aussprechen und verständigen konnten . « Er blieb vor der Schwester stehen . » Im übrigen ist Dr. Wallentin selbst kein Agitator . Denn Agitation ist nicht zu denken , ohne daß die persönliche Ansicht die besprochenen Fragen tendenziös färbt , - und ohne daß man das vorhandene Publikum auf irgendeine Weise zu Taten drängt , deren Notwendigkeit zu begreifen es meist noch nicht Zeit gehabt hat . - Das ist nicht seine Sache . Er sammelt ruhig sein Riesenmaterial und spannt das Netz seiner Erkenntnis weiter . Diese anschauliche Ausbreitung überhebt der Agitation . - Sie wirkt von selbst , wirkt durch ihr tatsächliches Material und wirkt um so stärker , je weniger demagogisch sie auftritt . - Sie wendet sich nicht an das momentan und zufällig vorhandene Publikum , - sondern an jenes - das später - und nicht zufällig - vorhanden sein wird . - Welch eine Tat , « fuhr er fort , » welch ein Wunder des Willens , - des geschulten Willens , der « - nachdenklich suchte er im Gedächtnis , - » der die Aufträge der Intelligenz auch zu erfüllen vermag , - wie es bei Feuchtersleben heißt . « - - - Das Erlebnis dieser letzten Tage war so groß für Olga , daß ihr die Welt darin versank . Es war ihr endlich ein Mensch begegnet , - - dem nichts mehr » fehlte « , um ein Mensch zu heißen ... Hier also war die Grenze des Zwischenreichs - nach oben - überschritten ... Hier waren keine Absonderlichkeiten , hier waren die urtümlichen Eigenschaften hoher Menschenart voll entwickelt , durchbildet und funktionsfähig . Hier waren Instinkte , die zur Erhaltung des Lebens strebten , und ein Heroentum , das sich über die staubige Erde schwang , vereint . Plötzlich erinnerte sie sich der Worte , die ihr Cousin , Professor Diamant , bei jenem letzten Mahle in Wien gebraucht hatte . » Zeig ' mir einen modernen Gedankenheros , « so ungefähr hatte er wohl gesagt , - » der sich nicht versteigt auf irgendeiner Martinswand , - von der ihn kein Gott herunterholt ! ... « Gerade diese Gegenwart , in der sie lebte , war überfüllt von solchen , die tollkühn ins felsig Zerklüftete kletterten , - ohne die Führung wegeweisender Instinkte ; die dann hilflos irgendeinen spitzen Grat umklammerten , - nicht weiter konnten , - stürzten , - spurlos verschwanden . Hier aber war einer , der sich ins Unwegsame gewagt hatte und sich doch nicht - verstieg . Nach einigen Wochen , während welcher Stanislaus , der sein Buch beendet hatte , mit Dr. Wallentin das Bureau der Redaktion organisierte und auch Olga öfters hinausgekommen war zu ihrer alten Freundin , - während das Bild ihrer erfüllten Sehnsucht sich immer stärker in ihrem Herzen festigte , kam die erste Nachricht von Werner ; seltsam mutete an , wovon er berichtete . Kurz nachdem er nach Askona gekommen war , wo er im Hause Dr. Emmerichs alles fand , um die betäubten Kräfte seiner Seele wieder zu beleben , hatte er eine Nachricht erhalten - von einem , von dem er sie am wenigsten erwartete . Herr von Bredow hatte ihm geschrieben . Auf Umwegen , da er seine direkte Adresse der Berliner Post nicht angab , erreichte ihn der Brief . Bredow schrieb ihm , - er habe , teils aus den verdeckten Reden der Baronin , teils durch direkte Nachforschungen , erfahren , was sich zwischen ihm und jener Frau begeben , in welcher Weise die Baronin über Werner einen Weg gesucht hätte , der zu einem mit Bredow vereinten Leben führen sollte . Er habe sie geliebt , aber niemals daran gedacht , sie aus ihrer Ehe an sich zu reißen . Da sie nun kam und frei war , so hätte er freilich geglaubt , am Ziel seiner Wünsche zu stehen , bis - bis er erfuhr , mit welchen Mitteln dieser Weg geebnet worden sei . Als er endlich die volle Wahrheit , nach langem Forschen , herausgefunden , da hatte die Vereinigung mit jener Frau aufgehört , für ihn ein Glück zu bedeuten . Er habe , sobald er alles gewußt , nicht anders gekonnt , als sich von ihr zu trennen , und es sei für ihn ein moralisches Müssen , Werner dies mitzuteilen . Gleichzeitig gab ihm Herr von Bredow noch eine andere bedeutsame Nachricht . » Sie haben mir seinerzeit « , so schrieb er ihm , - » von Ihrer Sehnsucht nach einem gedanklich-religiösen Ziel gesprochen , nach einer Art philosophisch vernünftiger Andachtslehre . Ihre Sehnsucht nach Gott kann keine der europäischen Kirchen , - die mit einem persönlichen Gotte rechnen , - Ihre Sehnsucht nach einem moralischen Dogma , in dem alles beschlossen ruht und aus welchem heraus die Lösungen menschlicher Wirrnisse erwachsen , konnte auch keine der modernen , reformatorisch-sozialen Bewegungen stillen . Und waren Sie schon damals eines solchen Glaubenszieles bedürftig , so wird es heute , wo Sie schwere Verwundung erlitten haben , ein noch stärkeres Bedürfnis für Sie sein , im Schoß einer Lehre , die hohe Vernunftausblicke mit religiöser Sammlung eint , Frieden zu finden . Das philosophische Kloster ist übrigens nicht nur Ihrer Sehnsucht ein Ziel , sondern es ist eine Art Zeitbedürfnis für alle die , die mit den Riten der bestehenden Kirchen nichts mehr zu schaffen haben und dennoch nach einer Stätte suchen , wie sie bisher nur die Klöster boten . Für alle die muß ein neues Klosterleben geschaffen werden , das als Zuflucht , als Stätte der Andacht für sie bereit steht , - in welchem die leidende Seele Genesung und Frieden findet , sich aus dem Getümmel des weltlichen Kampfes zurückziehen kann und doch keinerlei Dogmen , die gegen die klare Vernunft verstoßen , sich verschreiben muß . Hoch ist der Wert der Andacht . Das Gebet ist eine Sammlung der innersten Kräfte , eine Dämpfung gefährlicher Wünsche , - denn nur der