aber die ist noch nicht davongelaufen , obwohl es auch einen geben tät , der sie besser zu schätzen wüßte als ihr Mann . « » Großer Gott « , jammerte die Stigerin , » muß ich meinen Buben so sündhaft reden hören von dem Weib eines anderen ! Schäme dich vor dem hellen Tag ! « » Ich bin nicht schuld , daß sie das Weib eines anderen wurde . « » Nun « , begütigte die Mutter , » ich hab ' jetzt nichts mehr gegen die Verwandtschaft , und Zusel , die hübschere , ist noch zu haben . « » Ja , falscher , treuloser als Dorothee kann sie gewiß nicht sein , und dabei ist sie zu herzhaft , um sich wegen einem Gerede zu kümmern . Immer lustig , hübsch , klug ; ja , die Zusel ist nicht so übel und dabei der Angelika fast ähnlich . « Während Mutter und Sohn sich so allmählich wieder näherten , hatte Dorothee ein Kleidungsstück nach dem anderen in den Überzug ihrer Bettdecke zu packen begonnen . Sie kam damit um so langsamer vorwärts , weil sie immer wieder daran denken mußte , bei welcher Veranlassung sie dies und jenes erhielt Erst jetzt empfand sie es recht lebhaft , wieviel sie diesen Leuten zu verdanken hatte . Zuerst glaubte sie , so , noch halb im Unfrieden und mit dem Gefühl , daß ihr sehr unrecht geschehen sei , werde sie am leichtesten gehen ; doch beim Anblick der vielen Geschenke Hansens und der Stigerin nahm ihre Aufregung bedeutend ab . Endlich aber fragte sie sich : » Bist du denn gar so in diese Herrlichkeiten vernarrt ? « » Nein ! « rief sie , indem sie alles ordnungslos aufeinander warf , um dann so schnell als möglich von hier fortzukommen . Dennoch war es schon beinahe dunkel , bis endlich alles beisammen war , was sie nicht einzupacken vergaß . » Nun , in Gottes Namen ! « sagte sie , indem sie ihr Bündlein anfaßte , sich noch einmal die großen Tropfen von den Wangen wischte und dann mit geschlossenen Augen das Zimmer verließ . In der Stube war ihr nicht mehr anzumerken , wieviel sie in den letzten Viertelstunden gelitten hatte . » Ich will Euerer Erziehung immer Ehre machen « , sagte sie beinahe heiter zur Stigerin , welche die Fassung des Mädchens um so mehr in Erstaunen setzte , da sie selbst das Weinen kaum erwehren konnte . » Geh mit Gott , und der heilige Schutzengel begleite dich und zeige dir gute Wege und gute Menschen ! « sagte sie , indem sie in das Weihwasserkrüglein hart neben der Türe langte und des Mädchens Stirne segnend bekreuzigte . Dorothee bat noch , ihr Hansen , welcher nirgends mehr zu sehen war , herzlich zu grüßen und ihn um Verzeihung zu bitten wegen allem Unrechten , was sie je aus Schwäche oder Unwissenheit gesagt und getan habe . Dann verließ sie die Stube und das Haus . Jetzt war sie im Freien , im Weiten , allein . Ihre Erzieher hatte sie verlassen , ihre größten Wohltäter . Nun wollten wohl auch die Eigenen nichts mehr von ihr hören , und den guten Jos hatte sie abschwören müssen ! Im ersten Augenblicke kam ihr das alles wie eine ungeheure Übereilung vor , und sie wußte nicht , ob sie vorwärts gehen sollte oder wieder zurück . Dann aber entsann sie sich des Geschehenen und jedes gewechselten Wortes ganz genau und ohne dabei wieder weich zu werden . » Wo es einmal so klingt , ist gut gehen « , sagte sie sich und schritt rasch durch das Herrendorf hinaus , dann hinunter zur Kirche und der Kronen Wirtschaft zu . Der alten Stigerin hat ihre Rechnung jämmerlich gefehlt . Hans kam erst recht ins Gerede hinein , als am anderen Tag , am Fest Allerheiligen , jedermann davon erzählte , Dorothee sei nun doch noch losgesprochen worden , weil sie den Dienst auf dem Stighofe verlassen hab ' und bei der Kronenwirtin eingestanden sei . Zweiundzwanzigstes Kapitel Bei der Brunnenstube Die wackere , noch etwas altmodische Wirtin und Dorothee kamen sehr gut miteinander aus . Das Mädchen gewöhnte sich viel schneller an das unruhige Leben einer Wirtsmagd , als selbst die Wirtin erwartet hatte . Gerade das ewige Kommen und Gehen , die Gespräche über die verschiedensten Angelegenheiten und Verhältnisse , das ganze Durcheinander der Gaststube war Dorotheen schon darum erwünscht , weil es sie den ganzen Tag niemals zu sich selbst kommen ließ . Recht lieb war ihr auch , daß sie nur jeden Gast gehörig , ja sogar reichlich bedienen , sonst aber nicht besonders viel Wesens machen mußte . Die Kronenwirtschaft war ein recht eigentliches Bauernwirtshaus . Die Wirtin schien das Geschäft nur zu Ehren des verstorbenen Mannes fortzuführen , um es einst dem einzigen Töchterlein im alten guten Rufe abtreten zu können . Die Gäste , die hier kamen und gingen , waren um so mehr geachtet , je williger sie sich von der guten Frau auch ein wenig bemuttern ließen . Man durfte ihr aber das Vertrauen schon schenken . Sie schien nicht nur die Sprüche und Redewendungen ihres unvergeßlichen Seligen , sondern etwas , ja sogar viel von seinem ganzen Wesen geerbt zu haben . Da war alles einfach , aber solid , wie in ihrer Hauseinrichtung , die auf den ersten Blick recht bäuerlich altmodisch aussah , aber durch ihre Zweckmäßigkeit jeden befriedigte . Nützlich , vernünftig und klar , das waren ihre Lieblingsworte , und mit diesen ließen sich auch all ihre Reden und Handlungen bezeichnen . Um so mehr setzte Dorotheen ein Auftrag in Erstaunen , den sie am Abend vor dem Martinstag erhielt . Sie gebot sich aber so schnell , daß die Wirtin den Schatten gar nicht bemerkte , der dabei über das Gesicht des Mädchens flog . Es war ein Glück für Dorotheen , daß sie gerade nicht