die Gefahr hin , liebe Baronin , Sie zu langweilen , indem ich wiederhole , was ich so oft in meinen Schriften , und ich glaube , auch Ihnen schon gesagt habe , kann ich mich nicht enthalten , es noch einmal auszusprechen : je älter ich werde und je mehr ich über die Frage des Krieges nachsinne , desto mehr bin ich überzeugt , daß die einzige Lösung der Frage in der Weigerung der Bürger läge , Soldaten zu werden . So lange jeder Mann im Alter von 20 , 21 Jahren seine Religion - nicht nur das Christentum , sondern auch das mosaische Gebot Du sollst nicht töten - abschwören und versprechen muß , alle niederzuschießen , die sein Chef ihm befiehlt - auch die Brüder und Eltern - , solange wird der Krieg dauern und wird immer grausamer werden . Auf daß der Krieg verschwinde , tut nur das eine not : Die Wiederherstellung der wahren Religion und damit der menschlichen Würde . Man muß den Leuten zeigen , daß sie selber es sind , die das Leid des Krieges hervorbringen , indem sie den Menschen mehr gehorchen , als Gott . Leo Tolstoi . « » Was sagen Sie dazu ? « fragte Martha , » halten Sie das von Tolstoi angegebene Mittel wirklich für das einzige ? « » Ich glaube überhaupt nicht an einzige Mittel , « antwortete Kolnos . » Eine so tausendfach verschlungene Sache , wie eine alte Institution es ist , die muß auch von tausend verschiedenen Seiten angegriffen werden , um zu weichen . Und dann , wer kann den einzelnen - anderen - zwingen hinzugehen und als Märtyrer zu sterben ? - Auch die Sklaverei ist nicht dadurch aufgehoben worden , daß die Sklaven sich widersetzten ... « Darauf las Kolnos den zweiten Brief : » Aulestad , Norwegen . Sie fragen mich , wie ich mir die Zukunft der Friedenssache denke ? Immer im Bilde des Sonnenaufgangs . Für uns Nordländer kann der Sonnenaufgang so viel mehr bedeuten als für Südländer - bisweilen erwartet und begrüßt wie ein Wunder . Die Finsternis war so erdrückend lang , die Stille unheimlich , die erste Glut über den Felsenspitzen so trügerisch ... Es dauert und dauert und wächst , aber - keine Sonne ! Auch wenn der Himmel schon hoffnungsvoll erstrahlt - noch immer keine Sonne ! Und es ist kalt - eigentlich kälter als früher , denn die Phantasie ist ungeduldig geworden . Da , auf einmal wie ein Blitz mitten in unsere Betrachtung hinein die so lange verkündete Majestät selber ! So stark , so bezwingend , daß die Augen sie nicht ertragen . Wir wenden den Blick zur Landschaft , die schon lange beseelt war , ohne daß wir es merkten , - in die Luft , die schon lange erhellt war , ohne daß wir es wahrnahmen . Alles , alles , bis hinab in die Tiefen und bis hinauf in die Höhen ist besonnt , klar , vollendet - von Wärme erfüllt , von Tönen durchzogen ... So , meine ich , geschieht es uns . Wir merken in unserer Sehnsucht nicht , was sich vollzieht - wie nahe schon die große Sonne des Weltfriedens ist . Es kommt etwas , das es bringt , wie ein Wunder . Aber es ist kein Wunder , wir sehen nur nicht in unserer Ungeduld , wie alles dafür vorbereitet war . Ihnen , liebe Frau , viele Grüße Björnstjerne Björnson . « Unterdessen hatte Rudolf seine Schwester neben sich auf ein kleines Sofa setzen lassen . Er schaute sie voll besorgter Teilnahme an . Sie war so blaß , und die zarten Züge gar so schmal . - » Nun , sag ' , wirst Du mir nicht wieder aufblühen ? Du bist kaum achtundzwanzig - was kann Dir das Leben noch alles bieten ! « » Nichts . « Und nach einer kleinen Pause : » Hast Du den toten Stern gelesen , Rudolf ? « » Ja . Aber so denke doch nicht immer an den Verlorenen . Ich weiß , daß Dich ein harter Schlag getroffen hat . « » Ach wäre mein Unglück nur reuelos ... « » Reulos ? Das bist Du nicht ? « » Das bin ich nicht ... « » Meine arme Schwester , also doch ? « » Was doch ? « » Du warst seine - seine Gel - « Sie unterbrach ihn mit heftiger Gebärde . » Nein , nein ... das ist ' s ja eben - das nie genossene , das nie geschenkte Glück . Man soll zum Glücke nicht später sagen - später kann eins von uns gestorben sein - das schrieb er mir in seinem letzten Brief ... Und so kam es auch - später war er gestorben ! « Rudolf drückte ihr mitfühlend die Hand . » Ach so ! « - Nach einer Weile versetzte er : » Du darfst Dich Deinem Kummer nicht so standhaft hingeben , Sylvia . Nimm Du Dir nicht als Beispiel die unverbrüchliche Totentreue unserer Mutter . Du hast kein gleiches Recht dazu . Wenn man jahrelang mit einem geliebten Wesen verbunden , wenn man mit ihm eins gewesen , Glück und Unglück geteilt , - die Seelen mit allen Gedanken und Wünschen verflochten , dann nur ist das lebenslängliche Nachtrauern erlaubt . Aber Du und Hugo ? - Glaubst Du , wenn er Dich verloren hätte , Dich , die er nie besessen - hätte da nicht schon nach kurzer Zeit eine neue Liebe seinen Dichtersinn erfüllt ? « » Du tust mir weh , Rudolf . « » Verzeih - eine rettende Hand muß manchmal rauh zugreifen - « » Mir geht Cajetane ab - die hatte eine gar zarte Art , mit meiner wunden Seele umzugehen ... Daß sie so plötzlich abgereist ist , macht mich böse - auf Dich ! « » Warum auf mich ? Hab ' ich Deine Freundin