ist , Hardine . Kein bangeres Geheimnis als das des Blutes . Liegt uns die Zukunft verhüllt , die Vergangenheit wollen wir klar überblicken , wollen die Ahnen kennen , denen wir die Wohltat des Daseins zu danken haben . Und darum - « » Darum ! « hauchte die junge Frau . » Darum , « fuhr jener fort mit einer stolzen Zuversicht , als gälte es einen Zweifel an der eigenen Ehre zurückzuweisen , » darum sage ich : was auch die nächste Zukunft enthüllen mag , nun und nimmer einen Makel auf dem hehren Bilde dieser Frau , die uns beiden eine Mutter geworden ist . « Die Gattin beugte sich und küßte des Mannes Hand zum Dank , daß er ihr ein frohes Bewußtsein bekräftigt habe . Dennoch flossen ihre Tränen noch immer . » Und mein Vater , Ludwig , « schluchzte sie , » mein armer Vater - « » Dein Vater , « versetzte Ludwig , » klammerte sich im Schiffbruche des Lebens an den Strohhalm einer Erinnerung , eines Wahns , um sich selber und sein hilfloses Kind vor dem Versinken zu retten . « Die junge Frau schluchzte krampfhaft . Ihr Mann küßte sie auf die Stirn und zog sie neben sich auf eine Bank , über welche ein Ebereschenbaum seine schweren Traubenzweige hängen ließ . » Fasse dich , mein Kind , « sagte er . » Uns bleibt noch eine Stunde . Laß uns die Enthüllungen , welche wir vermuten , durch unsere Erinnerungen vorbereiten . Niemals würde ich mir solch eine Aussprache selber mit meinem geliebten Weibe gestattet haben , solange ihre Augen über uns wachten . Ich fühlte ihre heimliche Mißbilligung . Heute aber , wo ihr eigener Wille das Geheimnis brechen wird , heute frage ich dich , Hardine : hat sie je gegen dich der Vergangenheit erwähnt ? « » Niemals , niemals , Ludwig , « beteuerte die junge Frau . » Und auch gegen mich nur mit einem einzigen ernsten , aber nicht enthüllenden Wort , « sagte Nordheim , von der Erinnerung bewegt . » An jenem glückseligen Morgen , wo sie meine langgehegten Wünsche zum Ausdruck und zur Erfüllung brachte , da fragte sie mich : Kennst du die Abstammung des Kindes , Ludwig , dessen Schutz du von heute ab übernimmst ? Und als ich die Frage bejahte , fuhr sie fort : Sie ist in Ehren geboren ; ihr Vater war ein tapferer Soldat , dessen Wunden die späteren Verirrungen deckten . Sei auch du ein tapferer Soldat und scheue nicht die Wunden in dem immerhin schweren Kampfe des Lebens . Das ist das einzige Mal , daß sie das Andenken August Müllers in mir wachgerufen hat . « Ludwig sprach eine lange Weile über jene erste traurige Zeit . Das Gedächtnis des lebhaften , neugierigen Schülers hatte manches erfaßt und erfahren , was dem blöden kleinen Mädchen entgangen oder entfallen war . Er scheute sich nicht , sie an ihres Vaters verwahrlosten Zustand und selber an ihren eigenen zu erinnern , wie sie , ein zitterndes , halbnacktes Vögelchen , fast stumpfsinnig von Entbehrung und Elend , der Frau unter die Augen getreten sei , die ihren Abscheu vor jeder Art von Verkommenheit bisher noch zu keines Menschen Gunsten verleugnet habe . » Ich kann uns diesen Rückblick nicht ersparen , mein liebes Herz , « sagte er , » auf daß wir die Frau verstehen lernen und ihre Tat . Frage dich nun selber , ob solch eine Erscheinung , mit dem unerhörtesten Anspruche sich zudrängend und sich des schmählichsten Unglimpfes nicht entblödend , ob sie die bisherige Natur , die bisherigen Grundsätze unserer Freundin erschüttern , oder ob sie dieselben schärfen mußte ? « Weiterhin sprach er von den Folgen jener Begegnung . Erst in dieser Stunde erfuhr Hardine , mit welchem Opfer die an Ehrerbietung gewöhnte Matrone ihr Geheimnis bewahrt habe , und beider Wesen beugte sich vor diesem schweigenden Heldenmut , den die junge Frau mit dem ihr geläufigsten Worte » Liebe « nannte . » Nein , « so schloß aber Ludwig seine umsichtige Betrachtung , » nein , es war nicht , was du Liebe nennst , Hardine , nicht ein natürlicher Zug , welcher der strengen Lebensregel dieser Frau und der von ihr hochgehaltenen Meinung der Welt Trotz bieten hieß . Und es war auch nicht der übernatürliche Trieb der Christin , der Schmach und Verfolgung als eine Seligkeit auf sich nimmt . « » Und was denn , Ludwig ? « hauchte die junge Frau , » was denn ? « » Ein Geheimnis , wie sie es selber nennt , ein Geheimnis , das , wenn es sich löst , uns lehren wird , daß wir die Macht besitzen , auch gegen unsere Neigung das Rechte zu tun . Gewissen heißt sie , jene himmlische Macht , auf welche in erster Ordnung alles Menschliche sich gründet . Diese Frau erfüllte eine Pflicht . Sie erfüllte sie voll und ganz nach ihrer groß geschaffenen Natur . Und wenn im Laufe der Zeit der rückwirkende Segen der Liebe ihrer Tugend entquoll , so sind wir zweimal ihre Schuldigen geworden : zuerst um des Kampfes willen , welchen sie bestand , und dann um des Sieges willen , welcher sie zu unserer Mutter machte . « Ludwig Nordheim erhob sich nach diesen Worten , ergriff die Hand seiner Gattin und fuhr nach einer Pause mit warmer Bewegung fort : » Und darum , meine Hardine , ehe wir das letzte Wort aus ihrem Munde vernehmen , lege deine Rechte in die meine zu einem unverbrüchlichen Entschluß . Was diese Frau uns enthüllen oder vorenthalten wird : wir wollen es verehren als die Offenbarung einer Mutter ; was sie uns heißen oder verbieten wird , wir wollen ihm gehorchen als dem Gesetz einer Mutter . Sollen wir arm und auf uns selbst gestellt in die Fremde ziehen , wir zweifeln nicht ; es