und als er vor Caspars Tür angelangt war , versuchte er durchs Schlüsselloch zu spähen , aber da er nichts sehen konnte , legte er in derselben gebückten Stellung das Ohr ans Schloß . Ja , da wandelte er herum , der Unerforschliche , wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Pläne . Quandt drückte die Klinke , die Tür war versperrt . Da erhob er seine Stimme und forderte energisch Ruhe . Sogleich ward es drinnen mäuschenstill . Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam , fand sich , daß mit unerwarteter Plötzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war . Schon lag sie stöhnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme . Quandt wollte die Magd schicken ; die Frau sagte : » Nein , das geht nicht , geh du selber , die Person ist blöde und wird den Weg verfehlen . « Wohl oder übel mußte sich Quandt dazu entschließen , so unbequem auch die Sendung war , denn erstlich hatte er sich aufs Bett gefreut , zweitens fürchtete er sich ein wenig vor dem Gang durch die finstern Gassen , war doch erst zu Pfingsten hinter der Karlskirche ein Rechnungsakzessist überfallen und halb erschlagen worden . Verdrossen hastete er in die Kleider ; hierauf holte er die Magd aus den Federn und befahl ihr , eine befreundete Nachbarin zu rufen , die sich im Notfall zur Hilfeleistung erboten hatte , dann schlurfte er wieder herein , durchkramte die Truhe nach seinen Pistolen , wobei er das Nähtischlein umwarf , was ihn wieder derart in Verzweiflung setzte , daß er mit den Händen seinen Kopf packte und sein unseliges Los verwünschte . Die Frau , der das Elend schon den Sinn verrückte , entnahm ihrem Zustand den Mut , ihm allerlei sonst feig zurückgehaltene Aufrichtigkeiten zuzuschleudern , welche ihn im besondern und das Mannsvolk im allgemeinen trafen . Das hatte die beste Wirkung , und nachdem er sein kleines Söhnchen , das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war , in die Magdkammer getragen hatte , trollte er sich endlich . Caspar , im Begriff sich niederzulegen , vernahm auf einmal mit Schaudern die schmerzensvolle Stimme der Frau unten . Immer furchtbarer wurden die Laute , immer greller drangen sie herauf . Dann war es wieder eine Zeitlang stille , dann knarrte die Haustüre , Schritte gingen , Schritte kamen , und nun begann das Schreien viel ärger . Caspar dachte , ein großes Unglück sei passiert ; sein erster Trieb war , sich zu retten . Er lief zur Tür , sperrte auf und eilte die Stiege hinab . Die Wohnzimmertüre war offen , überheizte Luft quoll ihm entgegen . Die Magd und die Nachbarin standen geschäftig am Bett der Frau Quandt ; diese schrie nach ihrem Mann , schrie zu Gott und bäumte sich auf . Ach , was sah Caspar da ! Wie ward ihm doch zumute ! Ein Köpflein sah er , einen weißen kleinen Rumpf , ein ganzes winziges Menschlein , emporgehoben mit Händen , die nicht kleiner waren als es selbst ! Alle Glieder zitterten an Caspar , er wandte sich um , und ohne daß ihn jemand erblickt , floh er die Stiege hinauf , sank auf dem obersten Treppenabsatz atemlos hin und blieb sitzen . Wieder ging die Haustür , Quandt erschien mit der Wehfrau , doch schon stürzte ihm die Nachbarin jubelnd entgegen : » Ein Töchterlein , Herr Lehrer ! « » Ei , sieh da ! « rief Quandt mit einer Stimme , so stolz , als hätte er dabei etwas Nennenswertes geleistet . Piepsendes Geplärr bestätigte die Anwesenheit der neuen Weltbürgern . Nach einer Weile kam trällernd die Magd , und Caspar sah , daß sie eine Schüssel voll Blut trug . Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein , als Caspar sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte . Wie betrunken entkleidete er sich , wühlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht . Er konnte nichts dawider tun : aus der Nacht erhob sich gleich einer purpurnen Scheibe die Schüssel voll Blut . Er konnte nichts andres sehen als dies : aus einem blutigen Schlund krochen junge Wesen und wurden Menschen genannt . Nackend und winzig , einsam und hilflos und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll aus einem Kerker ohnegleichen , wurden geboren , ja , geboren , so wie die Mutter ihn geboren . Das ist es also , dachte Caspar . Er spürte das Band , begriff den Zusammenhang , fühlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde , alles starre Leben regte sich , das Geheimnis war entschleiert , die Bedeutung offenbar . Doch Mitleid und Grauen , Sehnsucht und Furcht waren nun eines , Leben und Sterben zu einem Namen verschmiedet . Er wollte nicht einschlafen und schlief ein , aber je näher der Schlummer kam , eine je qualvollere Todesangst umfing ihn , so daß er sich nur widerstrebend ergab : ein banger kleiner Tod im Leben . Da er am Morgen über die gewohnte Stunde ausblieb , verwunderte sich Quandt , ging hinauf und pochte an der Tür . Obgleich er das Zimmer vom Abend her versperrt wußte , drückte er auf die Klinke , fand jedoch zu seinem Erstaunen die Tür unverschlossen . An Caspars Bett tretend , rüttelte er ihn und sagte ärgerlich : » Nun , Hauser , Sie fangen ja an , ein Siebenschläfer zu werden . Was ists denn ? « Caspar setzte sich auf , und der Lehrer sah , daß das Kopfkissen ganz naß war ; er deutete hin und fragte , was das sei . Caspar besann sich ein wenig und antwortete , es sei vom Weinen , er habe im Schlaf geweint . Was , geweint ? dachte Quandt argwöhnisch ; warum geweint ? wieso weiß er es denn so schnell , wenn er im Schlaf geweint hat ? Und warum hat er solange gewartet , bis