auf die Kühe im Stall , die nach der Tränke brüllten . Weidelich ging hin , sie an den Brunnen zu treiben ; es war nicht mehr der alte mit dem Flintenrohr . Der hatte für den vergrößerten Wirtschaftsbetrieb nicht mehr genügt , weshalb Wasser hinzugekauft und ein steinerner Brunnen mit zwei starken Metallröhren erbaut worden . Die gefleckten Tiere drängten sich um die geräumige Schale und tranken mit Behagen das lautere Bergwasser . Jakob gönnte es ihnen und sah das Labsal rinnen mit jener schwermütigen Zerstreutheit , welche den Gang der bittersten Stunde einen Augenblick aufhält . Der stattliche Brunnen hatte der Vorbote eines neuen Hauses sein sollen ; nun blieb es dabei . Als die Kühe sich satt getrunken , führte er sie nach dem Stalle zurück . Die jüngste bockte herum und entlief in eine Wiese . Jakob suchte die Milchmagd , die aber hinter dem Scheunentor bei irgendeiner Nachbarin verborgen stand und leise schwatzte . Mittlerweile war es der kranken Frau im Hause langweilig geworden , da sie niemanden mehr sah oder hörte . Sie schleppte sich aus der Wohnstube , wo ihr Sessel stand , in das Schlafgemach an das halb offene Fenster , nach dem Manne zu sehen . Unter diesem Fenster lehnte eben der eine der Knechte , der endlich zurückgekommen und hinter das Haus geschlichen war , um unbemerkt sich zu schaffen zu machen . Bei ihm befand sich auch schon die aus der Nachbarschaft herübergehuschte Magd im eifrigen Gespräch . Sie glaubten die Meisterin in der vordern Stube und sprachen nicht gerade laut , doch so vernehmlich , daß die Kranke alles verstand und mit einer wahren Hellsicht die Ereignisse in einem Augenblicke begriff , wie wenn sie die ganze Zeit vorher alles einzelne erfahren hätte . Sich mit beiden zitternden Händen an den Fensterpfosten klammernd , lauschte sie mit dem besser hörenden Ohre hinaus . » Es war ein verfluchtes Gedräng , « sagte der Knecht ; » Kopf an Kopf , und doch totenstill , als das Urteil verkündet wurde ! « » Was für ein Urteil denn ? « fragte die Magd ungeduldig . » Jeder hat zwölf Jahre Zuchthaus , der Lindenberger und der Unterlauber . Dann ist noch ein kleinerer Schelm da , eine Sorte von Markthelfer der andern , der hat vier Jahre ! Mich dauern doch die Alten ; ich kann mir nicht helfen ! « » Herr und Heiland ! « sagte die Magd . » Zwölf Jahre ! Wie sahen sie denn aus ? Was machten sie ? « » Ich hab sie nicht sehen können . Einer , der vor mir stand , sagte , sie sähen elend aus , er glaube , sie seien ohnmächtig . Ich hab ' s aber nicht geglaubt . Die Leute lachten und fluchten durcheinander . « Jakob Weidelich kam um die Hausecke und schickte , ohne sich bei dem Knecht nach irgend etwas zu erkundigen , denselben samt der Magd an die Geschäfte . Er selbst besorgte noch einiges in der Scheune und ging endlich , da es ganz dunkel wurde , ins Haus , um Licht zu machen und für sein Weib zu sorgen . Nun preßte es ihm erst das müde Herz , da er wußte , was heute geschehen sein mußte und der armen Frau nicht lange mehr verborgen bleiben konnte . In ihrem Sessel fand er sie nicht , die Kissen waren auf den Boden gefallen . Erschreckt ging er in das andere Zimmer , wo sie beim Fenster auf dem Boden lag und schwach röchelte . » O Frau ! Was machst du , armes Kind ? « rief er flennend und trug sie auf das Bett . Er leuchtete mit der Lampe in ihr Gesicht . Das Auge drehte sich zum letzten Male mühsam nach ihm und erlosch dann . Der Arzt , nach welchem Jakob den schwatzhaften Knecht alsobald schickte und der auch in zehn Minuten da war , betätigte ihren Hingang . Um diese Stunde glichen die Söhne der Toten einander wieder ganz so , wie sie ehedem getan , und setzten die Beamten der Strafanstalt in Verlegenheit , da sie geschoren , rasiert und in die Sträflingskleider gesteckt waren , als lebende Beweistümer , daß das eiserne Uhrwerk der Gerechtigkeit noch aufgezogen war und seinen Dienst tat . Nach Verfluß von drei Tagen ließ Jakob Weidelich die Leiche begraben . Er hatte die Nächte wie immer in seinem Bette zugebracht , das neben ihr stand ; die schlaflosen langen Stunden gingen dadurch leidlicher vorüber , weil er wähnte , sie müsse seinen Jammer und die einzelnen Worte , die er zuweilen stöhnend an sie richtete , vernehmen . Am letzten Morgen nahm er mit unsicherer Hand seinen stoppeligen Bart ab , vor dem kleinen Spiegelchen stehend , das ihm viele Jahre gedient . Die eingefallenen Wangen , das veränderte Kinn und besonders das Aussparen des bescheidenen Backenbartes machten ihm die größte Mühe , deren ihm das elende Leben nicht mehr wert schien . Einen Augenblick fiel es ihm ein , ob er nicht besser täte , mit dem Messer tiefer hinabzufahren und die Kehle abzuschneiden , so wäre auch er erlöst . Aber das eingewurzelte Pflichtgefühl ließ ihn keinen zweiten Augenblick bei dem Gedanken verweilen ; er barbierte sich ruhiger zu Ende . Von den nicht zahlreichen Verwandten fand sich nur der kleinere Teil am Leichenbegleite ein ; die anderen entschuldigten sich . Martin Salander , den der Witwer benachrichtigt , aber nicht ausdrücklich eingeladen , erschien schwarz gekleidet im Hause unter dem Häufchen sonstiger schlichter Männer aus Jakobs Bekanntschaft , die ihm den Dienst nicht versagten . Es tat dem armen Manne offenbar wohl in der peinlichen Stille , die in der Trauerstube herrschte . Vor dem Hause dagegen sammelte sich eine gute Zahl ernster Leute der Umgegend , welche dem schwarz behangenen Sarge folgten , der auf den Friedhof hinausgetragen wurde . Es war ein unruhiger Tag im Spätherbste . Bald schien die