vorzugsweise gern dem drolligsten , aber für sie selber keineswegs vorteilhaften Skeptizismus zu überlassen pflegen . Dazu finden sich denn natürlich Leute , welche sich ihrer auf das wohlwollendste annehmen , im Überfluß . Die guten , heitern , leichtherzigen Freunde und Freundinnen tauchen an allen Ecken und Enden auf und sind stets zur rechten Zeit gegenwärtig , um kleine Unannehmlichkeiten , Mißverständnisse und Verdrießlichkeiten mit wahrhaft rührender Aufopferung des eigenen Wohls und Behagens aus dem Wege zu räumen . Der Junker Hennig von Lauen , welcher nicht nach Italien weiterreiste , sondern in Wien sitzenblieb , um der armen Tonie Häußler mit Rat und Tat beizustehen , hatte nach acht Tagen selber nichts nötiger als den Rat und die treue , ängstliche Hülfe der Jugendgespielin : ein Fall , den auch gescheitere Köpfe als er in einige Überlegung ziehen können . In einer Hinsicht hielt der Junker vollständig Wort - er setzte sein ganzes Herz daran , der Tonie die Grillen zu vertreiben ; nur war ' s eine andere Frage , ob er sich rühmen konnte , die richtige Art und Weise dafür ausfindig gemacht zu haben ! Ein Mensch der sentimentalen Heimats- und Heimwehgefühle war er nicht , und so fing er denn sehr bald an , in bezug auf die Heimat recht witzig zu werden . Je mehr Bekanntschaften er machte , und er machte deren auch einige im Hause des Herrn von Haußenbleib , desto mehr verringerte sich der Druck auf seiner Seele , desto schneller schwanden die Sorgen und zornmütigen Aufwallungen , die ihn bei und nach dem ersten Wiederzusammentreffen mit dem Pflegekinde des Lauenhofes erfaßt und geschüttelt hatten . Von Tag zu Tage gefiel es ihm besser in der großen Stadt an der Donau , und je besser es ihm dort gefiel , desto größeren Trost fand er auch für Tonie Häußler in der Vorstellung , daß Krodebeck doch den Himmel auf Erden nicht bedeute und daß man mit einer gewissen harmlosen , jedoch nicht übertriebenen Neigung zu demselben allen Verpflichtungen gegen dasselbe Genüge leisten könne . In diesem Sinne suchte er das arme Kind durch allerlei Karikaturen des Ortes und der Leute dort zu erheitern , und da der Ort und die Leute , seit Antonie sie verlassen mußte , so ziemlich die nämlichen geblieben waren , so war auch der Junker darauf beschränkt , seinen Humor in den alten Geleisen zu halten , und Tonie hatte also nicht einmal die Gelegenheit , andere Dinge und Personen in einem andern Lichte zu sehen . Er war unerbittlich im Auskramen seiner verbrauchten Plattheiten , und das schlimmste war , daß er den Chevalier von Glaubigern in der besten Absicht lächerlich zu machen suchte und gar nicht ahnte , wie er dadurch das Glück , welches er der Enkelin des Edlen von Haußenbleib gebracht hatte , in das Gegenteil verkehrte . Dann und wann gelang es dem jungen Mädchen , ihn zurückzurufen in die Stimmung und den Ton der ersten Stunden ihres Zusammenseins ; allein das dauerte nie lange , und er erschien an jedem neuen Tage aufgelegter , heiterer und zufriedener mit sich und aller Welt . Daß er darum ganz und gar aus dem Gedächtnis verloren hätte , weshalb er seine Reise nach dem Süden nicht weiter fortsetzte , weshalb er in Wien sitzengeblieben war - wollen wir nicht sagen . Er dachte häufig daran ; es schwebte ihm fast jeden Augenblick vor der Seele ; allein er wandelte in Betäubung , und das war auch eigentlich gar kein Wunder , denn Tonie Häußler lebte in einer seltsamen Welt , und diese Welt hatte seltsame Fangarme , denen man sich nur mit großer Gefahr näherte und die nicht leicht wieder losließen , was sie einmal erfaßt hatten . Es war von dem größten Interesse für ihn , den neuen Bekanntschaften gegenüber recht klar und bei Sinnen zu bleiben , denn da er nach und nach fast alle Freunde und Freundinnen des Edlen Dietrich Häußler von Haußenbleib kennenlernte , so hatte er sich auch gegen alle in irgendeiner Art zu wehren . Und dazu verwirrten ihn allmählich die Äußerlichkeiten des Lebens , die Gassen , die Theater , die Berge und Gärten , die Kunstwerke und selbst der große Fluß in einer Weise , daß ihm zuletzt wenig von seinem frühern Anschauen und Denken übrigbleiben mußte . Oft griff er , wenn er spät in der Nacht sich endlich in seinem Zimmer in der Taborstraße allein fand , an die Stirn , um sich zu fragen : wer , was und wo er sei , und was mit dem nächsten Sonnenaufgang werden solle . Antonie Häußler , welche denselben Kampf in ziemlich derselben Art gekämpft hatte , war zu einem andern Ende gekommen , als dem Junker von Lauen bevorstand : sie hatte gesiegt und ihren Willen behalten , aber Hennig von Lauen war verloren , wenn nicht eine kräftige Hand zugriff und ihn nun von dem Abgrund zurückriß . Die arme Tonie , was vermochte sie von ihrem Sessel , von ihrer Krankenstube aus gegen Ahaliba ? ! Man nahm alles so leicht in Ahaliba ! Man war so gern bereit , jedes und jeden von der bequemsten Seite zu nehmen . Da gab es keine unnötigen Haarspaltereien zwischen dem , was geschah , und dem , was eigentlich hätte geschehen oder nicht geschehen sollen . Jedermann schien nur zu bereit , den lieben Nächsten und noch lieber die hübsche Nächste unter allen den bedenklichen Umständen zu entschuldigen und in Schutz zu nehmen , unter welchen man demnächst selber entschuldigt und in Schutz genommen zu werden wünschte . Freundlich und heiter wurden Angelegenheiten und Verhältnisse behandelt , welche dem Moralisten wie dem Kriminalrichter Stoff zum Denken und zum Arbeiten geben konnten ; und freundlich , heiter und lächelnd wurden natürlich auch die Resultate hingenommen , welche die Moralisten und Kriminalisten in einzelnen Fällen dieser fröhlichen , unbefangenen Lust des Daseins abgewonnen hatten . Und jedermann hatte soviel erlebt und gesehen und kannte