Unerquicklichkeit hingeschleppt hatte , mußte sich endlich in seiner ganzen Nacktheit und Trostlosigkeit zeigen . Die Krisis war nahe zur Hand , und wenn gegenwärtig das Übel sich ohne greifbare , faßbare Äußerlichkeiten fortspann , so konnte der elektrische Schlag , der das stille , vornehme Haus des Geheimen Rates in die größtmöglichste Verwirrung setzte und es zum Gespräch im Maule der ganzen Stadt machte , nicht ausbleiben . Die böse Hand ballte sich und schlug dröhnend an die Pforte , um aller Verblendung , aber auch allem Schlaf ein Ende zu machen . In den ersten Tagen des Oktobers folgten auf den langen , widerlichen Regen einige Tage , in denen die Natur über ihre Mißlaunigkeit Reue zu empfinden schien und sich bestrebte , durch verdoppelte Liebenswürdigkeit sich wiederum angenehm zu machen . Die Sonne brach durch die Wolken , für sechsunddreißig kurze Stunden zeigte sich das Jahr in seiner matronenhaften Schönheit , und wer den holden Augenblick benutzen konnte und wollte , mochte - sich beeilen ; denn so ganz ist doch eigentlich selten irgendeiner Reue zu trauen . Die gnädige Frau gab ihrem Eheherrn den Befehl , für einen oder zwei Tage Urlaub zu nehmen , und entführte ihn wie den teuern Aimé nach dem nicht allzu fernen Landgute einer befreundeten Familie , die über den längst angekündigten Besuch höchstwahrscheinlich sehr erfreut war . Kleophea hatte sich nicht mitentführen lassen ; sie haßte das Land gründlich und jene landbebauende Familie fast noch mehr . Und sowenig sie Sinn für Naturschönheiten besaß , sowenig Geschmack fand sie an dem heiratsfähigen Erstgeborenen jener achtbaren Familie , der das schöne Mädchen mit seinen glänzenden , gesunden , aber leider etwas glotzenden Augen und seinen schüchternen , meistens mißlingenden Konversationsversuchen bis zum Tode langweilen konnte . Kleophea Götz , die nicht gewohnt war , über ihre Grillen , Launen , Wege und Gänge Rechenschaft zu geben , blieb daheim , sah ihre Eltern mit einem Seufzer der Befriedigung abfahren , litt den Nachmittag an Migräne , ließ den Doktor Theophile abweisen und fuhr am Abend mit einer ihr befreundeten Familie in die Oper , wo sie den Doktor Theophile nicht abweisen konnte . Mit heftigem Kopfweh kam sie nach Hause und schloß sich in ihr Zimmer ein , nachdem sie seltsamerweise vorher ihrer Kusine einen Kuß gegeben und sie ein » armes , gutes Kind « genannt hatte . Sie mußte wirklich eine unruhige Nacht gehabt haben , denn am andern Morgen kam sie sehr spät und sehr abgespannt und nervös zum Vorschein . Als sie von Fränzchen mitleidig auf den Sonnenschein aufmerksam gemacht wurde , erklärte sie , daß sie nichts darnach frage , und nannte die Kusine ein » einfältiges Ding , welches keinen Willen habe , außer zum Leiden « . Dabei weinte sie , setzte sich aber im folgenden Augenblick an den Flügel , um sich in ein Gewirbel der gellendsten Arien zu verlieren . Gegen Mittag wurde sie fast ausgelassen heiter , und während des Mahles forderte sie Hans auf , zu gestehen , daß er in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft erschrecklich in sie verliebt gewesen sei , daß sein ehrbarer Charakter allmählich aber das Richtige gefunden und sich jetzt zum » sanften Fränzchen « gewandt habe . Sie hatte sehr heiße Wangen und lachte sehr laut über die Verwirrung , in welche sie ihre Tischgenossen stürzte . Sie sprach mit sehr unkindlichem Achselzucken von ihrer Mutter , nannte ihren Vater einen » armen Wurm « und ihren Bruder einen » Wurm « , ohne Beiwort . Sie forderte ihre Kusine auf , zu gestehen , daß dieses Haus eine » Hölle « für sie gewesen sei , und den Kandidaten bat sie , offen zu sagen , daß er behaglichere Orte zum » Atemholen « kenne . Sie zeigte sich über alle Beschreibung heftig gegen den aufwartenden Diener und jagte ihn hinaus , um zu gestehen , daß sie ein sehr » unartiges Mädchen « und daß Franziska ein » armer Liebling « sei . Sie trank auf das Wohl von Hans und Fränzchen und bat , daß man Nachsicht mit ihr haben möge . Dann bekam sie von neuem die Migräne und verriegelte sich abermals in ihrem Zimmer . Gegen fünf , als es bereits dämmerig wurde , ging sie aus . Hans saß den Nachmittag über an seinem Fenster , ohne imstande zu sein , etwas Vernünftiges vorzunehmen . Er schlug ein Buch auf , legte es aber wieder fort , stopfte mit geheimem Zittern die Pfeife , die er von dem untersten Grunde seines Koffers heraufholte ; sie ging ihm jedoch bald wieder aus , als wisse auch sie , daß in diesem Hause nicht geraucht werden dürfe . Auf das Gewimmel der drunten vorbeiziehenden Reiter , Fußgänger und Wagen sah er wie gewöhnlich hinunter und versuchte seine Aufmerksamkeit auf den alten , schnauzbärtigen Leierkastenmann mit der Waterloo-Medaille zu richten ; aber auch das wollte nicht recht gehen . Alles zog ihn immer wieder in das Innere des Hauses zurück , und von einer unwiderstehlichen Macht wurde er gezwungen , auf die leisesten Laute in den Gängen und auf den Treppen zu horchen . Ihr leichter Fußtritt ? ... Nein , nein , es war nur das Schleichen der Kammerkatze , die samt dem betreßten Jean beauftragt war , ein scharfes Auge sowohl auf den Herrn Hauslehrer wie auch auf das Fräulein Franziska zu haben , um über jeglichen Vorfall später genauen Bericht geben zu können . Ihre süße Stimme ? Torheit ; es war ein altes Weib draußen in der Allee , das geräucherte Heringe den Liebhabern anbot . Ach , wenn Seufzer die Welt verbessern könnten , sie wäre längst keiner Verbesserung mehr fähig . O wie oft und wie sehr der Kandidat Unwirrsch an diesem ungesegneten Nachmittag seufzte ! Er starrte auf seine Stubentür und dachte an alle jene behaglichen Märchen , in denen die Fee stets zur rechten Stunde ungerufen und gerufen kommt . Als sie nicht