ihm ebenso ! Jetzt galt es , Wahrheit gegen Lüge , Person gegen Schatten , Individualität gegen Scheinmenschlichkeit , Licht gegen Finsternis ! Ich sprach kein Wort , er auch nicht . Ich wollte nicht , und er konnte nicht . Ich sah ihn fest und unverwandt an und zuckte mit keiner Wimper . Er wollte diesem Blicke standhalten , mußte aber bald die Augen senken . Ich stand still , fest , unbewegt ; er begann zu wanken , zu zittern , endlich gar zu flackern wie die Flamme meiner Fackel . Dann wurde er kleiner , immer kleiner , sank nieder , bis er auf den Boden lag , und kroch da langsam an mir vorüber , um nach hinten zu kommen . Und als er da so vor mir bebte und sich so ängstlich vor mir wand , da fühlte ich , daß die mir gestohlene Kraft und Energie zurückkehrte , bis er nicht mehr eine Spur von ihr besaß und in seiner ganzen Ohnmacht hinter mir am Boden lag . Da drehte ich mich zu ihm um , die Fackel in der Rechten . Er floh zur linken Seite , nach der Wand , und versuchte , sich an dieser aufzurichten . Als ich hinüberschaute , wendete auch er das Gesicht . Denn ein wahrhaftiger und ehrlicher Mensch hat es noch nie erlebt , daß so ein entlarvter Lügner und Betrüger es wagte , ihn offen anzusehen . Diesen Mut besitzt er nur dann , wenn es ihm gelungen ist , sich durch den Diebstahl fremder Charakterhaftigkeit das Ansehen zu geben , daß er auch eine Art von Person und nicht bloß nur ein nichtiger , bedeutungsloser Schatten sei ! Das war der Sieg , in aller Stille , ohne jeden Zorn und ohne alle Worte ! Und nun auch dieser Schatten überwunden war , begann ich den Rundgang durch die Gewölbe von Neuem , um besser und tiefer zu sehen , als ich vorher gesehen hatte . Ich war allein . Es getraute sich nichts mehr an mich heran . Wo ich mit meiner Leuchte erschien , verkroch sich jeder Schatten augenblicklich . Der meinige schlich zwar beständig hinter mir her , wagte aber nicht , sich wieder zu erheben . Bei diesem meinem zweiten Rundgange bemerkte ich , wenn nicht zu meinem Schrecken , so doch zu meiner Ueberraschung , daß die Tür , in welche die Treppe eingemündet hatte , nicht mehr vorhanden war . Ich wußte die betreffende Stelle ganz genau . Die Gegenstände , welche ich bei meinem Eintritte zuerst gesehen hatte , standen und lagen alle noch an ihrem Orte . Aber anstatt der Tür gab es jetzt nur Mauer , starke , dicke , undurchdringliche Mauer ! Ich suchte darum mit allem Fleiße nach einem zweiten Ausgange , fand aber keinen andern als nur den am Südende dieses Baues . Auch dieser führte zum jähen Sturz hinunter in das Bassin . Er war weder vermauert noch verschüttet , sondern bestand aus einer hölzernen , unverschlossenen und unverriegelten Tür , welche durch einen leisen Druck geöffnet werden konnte . Das sah so unschuldig aus , ganz genau so , als ob sie in ein weiteres Gemach oder Gewölbe führe ; aber wehe dem , der diesem Betruge traute ! Ich öffnete sie und leuchtete hinaus . Gleich hinter der Schwelle hörte der Fußboden auf . Der Abgrund gähnte aus dem tiefen Wasser herauf , und eine kalte , feuchte Luft roch nach Verwesungsgasen . Ich machte wieder zu und wendete mich zurück . Wie hatte der Warnende draußen vor dem Bau gesagt ? » Die Starken sah ich niemals wiederkehren ! « Ja , sie hatten zwar widerstanden , waren aber nicht auf den Gedanken gekommen , nach einer Fackel zu greifen , um die Schatten von sich abzuweisen . Nach einem Ausgange suchend , waren sie von ihnen zu dieser Tür gewiesen worden und hierauf ahnungslos hinabgestürzt . Ich dachte an die verkalkten Leichen auf dem Grunde des Bassins , welche grad unter dieser Tür im tiefen Wasser lagen , da hörte ich Schritte , welche vom andern Ende des Gewölbes kamen , und als der Betreffende in den Scheinkreis meiner schon fast ganz herabgebrannten Fackel trat , erkannte ich ihn sofort . Er war der Lauscher mit dem weißen Haare und den Dolchaugen , der mich in der vorigen Etage von dem Schutthaufen aus beobachtet hatte . Hinter ihm eine so große und so dicht zusammengedrängte Menge von Schatten , daß sie gar nicht einzeln unterschieden werden konnten , sondern zusammen eine kompakte Finsternis bildeten . In meine Nähe gekommen , blieb er stehen und rief mich an : » Was will der Ustad hier in meinem Reiche ? Der größte Feind , den ich auf dieser Erde habe ! Du suchst nach einer Tür , mir wieder zu entschlüpfen ! Für dich , der mich vernichten will , gibt ' s keine ! « Er trat noch mehrere Schritte auf mich zu . Indem er dies tat , wurde er höher und immer höher . Nun überragte er mich um Kopfeslänge und auch um eine ganze Schulterbreite . Seine Stimme klang fest , stark , keinen Widerspruch erwartend . Ich sah ihm ruhig in die stechenden Augen , denn es galt hier einen zweiten , aber andern Kampf , und wer siegen will , muß ruhigbleiben können . » Es wurde dir gesagt , daß ich dich sprechen wolle , « fuhr er fort . » Es sei dir hier die Audienz gestattet . Nun sag , um welche Gunst du mich zu bitten hast ! « » Ich höre , daß ich mich im Schattenreich befinde , « antwortete ich . » Es sei die Wahrheit noch so sonnenklar , der Schatten wendet sie gewiß zur Lüge ! Mir fiel es nicht im tiefsten Traume ein , mit dir auch nur das kleinste Wort zu sprechen . Du aber ließest mir durch eines deiner Nichtse sagen