mindeste Lust . Jeden Gruß , den sie beachtete - und sie beachtete nicht jeden - erwiderte sie mit einer ganz leichten Neigung ihres schönen Kopfes , ohne eigentlich den Grüßenden anzusehen . So schnitt sie die Möglichkeit eines Gespräches ab . Man mußte die grenzenlose Unverzagtheit eines Orest besitzen , um sich durch ein so frostiges Benehmen nicht zurückschrecken zu lassen . Orest war an der Wagenreihe hinabgeritten , um sich die Damen und die Pferde in der Nähe zu betrachten . Als er sich Judiths Wagen nahte , fiel es ihm ein , sie in italienischer Sprache zu begrüßen , und es schien ihr angenehm zu sein , denn sie erwiderte ihm zwei Worte . Das war ihm gerade genug , um zu sagen : » Welchen Zauber hat denn dieser Fächer , Signora ? Sie würdigen Ihres Blickes nur seine Bilder - aber nicht das großartige Bild der schönen Welt von Europa . « » Großartig und schöne Welt - sind zwei Worte , die nicht zusammen gehören , « sagte Judith . » Das Großartige liegt außerhalb der schönen Welt . « » Nicht immer ! « entgegnete Orest . » Wenn Sie das ernsthaft behaupten wollen , so bin ich wirklich neugierig auf ein einziges Beispiel . « » Die großartige Schönheit befindet sich mitten in der schönen Welt . « » Selten ! « sagte sie ablehnend . » O Signora ! « rief Orest , » Sie haben ein einziges Beispiel haben wollen und so rede ich auch nur von einer einzigen Schönheit . « » Dies paßt vortrefflich auf meine Nanko , « entgegnete Judith . » Schade , daß sie es nicht versteht . « » Wer ist Ihre Nanko , Signora ? « » Hier mein Äffchen , « sagte Judith , nahm es aus dem Körbchen , steckte den Ring an ihren Finger , der an einem Ende des goldenen Kettchens hing , das um Nankos Hals geschlungen war , und setzte das kleine graziöse Tier auf ihre Hand . » Bei Gott , ein allerliebstes Tierchen ! « rief Orest mit so aufrichtiger Bewunderung , als habe er wirklich Nanko ' s Schönheit im Sinne gehabt . » Sehen Sie , Graf ! « sagte Judith , » Nanko schweigt und meine Fächerbilder schweigen ; darin besteht der Zauber , nach dem Sie fragten . « Ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen , entgegnete er : » Sie haben am allerwenigsten das Recht , dem Schweigen eine Lobrede zu halten ! Ihre Kunst und Ihr Genie sind nicht stumm . « Judith schwieg und bettete ihren Affen wieder in den roten Atlas . Orest fuhr fort : » Wenn wir nun aber einmal der Norma und Desdemona gegenüber so stumm wären , wie Signora Giuditta es uns gegenüber ist - was würden Sie dann sagen ? « » Dann würde ich sagen , daß man sich in London nicht auf die Kunst versteht , « antwortete Judith - und da man eben auf einem Punkt angelangt war , wo die Wagen wendeten , sagte sie zu dem Bedienten : » Nach Hause ! « nickte Orest einen kühlen Gruß zu - und dahin flogen die Apfelschimmel . Schau ! eine perfekte Komödiantin .... aber im großen Stil ! sagte Orest vergnügt zu sich selbst ; der kleine genre ist auch nachgerade langweilig . Und munter sprengte er zu seiner Gesellschaft zurück . - Einige Stunden später war er mit dem Grafen in der italienischen Oper , wo die ganze haute volée beisammen war , um Desdemona ' s tragisches Schicksal zu bewundern und zu beweinen . Denn auf der Bühne war Judith hinreißend , voll Leben , voll Feuer , voll Bewegung , voll tiefer Empfindung und auch im Ausdruck heftiger Leidenschaft immer edel . Ihre mächtige Stimme durchdrang mit einem goldenen Glockenton den ungeheuren Raum , herzerschütternd im tiefen , gehaltenen Ausdruck großer Schmerzen , sinnbezaubernd in den perlenden Fiorituren der Fröhlichkeit , des Glückes , der Zärtlichkeit . Die Damen zerflossen in Tränen , die Herren erschöpften sich in Beifallssturm . Seit der Pasta und der Malibran hatte man keine solche Stimme von solchem Metall und solcher Ausbildung , verbunden mit einem so hinreißenden theatralischen Genie , in der italienischen Oper gehabt . Mit Giuditta ' s goldener Stimme verglichen , hatten die Sontag und die Lind nur Silberstimmen , und deren anmutiges Darstellungstalent verschwand vor den Kunstschöpfungen dieser tragischen Muse . Man erzählte , sie habe geäußert , die Desdemona mache ihr den Eindruck von Orangenblütenduft in einer italienischen Sommernacht - so viel Glut und Zartheit liege in dem Charakter . Das war genug , um einen Regen von Orangenblüten hervorzurufen , mit dem die Bühne überschüttet wurde , als Desdemona auftrat . Die krankhafte Exaltation der Zeit für Erscheinungen in der Theaterwelt hatte sich auch der kühlen , baumwollspinnenden Söhne Albions bemeistert - wenn auch nicht bis zu dem Grad von Wahnwitz gesteigert , der sich auf dem Kontinent an manchen Orten kund gab . Der Gegenstand dieser Bewunderungsexplosion blieb auch auf der Bühne stets in ruhiger Haltung - und das gefiel nur umso mehr . Die Schicksalswendung , welche Judith getroffen hatte , war nicht geeignet , um ihr Welt und Menschen in einem lieblichen Lichte darzustellen . Der gänzliche Umsturz seiner glänzenden Verhältnisse hatte Judiths Vater geistig entkräftet . Er fühlte sich außer Stande , noch einmal - und zwar bei sechzig Jahren - das Riesenwerk des Reichwerdenwollens von vorn wieder anzufangen . Madame Miranes , die ihr Leben lang nichts anderes getan , als Geld ausgegeben hatte , war eine Ausnahme unter den Töchtern ihres Volkes , verstand nichts von Geschäften , von Einschränkung ihres Luxus , von einem Leben nach ganz niedrigem Maßstab der Finanzen , und anstatt ihrem Mann seine traurige Lage tragen zu helfen , erschwerte sie ihm die Last . Judith stand zwischen dem kraftlosen Vater und der verzweiflungsvollen Mutter , ganz bereit , ihn