichten gedenke . Endlich giebt es da noch ein gewisses Fräulein May , das sich gestern erst mit wahrhaft himmlischem Mitleid nach dem Kinde erkundigte , ich bin überzeugt , sie würde manche Stunde für den armen kleinen Kerl übrig haben , denn das Mädchen hat das Herz auf dem rechten Fleck , ist überhaupt – alle Donnerwetter , aber das gehört nicht hierher , ich meine nur – – “ Aenne hatte sich erhoben , sie stand zitternd mit vorgeneigtem Kopfe , in den Augen ein glückliches Leuchten . Der liebe Gott selbst schien ihr Vorhaben fördern zu wollen . „ Ich danke Ihnen , “ scholl da Heinz Kerkows Stimme , „ ich falle nicht gern Fremden zur Last , und außerdem wüßte ich thatsächlich nicht , wie Fräulein May dazu kommen sollte , sich um das elende fremde Wurm zu kümmern “ . „ Wie sie dazu kommen sollte ? Herr , wie kommt denn überhaupt der eine Mensch dazu , dem andern zu helfen ? Weil ’ s drin liegt im Menschenherzen , weil so ein goldenes Gemüt wie dem Mädel seins gar nicht anders handeln kann – verstehen Sie ? “ schrie der Doktor ärgerlich . „ Aber wie Sie wollen Verehrtester , wie Sie wollen ! Es ist Ihr Junge , lassen Sie ihn in Gottes Namen zu Grunde gehen – ich hab ’ s gut gemeint ! ’ n Morgen , Herr von Kerkow ! “ Nun eilende Schritte , ein hastiges Thürschlagen , draußen das Rufen nach der Frau Försterin , und dann ward es still . Aenne war wieder auf den Stuhl zurückgesunken , das Gesicht erblaßt , die Hände im Schoß gefaltet . Diese Worte von Heinz , diese paar Worte , mit der schneidenden , hochmütigen Betonung gesprochen , hatten sie getroffen wie ein kalter Strahl , hatten