Festungswälle zu unterminiren . Was ihm gelang , konnte mir , mußte mir auch gelingen . So war denn mein Erstes , daß ich meine Zelle , als sich kaum die Thür hinter dem brummigen Aufseher geschlossen , so genau untersuchte , wie es eben das geringe noch vorhandene Tageslicht erlauben wollte . Wenn alle Gefangenen so gut untergebracht waren , gab es unter ihnen gewiß manche , die als freie Leute schlechter gewohnt hatten . Allerdings waren die Wände des eben nicht großen Gemaches einfach weiß ; aber so war auch meine Dachkammer im väterlichen Hause gewesen . Dann war da eine eiserne Bettstelle mit einem , wie es schien , sehr guten Bette , eine Waschkommode , an dem einzigen Fenster ein großer Tisch mit einem verschließbaren Kasten , ein paar hölzerne Stühle und - was mich Wunder nahm - ein altertümlicher , mit Leder überzogener , sehr großer , bequemer Lehnstuhl , der mich auf das Lebhafteste an den in meiner Stube auf Schloß Zehrendorf erinnerte . Nun ja , ich war ja wieder bei einem Zehren zu Gaste , wenn es diesmal auch blos ein Zuchthaus-Director war . Ich sollte die Zehren nun einmal aus meinem Leben nicht los werden . Sie hatten mir wenig Glück gebracht , und der ehrwürdige Glanz , der früher für mich auf dem Namen gelegen , war mittlerweile sehr verblichen . Der Steuerrath , in welchem der Knabe die Verkörperung höchster irdischer Autorität gesehen , was war er in den Augen des Gefangenen anders als ein Gleißner und Lügner , der das schlimme Loos von Leuten , die besser waren als er , zehnfach und hundertfach verdient hatte . Und der hier , welcher , aus solcher Familie entsprossen , sich zu einem solchen Amte hatte hergeben können - er mußte ja noch schlimmer als der Gleißner und Lügner sein . Aber ich wollte ihn meine ganze Verachtung fühlen lassen , sobald ich mit ihm zusammentraf ; ich wollte ihm sagen , daß er , wenn er schon einmal Kerkermeister sei , wenigstens nicht den Namen seines edlen Bruders führen sollte , der lieber gestorben war von eigene Hand , als daß er in die Gewalt derer fiel , die ihn hierher gebracht haben würden , hinter diese dreifach verriegelte Thür , hinter dieses mit zolldicken Eisenstangen vergitterte Fenster . Das Fenster war bei weitem nicht so hoch angebracht , als die in der Custodie , und ich warf einen neugierig forschenden Blick durch die Eisenstangen . Die Aussicht hätte schlimmer sein können . Zwar hemmte eine hohe und ganz kahle Mauer nach links den Blick vollständig , dafür aber sah man nach rechts auf einen mit Bäumen bepflanzten Hof , auf welchem in nicht großer Entfernung ein zweistöckiges Haus mir seinen mit Weinspalieren bekleideten Giebel zuwendete . Hinter dem Hause schien ein Garten zu liegen ; wenigstens schimmerten blühende Obstbäume herüber . Das sah sehr friedlich und lieblich aus in dem matten Lichte des Frühjahrsabends , und das schrille Zirpen der Schwalben , die vor meinem Fenster schaarenweise hinüber- und herüberschossen , hätte mich vergessen machen können , daß ich in einem Gefängnisse mich befand , wäre ich durch die scharfe Kante einer der Eisenstangen des Gitters , an die ich meine Stirn gelegt , nicht allzu schneidend daran erinnert worden . Ich faßte mit beiden Händen hinein und rüttelte aus Leibeskräften . Die sechs Monate Gefangenschaft hatten die Kraft meiner Muskeln noch nicht zu brechen vermocht . Ich fühlte es wohl ; mir war , als müßte ich das ganze Gitter mit einem Ruck herausreißen können . Aber vorsichtig ! vorsichtig ! Es war ja nicht das Gitter allein , welches mich zum Gefangenen machte . Und wäre das Fenster unvergittert gewesen - es lag mindestens dreißig Fuß über dem Steinpflaster des Hofes . Und wenn ich drunten war , so gab es jedenfalls andere und wieder andere Hindernisse zu überwinden , und ein mißglückter Fluchtversuch mußte meine Lage unberechenbar verschlimmern . Ich hörte ein Geräusch auf dem Gange . Tritte näherten sich und kamen bis an meine Thür . Ich sprang von dem Fenster zurück und stand mitten in dem Gemach , als jetzt draußen Schlüssel klapperten , die Thür sich aufthat und an dem Aufseher vorüber die hohe Gestalt eines Mannes hereintrat , hinter der sich die Thür alsbald wieder schloß . Der , welcher eingetreten , blieb einen Augenblick an der Schwelle stehen und kam dann mit einem eigenthümlich leisen Schritte auf mich zu . Von den Abendwolken fiel noch ein schwaches rosiges Licht in mein Gemach ; in diesem rosigen Lichte sehe ich den Mann immer , wenn ich an ihn denke - und wie oft , wie oft denke ich an ihn ! mit welchem stets gleichen Gefühle innigster Dankbarkeit und Liebe ! Da , über dem Tische , an welchem ich dies schreibe , hängt sein Porträt , von lieber Hand gemalt . Es ist von sprechender Aehnlichkeit ; es könnte mir jeden Zug , den ich etwa vergessen , in ' s Gedächtniß rufen ; aber ich habe keinen vergessen . Und wenn ich die Augen schlösse , so würde er vor mir stehen , wie er an jenem Abende vor mir stand , umflossen von dem rosigen Licht , und nicht minder deutlich würde ich seine Stimme hören , deren sanften , tiefen Klang ich da zum ersten Male vernahm und deren erstes Wort ein Wort des Mitleids und Erbarmens war : » Armer junger Mann ! « Wie tief mußte die Gefängnißluft mein Herz vergiftet haben , daß mich dies Wort und der Ton , in welchem es gesprochen , nicht rührten . Ach ! es gehört zu meinen schmerzlichsten Erinnerungen , daß dies möglich war , daß ich die Hand des edelsten Menschen so schnöde zurückstoßen , daß ich das beste Herz geflissentlich verwunden konnte ! Aber da ich keinen Roman , sondern die Geschichte meines Lebens schreibe , die keinen Werth hätte , wenn sie nicht ganz