Lösung dem Klarheit suchenden Sinne nicht gelingt . Lydia war kaum minder schön als während der kurzen Wochen , da der Schmelz der Liebe ihre Wangen überhauchte ; ja vielleicht schöner ; klassischer würde ein Künstler gesagt haben ; das Auge erweitert , die Haltung majestätischer , die Konturen gefesteter , marmorbleich und marmorgleich . Aber er sah in ihr nicht mehr einen Verheißung blinkenden Stern , und unwillkürlich erneuerte sich nach jeder Begegnung in des Jünglings Seele der Eindruck jener Vollmondsnacht , die als lebhaftestes Ereignis aus seinen Knabenjahren ragte . Die Blicke haften an der stilleuchtenden Scheibe wie an einem friedreichen Menschenangesicht ; da jählings breitet der Erdschatten sich über sie , und als sie vor dem hundertfältig geschärften Auge wieder auftaucht , starrt er auf ein versteinertes Landschaftsbild mit weißen Graten und dunklen Abgründen zwischen ihnen , aber ohne belebenden Strahl und Strom : eine erstorbene Welt oder eine werdende ? Das ist das Rätsel . Was fehlte Lydia ? Der Vater , vor dem sie sich lebenslang gebeugt ? Der Geliebte , der sie ein paar Frühlingswochen hindurch umfangen hatte ? Gibt es für solches Entbehren keine ausgleichende Macht , nicht einmal die der Zeit ? Schritt sie nicht unwandelbar auf einer ihrer Natur gemäßen Bahn ? Hatte sie nicht das Bewußtsein unerschütterlicher Treue , das ja Genügen geben soll ? Hatte sie nicht einen tiefgewurzelten Glauben , der ja beseligen soll ? Ihr Haus glich einem Kloster . Aber spricht man nicht von kindlich stillen , glücklichen Nonnenaugen ? Auch Lydias Augen waren still , aber glückliche Kinderaugen waren es nicht . Was fehlte Lydia ? fragten mit dem Jüngling auch die Freunde in der Pfarre , für welche das herrliche Menschenbild , ebenso wie für ihn , fast unnahbar geworden war . » Freude fehlt ihr , « schalt Röschen , » nichts als Freude . Wozu ist einer auf der Welt , als seines Lebens froh zu sein und andere sich seiner froh zu machen ? « » Wo das Herz traurig ist , hilft keine Freude , « sprach Vater Blümel dem weisen Salomo nach . » Die liebe Eitelkeit fehlt ihr , nichts als die liebe Eitelkeit , « brummte Peter Kurze . » Und das soll ein Mangel sein ? « entgegnete lächelnd Pastor Blümel . » Wenn es der pure , blanke Hochmut ist , der dieses lebenspendende Fluidum - universal verbreitet wie der Sauerstoff der Luft ! - aufsaugt , mehr als ein Mangel , Papachen , ein Frevel gegen die menschliche Gesellschaft und eine spontane Verkümmerung des eigenen höchst werten Ich , « eiferte Peter Kurze ; und setzte erläuternd , mit einem galanten Kratzfuß gegen Schönröschen hinzu : » Wenn die Rose selbst sich schmückt , schmückt sie auch den Garten , hat der - na , der unsterbliche Wieland gesagt . « » Beschäftigung fehlt ihr , ausfüllende Tätigkeit , « meinte Mutter Hanna , und ihr Konstantin dagegen : » Ja , was soll sie denn tun ? « Ja , was sollte sie tun ? Sie tat , was sie vermochte , oder was ihr zu tun gestattet schien . Der Hausstand war nach wie vor in der Mutter Hand verblieben , aber sie sorgte für ihre Familie wie ein Vater , und da es seit dem Vermächtnis Fräulein Thusneldens in der Gemeinde wenig Notleidende mehr gab , ein wohltätiges Eindringen in das Einzelnleben daher unstatthaft geworden war , förderte sie in den Nachbarstädten die Vereine , welche unter dem Namen der inneren Mission allmählich , wenn auch nur schwächlich in Aufnahme kamen . Mit besonderem Eifer , weil durch eine Persönlichkeit angeregt , widmete sie sich aber den Interessen der äußeren Mission . Einer der getreuesten Freunde ihres Vaters , der Bruder des Professors Hildebrand , hatte , nachdem er seiner Pfarrstelle verlustig geworden , gefolgt von Weib und Kind , sich der englischen Missionsstation in Palästina angeschlossen und daselbst in religiösem wie in ethnographischem Betracht einen ausgiebigen Wirkungskreis gefunden . Sein » Palmental « war der jungen Freundin vertraut wie eine Heimat geworden , aus seiner Seele zog in die ihre das Verlangen , dem protestantischen Deutschland eine bis dahin schlummernde Teilnahme für die Heilsbestrebungen der englischen und amerikanischen Stammes- und Glaubensgenossen an dieser hehrsten Stätte anzuregen . Sie las , korrespondierte , spendete , sammelte für diesen Zweck , sie schrieb zu seiner Förderung sogar in Zeitschriften , die ihm zu dienen geeignet waren , und da ein verwandtes Streben gleichzeitig in höchstgestellten Kreisen wach geworden war , wurde der Name Lydias von Hartenstein zu einem weithin genannten , während doch ihre Person in fast unnahbarer Zurückgezogenheit verharrte . Eine fürstliche Frau bot ihr einen Wirkungskreis in ihrer unmittelbaren Nähe , mit vom Hofleben befreienden Befugnissen an . Lydia lehnte ihn ab . Die Pflicht , der sie ihr Glück und ihren Herzensfrieden zum Opfer gebracht hatte , war noch nicht erfüllt ; sobald sie es sein würde , hegte sie den Plan , in dem neuerrichteten evangelischen Krankenhause der Hauptstadt abschließend einen Beruf zu suchen . Auch bewog sie ihre Schwester Priszilla , in der Zwischenzeit für sie einzutreten . » Nicht , « wie sie dem abmahnenden Pastor Blümel sagte , » nicht , daß das lebensfrohe Kind in diesem schweren Dienst eine dauernde Aufgabe finde , nur eine Schule , wie jedes Mädchen sie durchmachen sollte , um der ernstesten und wichtigsten weiblichen Aufgabe gerecht zu werden . « Und bevor ein Jahr ablief , hatte das schöne , lebensfrohe Kind aus dieser ernsten Schule einen allerseits befriedigenden Ausschlupf gefunden . Ein Kranker , den sie gepflegt , ein nicht mehr ganz junger Beamter , mäßig mit Glücksgütern gesegnet , aber von guter Familie und strenggläubiger Richtung , daher voller Aussicht zu einer gedeihlichen Laufbahn , bot ihr seine Hand . Sie wurde von Herzen angenommen , und Phöbe , eben herangewachsen , rat an der Schwester Stelle , um nach kaum Jahr und Tag denselben natürlichen