den beklagenswerten Emil , Gott mag wissen , auf was es sich begründet , geht denn doch zu weit ... du kennst den armen Menschen viel zu wenig - « » Ich kenne ihn viel zu gut , als daß ich ihn noch näher kennen lernen möchte ... Er ist ein ehrloser Schmarotzer , ein erbärmlicher Bursche ohne allen Charakter , an dessen Seite ein Weib , selbst wenn es nur geringe Anforderungen an männliche Ehrenhaftigkeit stellt , elend werden muß ... wehe der Armen , wenn sie zur Erkenntnis kommt ! « ... Seine Stimme wankte im verhaltenen Schmerze . Helene hörte jedoch nur Groll und Ingrimm heraus . » Gott , wie ungerecht ! « rief sie , ihre weinenden Augen nach der Zimmerdecke richtend . » Rudolf , du versündigst dich schwer ... Was hat dir nur Emil gethan , daß du ihn so unversöhnlich verfolgst ? « » Muß man erst persönlich beleidigt werden , um zu wissen , was man von dem Charakter eines andern halten soll ? « frug er zürnend zurück , » Kind , du bist die Schwerbeleidigte , aber du bist verblendet ... Es wird eine Zeit kommen , wo du das , tief gedemütigt , erkennst . Wenn ich dir auch diesen Schmerzenskelch von den Lippen nehmen wollte , es würde zu nichts führen ; du wehrst dich verzweifelt und siehst in mir einen Barbaren , der dich in deinen heiligsten Gefühlen kränkt ... Du zwingst mich selbst , dich deinen Weg allein gehen zu lassen bis zu dem Augenblicke , wo du trostbedürftig an mein Herz zurückflüchten wirst ... Dir ist dann die Umkehr möglich ; was aber bleibt jener anderen übrig , die unauflöslich gebunden ist ? « Er ging in das Nebenzimmer und ließ die Thür hinter sich ins Schloß fallen . Helene saß eine Zeitlang wie betäubt ; dann erhob sie sich mühsam und verließ , sich an Wänden und Möbeln festhaltend , so schnell es ihr möglich war , den Salon . Eine unsägliche Bitterkeit , ja beinahe ein Gefühl von Haß erfüllte sie gegen den Bruder , der heute zum erstenmal das , was jede Faser ihres Herzens liebend umschloß , so rücksichtslos und rauh antastete . Ihr Herz brach fast vor Leid , indem sie sich alle vermeintliche Aufopferung des Geliebten lebendig zurückrief ; ja , es war ihr , als habe sie sich ihm gegenüber schon dadurch der größten Sünde schuldig gemacht , daß jene abscheulichen Schmähungen ihr Ohr berührt hatten . Er sollte nie , niemals erfahren , zu welchen Beschuldigungen ihr Bruder sich hatte hinreißen lassen . Keines , auch nicht das größte Opfer sollte ihr jetzt zu schwer werden , um das Unrecht zu sühnen , das er , wenn auch unbewußt , erdulden mußte . Freilich nun , nachdem ihr Bruder so unumwunden seine schlimme Meinung über Hollfeld ausgesprochen hatte , durfte sie nicht mehr leiden , daß letzterer die Gastfreundschaft in Lindhof genieße . Sie wollte - natürlich ohne Angabe der Gründe - ihn selbst veranlassen , nach Odenberg zurückzukehren ; vorher aber sollte er sein Verhältnis zu Elisabeth feststellen . Mit diesen Gedanken betrat sie das Eßzimmer , und als Hollfeld sich kurze Zeit darauf auch einfand , empfing sie ihn mit einem ruhig freundlichen Lächeln und verkündete ihm , daß ihr Bruder , ohne den Namen der Erwählten erfahren zu haben , ihren Entschluß bezüglich der Mitgabe für die Braut billige . Sie verlangte nun aber auch , Elisabeth heute bei sich sehen zu dürfen , und Hollfeld , sehr erfreut über die ruhige Art und Weise , mit welcher sie sprach , ging darauf ein . Nachmittags um vier Uhr sollte die Zusammenkunft im Pavillon stattfinden . Hollfeld verließ sofort das Zimmer , um einem Bedienten in Helenes Namen den Auftrag zu geben . Wie würde die junge Dame erstaunt gewesen sein , hätte sie hören können , daß dem Diener ganz ausdrücklich die Weisung gegeben wurde , Fräulein Ferber auf drei Uhr einzuladen , während der Haushofmeister den Befehl erhielt , bis zu der genannten Stunde alles Erforderliche im Pavillon zu arrangieren , ja nicht später ! 19 Als der Diener aus Lindhof am Mauerpförtchen läutete , saß Elisabeth in der großen Halle . Sie wand aus Immergrün und Epheu eine lange Guirlande , während Miß Mertens , ihr zur Seite sitzend , einen halbfertigen bunten Asternkranz in den Händen hielt . Das Grab auf dem Lindhofer Gottesacker war vollendet . Heute nachmittag , zwischen fünf und sechs Uhr , sollte der Zinnsarg mit den sterblichen Ueberresten der schönen Lila der Erde feierlich übergeben werden . Hätten Josts gefürchtete Augen neben den Kranzwinderinnen auftauchen können , sie würden gewiß mild und versöhnt geruht haben auf seinem lieblichen Urenkelkinde , welches die frisch vom Waldboden abgeschnittenen grünen Ranken als letzten Schmuck auf den Totenschrein legen wollte . Nach Rücksprache mit der Mutter nahm Elisabeth die Einladung an , um so mehr , da sie nur » auf ein Plauderstündchen « lautete . Bald nachdem der Diener sich entfernt hatte ; kam auch Reinhard . Er sah sehr ernst aus und erzählte auf Miß Mertens ' Befragen , daß sein Herr in einer nicht zu beschreibenden Gemütsstimmung aus Thalleben zurückgekehrt sei . » Die Eindrücke im Trauerhause müssen schrecklicher Art gewesen sein , « bemerkte er , » denn ich erkenne Herrn von Walde nicht wieder . Ich hatte ihm notwendig verschiedene Meldungen zu machen , allein im Laufe meines Vortrags merkte ich wohl , daß ich umsonst sprach ... Er saß vor mir wie gebrochen , wie völlig verloren in qualvolle Gedanken . Merkwürdigerweise fuhr er heftig auf , als ich ihm zum Schlusse die Entdeckung hier oben in den Ruinen mitteilen wollte ; ich habe die Sache bereits zur Genüge gehört , unterbrach er mich zornig und ungeduldig , bitte , lassen Sie mich allein ! « Es entging Miß Mertens nicht , daß Reinhard sich verletzt fühlte durch die Art und Weise