allein um dieses Zieles willen schuf ihm die Arbeit Behagen , er freute sich des unbekannten , nie geahnten Lebens , in das er nun zu blicken begann . Die Erde , ihre Bewohner , ihre Geschichte , begannen sich ihm sacht zu enthüllen , er erkannte , daß er wie ein Blinder dahingelebt , oder richtiger wie ein Kind , das sich für den Mittelpunkt allen Treibens hält und sein Stücklein Welt für die einzige , die es gibt . Weil seine Erkenntnis wuchs , erkannte er deutlich , welche ungeheuren Lücken sie hatte , und daß er erst ein winziges Teilchen von dem wußte , was es zu wissen gab , ja noch mehr , erst ein Atom von dem , was ihm zu wissen nötig war . Aber weder diese Erkenntnis , noch die instinktive Empfindung , daß er von dem Wenigen , was ihn seine Bücher lehrten , vieles falsch und verkehrt auffasse , vermochte seine Zuversicht zu trüben ; er mußte Lehrer haben , gewiß - der rechte Fortschritt begann erst in Lemberg , aber der war ihm ja auch gewiß . Der Herbst , - wenn er nur erst da war ! Er wünschte der Zeit Flügel , jeder einzelne dieser langen , heißen Julitage wollte gar nicht enden . Aber neben der Arbeit half ihm auch der Gedanke über diese Pein des Harrens hinweg , daß dies die letzte Zeit war , wo er der Mutter Liebe mit Liebe vergelten konnte . Sein Verhältnis zu ihr war nun inniger und zärtlicher geworden als je vorher , vielleicht , weil sich beider Wesen seit seiner Krankheit gewandelt . Sein Übermut hatte sich gelindert , kopfschüttelnd gedachte er nun selbst zuweilen der unzähligen tollen Streiche , in denen sich einst der dunkle Drang , der nun das rechte Ziel gefunden , ausgetobt . Die harte , verbitterte Frau aber war vollends immer weicher , und nun im Sonnenschein des Glücks fast fröhlich geworden . Freilich schien es ihm , als ob diese hellere Stimmung sich ihr wieder ein wenig getrübt hätte ; sie seufzte zuweilen oder starrte stundenlang sinnend in das Licht der Lampe . Aber er glaubte den Grund zu wissen , der Marschallik fand sich ja wieder oft ein , und sie flüsterten dann immer lange miteinander ; offenbar wurde abermals über eine neue Partie verhandelt , und diesmal war wohl auch Morgenstern irgendwie dabei beteiligt , denn auch er erschien ab und zu im Mauthause oder Frau Rosel in der » Prifat-Agentschaft « . Es wurde dann drinnen so leise gesprochen , daß er kein Wort verstand , aber er war nicht neugierig ; gleichviel wie die Braut hieß , sie mühten sich vergeblich . Mehr Unbehagen machte es ihm , daß er jenen » Katechismus « noch immer nicht erhalten hatte ; endlich schrieb ihm der Buchhändler , er könne das Buch ohne genaue Angabe des Titels nicht auftreiben . Aber auch dies war nicht gar so schlimm , da mußte er den August und September eben anderswie nützen . Nun war er ja so weit , um nach Nadlers Rat die Werke Lessings und Schillers lesen zu können , und die standen ihm in der Bibliothek des Klosters zu Gebote . Sein Freund Fedko war unschwer zu finden ; er saß noch immer jeden Abend in seiner Stammkneipe . Der Alte war aufrichtig gerührt , als ihm Sender sein Anliegen vortrug . » O , ich habe es geahnt « , sagte er . » Neulich habe ich einen merkwürdigen Traum gehabt ; ich bin auf dem Marktplatz gelegen und war so schwer besoffen , daß ich mich nicht rühren konnte . Dann hat es zu regnen begonnen - lauter Slibowitz - in den Mund hat es mir hineingeregnet . Wie ich aufstehe , sage ich gleich : Fedko , sage ich , das bedeutet etwas Angenehmes - vielleicht stirbt der Prior - ein Totenmahl , und es muß ein neuer gewählt werden - ein Festmahl . Oder vielleicht kommt der verrückte Jude wieder ! Also - der Prior lebt - aber du bist wieder da ! Nun - wann willst du zu den Büchern ? « » Morgen « , erwiderte Sender . » Gut ! Morgen ! Aber den Slibowitz könntest du schon heute zahlen . « Sender war dazu bereit . Mit strahlendem Gesicht setzte sich der Alte hinter den Schänktisch . Als er jedoch das Gläschen zum Munde führen wollte , verfinsterte sich plötzlich seine Miene . » Teufel ! « murmelte er bestürzt , » daran habe ich ja noch gar nicht gedacht ! « » Woran ? « fragte Sender . » Hm ! Da haben sie nämlich - « Er stockte und sann nach ! Dann griff er nach dem Gläschen und leerte es . » Ach was ! « murmelte er , » alle Menschen sind doch nicht verrückt wie dieser Jude da ! Und wenn man nur vorsichtig ist ... Also morgen , lieber Senderko , morgen mittag ! « Am nächsten Tage geleitete er ihn um die erste Nachmittagsstunde , kurz nach dem Mittagsläuten in die Bücherei . » Es ist freilich eine Gefahr dabei « , murmelte er » wir müssen leise auftreten . « » Warum ? « fragte Sender . » Hm - nein - nichts ! « stotterte der Alte und wurde dunkelrot , er war das Lügen nicht gewohnt . Aber da standen sie schon vor der Tür der Bibliothek . » Auch ich bin seitdem nicht dagewesen « , sagte Fedko treuherzig , indem er öffnete , » das Herz hat mir zu weh getan . So ohne dich - ohne einen Zweck ... Du findest alles wie früher . « Sender trat ein , die Riegel schlossen sich hinter ihm . Es war in der Tat alles genau so , wie er es verlassen . Nur war ein Fensterflügel geöffnet , da drang die Sommerluft herein . » Vielleicht hat der Sturm den